Der „Spiegel“ will vor Ulrich Siegmund warnen – und macht Werbung für ihn

(David Berger) „Der gefährlichste Mann Deutschlands“: Mit dieser martialischen Schlagzeile widmet der „Spiegel“ seine aktuelle Titelgeschichte dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Wer sich allerdings durch den Artikel arbeitet, erlebt eine Überraschung: Ausgerechnet das Hamburger Nachrichtenmagazin liefert über weite Strecken eine Beschreibung des Politikers, die man beinahe für Wahlwerbung halten könnte.

Enorme 7,10 Euro kostet die aktuelle Ausgabe des „Spiegel“. Wir haben sie gelesen, damit unsere Leser sich diese Ausgabe sparen und dafür diesen Blog mit einer kleinen Zuwendung unterstützen können (siehe am Ende des Artikels). Denn wirklich interessant ist weniger, was der „Spiegel“ über Ulrich Siegmund behaupten möchte, als das, was er bei näherer Beschäftigung mit dem AfD-Politiker offenbar einräumen muss. Schon das Titelblatt fährt schweres Geschütz auf. „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ steht dort in großen roten Lettern unter dem Porträt Siegmunds. Darunter beinahe nüchtern: „Ulrich Siegmund – AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt“.

Linke: „So jemanden bräuchten wir auch“

Man erwartet nach dieser Ankündigung eine Abrechnung. Einen Politiker, vor dem Deutschland gewarnt werden müsse. Einen Mann, dessen vermeintliche Gefährlichkeit nun Seite für Seite belegt wird. Und dann liest man plötzlich Sätze wie diesen: „Bei der Linken sagt man hinter vorgehaltener Hand: So jemanden bräuchten wir auch. Man ist neidisch auf hochwertige Videos von Simson-Ausfahrten. Oder von Clips, in denen er zum Beispiel in der Walzengießerei mit anpackt.“

Das muss man erst einmal wirken lassen. Ausgerechnet bei der politischen Konkurrenz soll man also neidisch auf Siegmunds Auftreten sein. Nicht etwa, weil er besonders radikal oder furchteinflößend erscheint, sondern weil seine Videos offenbar funktionieren, weil er Menschen erreicht und weil seine Inszenierung professionell genug ist, dass andere Parteien gerne einen Politiker mit vergleichbarer Wirkung hätten: „So jemanden bräuchten wir auch.“ Viel schöner hätte es vermutlich keine AfD-Wahlkampfagentur formulieren können.

Doch damit nicht genug. Der „Spiegel“ beschreibt einen Politiker, der offenbar etwas besitzt, das im heutigen Politikbetrieb keineswegs selbstverständlich ist: Authentische Freude am Kontakt mit Menschen. Über Siegmunds Auftritte heißt es: „Es wirkt, als ziehe er aus diesen Begegnungen Energie. Andere Politiker sehen nach langen Wahlkämpfen ausgezehrt aus, werden dick oder dünn. Siegmund sieht immer gut aus – und weiß das.“ Auch das soll vermutlich kritisch oder zumindest mit ironischer Distanz gemeint sein. Beim unvoreingenommenen Leser dürfte jedoch etwas anderes hängen bleiben: Da ist ein Politiker, der nach langen Begegnungen mit Bürgern nicht erschöpft wirkt, sondern daraus „Energie“ zieht. Andere Politiker werden im Wahlkampf müde, wirken ausgezehrt, verlieren ihre Ausstrahlung. Siegmund offenbar nicht. Und er „sieht immer gut aus“.

Der gefährlichste Mann Deutschlands?

Noch erstaunlicher wird es, wenn der „Spiegel“ über die Stimmung bei der politischen Konkurrenz berichtet. Dort scheint man inzwischen nämlich keineswegs mehr davon überzeugt zu sein, Siegmunds Erfolg verhindern zu können: „In der Union und Teilen der Medien wächst der Fatalismus. Vielleicht, sagen viele, lässt es sich dieses Jahr wirklich nicht mehr verhindern.“ Dieser Satz dürfte politisch zu den weitreichendsten der gesamten Titelgeschichte gehören. Denn hier geht es nicht mehr um Äußerlichkeiten, Social-Media-Videos oder persönliche Wirkung. Hier wird eingeräumt, dass in Teilen der Union und der Medien offenbar die Vorstellung um sich greift, ein Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt könne möglicherweise nicht mehr aufzuhalten sein: „Vielleicht […] lässt es sich dieses Jahr wirklich nicht mehr verhindern.“

Wer einen Politiker als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ auf den Titel hebt, möchte beim Leser eigentlich Alarm auslösen. Doch wer gleichzeitig vermittelt, dessen Erfolg könne womöglich nicht mehr verhindert werden, erzeugt etwas ganz anderes: das Bild politischen Momentums. Und dann wird es beinahe persönlich. Über Siegmunds frühere Wirkung heißt es: „Charmant und einnehmend sei er gewesen, »ein Schulschwarm«, »sehr erfolgreich bei Frauen«.“ Man stelle sich für einen Moment vor, diese Beschreibung stünde in einer Wahlkampfbroschüre: charmant, einnehmend, beliebt, erfolgreich bei Frauen, professionell in sozialen Medien, energiegeladen im Kontakt mit Bürgern – und von der politischen Konkurrenz insgeheim beneidet. Vermutlich würde man der Broschüre vorwerfen, ihren Kandidaten allzu offensichtlich zu idealisieren. Beim „Spiegel“ steht es in einer Titelgeschichte über den „gefährlichsten Mann Deutschlands“.

Wahlkampfbroschüre oder Spiegel-Story?

Die unfreiwillige Komik dieses Covers ist kaum zu übersehen. Das Magazin möchte offenbar erklären, weshalb Ulrich Siegmund gefährlich sein soll. Um das zu tun, muss es aber zunächst erklären, weshalb er politisch erfolgreich ist. Und plötzlich entsteht zwischen all den Warnsignalen ein Porträt, das erheblich schmeichelhafter ausfällt, als es die martialische Überschrift vermuten lässt. Ein Politiker, der offenbar gerne unter Menschen ist. Der moderne Medien beherrscht. Der weiß, wie Bilder funktionieren. Der selbst bei politischen Gegnern Neid hervorruft. Der als charmant und einnehmend beschrieben wird. Und dessen mögliche Erfolge bei Union und Medien bereits „Fatalismus“ auslösen sollen.

Hat die Spiegel-Redaktion überhaupt nicht bemerkt, worin das Problem ihrer Berichterstattung liegt? Der Titel sagt dem Leser bereits, was er denken soll: Gefahr. Der Text muss dagegen erklären, warum dieser Mann bei Wählern ankommt. Und genau dabei passiert dem Spiegel das journalistisch Interessante: Je genauer das Magazin die Wirkung Siegmunds beschreibt, desto schwieriger wird es, das auf dem Titel vorgegebene Bild aufrechtzuerhalten. Natürlich enthält die Titelgeschichte weit mehr als diese Passagen und verfolgt insgesamt eine deutlich kritische Perspektive. Aber gerade deshalb sind diese Stellen so wichtig. Denn es handelt sich nicht um Aussagen aus einer AfD-Pressemitteilung oder aus Siegmunds eigenem Wahlkampf. Es sind Beobachtungen und wiedergegebene Einschätzungen ausgerechnet in jener Geschichte, die unter der Überschrift „Der gefährlichste Mann Deutschlands“ verkauft wird.

Solche Alarmtitel funktionieren nur so lange, wie die Leser die Etikettierung übernehmen und sie noch irgendetwas mit der Person zu tun hat. Wer stattdessen die Beschreibungen liest, kann zu einem ganz anderen Schluss gelangen. Der Spiegel wollte vor Ulrich Siegmund warnen. Und hat dabei stellenweise eine erstaunlich gute Wahlwerbung für ihn geschrieben.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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