„Seelsorge“ und „Theologie“ – zwei Zentralbegriffe christlichen Denkens. Kein Geringerer als Platon führte sie bereits im frühen 4. Jahrhundert vor Christus in den philosophischen Diskurs ein – heute ist das nahezu unbekannt. Die Gleichnisse, mit denen Platon nicht zuletzt seinen Lehrer Sokrates zitierte, sollen die Zuhörer zu besserem und gerechterem Denken führen. Durch die Zeitläufte des Hellenismus sollte diese Schule des Denkens eine kaum zu überschätzende, gottbezogene Bedeutung erhalten. Gastbeitrag von Sebastian Sigler.
Von Aufbau und von der Systematik her sind die auf den jüdischen – und christlichen – Gott bezogenen Gleichnisse Jesu, die rund fünf Jahrhunderte später niedergeschrieben wurden, nichts anderes als die Lehrbeispiele bei Platon. Ob es das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, vom barmherzigen Samariter oder vom verlorenen Sohn ist – immer finden wir Werte und Aufforderungen, die sich bereits bei Platon finden. Wer sich diese kulturelle Typologie bewusst macht, wird das Neue Testament kaum mehr zur Hand nehmen, ohne immer wieder Anklänge an die klassische griechische Philosophie zu erkennen. Die Gemeinsamkeiten sind verblüffend.
Ein evangelischer Pfarrer im Ruhestand hat sich nun der ganz besonderen Konstellation bei der Entstehung des Neuen Testaments angenommen – und zwar so, dass es auch für entschiedene Verfechter des römisch-theologischen Kontextes als „gut katholisch“ durchgehen kann – so scheint es dem Rezensenten. Denn Richert richtet seinen Blick sehr absichtsvoll auf zwei ausgesuchte, namhafte Autoren des Neuen Testaments – den Evangelisten Johannes und den Apostel Paulus. Der Autor hat die Gemeinsamkeit in der Logik, die exakt diese drei Autoren auszeichnet, schon vor über einem Jahrzehnt erkannt und darüber eine vielbeachtete Studie veröffentlicht.
Aktuell hat er sich dieser Thematik abermals angenommen, und waren die bisherigen Ereignisse schon mehr als beachtenswert, so legt er nun ein gereiftes und in seiner Logik rundum bestechendes Buch vor. Ja, sein Titel könnte sogar, leicht abgewandelt, heißen wie folgt: „Ein Versuch über klassisch-griechische Wurzeln des Neuen Testamens“ – als selbstverständlich bekannt sei vorausgesetzt, dass die Urschriften der Evangelien und der Apostelgeschichte in griechischer Sprache verfasst wurden.
Erstaunlich ist die weitreichende Übereinstimmung ethischer und moralischer Werte in griechischer Philosophie und christlicher Lehre, die Richert in seinem inhaltsschweren Buch herausarbeitet. Das fällt altsprachlich gebildeten Menschen sofort auf, denn aus der Lektüre griechischer Originaltexte – also der Grammatik, in der diese Texte strukturiert sind – ist die Logik nirgends wegzudenken. Und so untersucht Richert die Zentralbegriffe „Wahrheit“, „Gott“ und „Leben“ jeweils bezogen auf einen der drei genannten Autoren – neun Kapitel ergeben sich, völlig logisch. Die Zahlensymbolik ist nicht zu übersehen – auch der Kapitelsaal in Zisterzienserklöstern ist in dreimal drei Jochen gestaltet, wobei dieses Beispiel aus der mittelalterlichen Baukunst für eine Vielzahl an Bezügen stehen mag, in denen die abendländische Kultur verwoben ist.
Nachdem auch kein bedeutender Text ohne vielfache Bezüge auf seine materielle Umwelt auskommt, wie eine gute Hermeneutik wohl weiß, bleibt als Ergebnis dieses: Platon und Christus sind geistig deutlich stärker miteinander verbunden, als der oberflächliche Bibelleser vielleicht vermeint. Johannes, der Evangelist, und ebenso der Apostel Paulus haben sich durch den geistigen Reichtums der Philosophie Platons leiten lassen, wobei natürlich der Geist, der mit dem Pfingstereignis in die Welt trat, hinzuzurechnen ist. Die theologischen Termini von der „einen Wahrheit“, von „Gott als Vater“, vom „Leben als Angleichung an Gott“ und vom Menschen als „ewig lebendem Kind Gottes“ finden sich aber bereits bei Platon, wie Richert darlegt, und Johannes sowie Paulus bedienen sich ihrer gleichermaßen und in bestem Sinne.
Die Textbezüge sind vielfach und Friedemann Richert legt seinen Lesern die Wirkmächtigkeit der Texte aus, indem er immer aufs Neue ordnet. Er geht diesen geistigen Verbindungslinien in drei Abschnitten nach, bei Platon beginnend, Johannes bedenkend und erklärend, zu Paulus führend. Formal geschieht dies, indem er die dreimal drei Kapiteln „Wahrheit“, „Gott“ und „Leben“ jeweils zusammenfasst, für Johannes und Paulus aber zusätzlich jeweils einen Abschnitt „Parallelen zu Platon“ anfügt. So kann er zeigen, dass Johannes und Paulus ihre Theologie zwar aus der vollen Offenbarung heraus betreiben, aber für deren Grundlagen aber durchaus auf Platon zurückgreifen. Zugespitzt ließe sich sagen: Man muss Platon kennen, will man Johannes und Paulus verstehen. In diesen gedanklichen Horizont will Richert den Leser einweisen. Entstanden ist ein Buch, das seinen Wert über Generationen hinweg behalten wird, weil die christliche Hermeneutik um eine echte Perspektive erweitert wird. Dem Lepanto-Verlag ist es einmal mehr gelungen, sich in der Wahl seiner Veröffentlichungen das Prädikat „von höchster geistiger und geistlicher Relevanz“ zu verdienen. Das schmälert die Leistung des Autors nicht, sondern hebt sie hervor. Wer sich dieses Buch ins Regal steht, wird es nicht bereuen.
Friedemann Richert: Platon und Christus – Ein Versuch über antike Wurzeln des Neuen Testaments, Reihe „Bedenken und Besinnen“ des Lepanto Verlags, Rückersdorf über Nürnberg 2026, 270 Seiten, Klappenbroschur | ISBN 978-3-942605-39-7, 22 Euro.
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