(David Berger) Nicht Evangelisierung, sondern Wahlkampf gegen die AfD scheint für manche deutsche Bistümer inzwischen höchste Priorität zu haben. Vertreten sie damit noch die katholischen Gläubigen – oder nur noch ihre eigene politische Agenda?
Ausgerechnet wenige Wochen vor den entscheidenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern starten die Erzbistümer Berlin und Hamburg gemeinsam mit Caritas und Diözesanräten eine neue Kampagne unter dem Motto „Mit Herz und Haltung für Demokratie und Nächstenliebe“. Offiziell geht es um Demokratie, Dialog und Menschenwürde. Tatsächlich richtet sich die Initiative jedoch unübersehbar gegen die AfD. Begleitet wird sie von Arbeitshilfen, die Gemeinden vom Einladen von AfD-Vertretern abraten und kirchliche Räume ausdrücklich als Orte der politischen Mobilisierung verstehen.
Wie weit wollen sie noch gehen
Alexander Kissler nimmt diese Entwicklung in seiner aktuellen Ausgabe von Kissler Kompakt mit bemerkenswerter Klarheit auseinander. Seine zentrale Frage trifft den Kern des Problems: Darf die Kirche vor einer demokratischen Wahl faktisch gegen eine bestimmte Partei mobilisieren, obwohl Millionen ihrer eigenen Mitglieder eben diese Partei wählen?
Gloria von Thurn und Taxis: AfD einzige katholische Partei
Hier beginnt der eigentliche Skandal. Die deutschen Bistümer vermitteln immer häufiger den Eindruck, sie sprächen im Namen aller Katholiken. Tatsächlich zeigen Umfragen seit Jahren, dass ein erheblicher Teil praktizierender Katholiken die AfD wählt oder ihr zumindest wesentlich offener gegenübersteht als die kirchliche Führung. Wer diese Gläubigen pauschal in die Nähe von Demokratiefeinden oder Extremisten rückt, grenzt nicht nur eine Partei aus – sondern einen Teil der eigenen Herde.
Bemerkenswert ist dabei der Kontrast zu Stimmen aus dem katholischen Laienapostolat. So erklärte Gloria von Thurn und Taxis in einem vielbeachteten Interview beim Kontrafunk, die AfD sei heute die einzige Partei, die zentrale christliche Positionen – etwa beim Lebensschutz, beim Schutz der Familie oder bei der Religionsfreiheit – noch konsequent vertrete. Über diese Einschätzung kann man streiten. Man kann sie auch entschieden ablehnen. Aber sie zeigt, dass es unter überzeugten Katholiken keineswegs nur eine politische Position gibt.
Genau deshalb stellt sich eine grundsätzliche Frage: Mit welchem Recht treten einzelne Diözesen in parteipolitischen Debatten so auf, als repräsentierten sie die katholischen Gläubigen insgesamt? Der Auftrag der Kirche besteht darin, Christus zu verkünden, die Sakramente zu spenden und die Menschen im Glauben zu stärken. Er besteht nicht darin, Wahlempfehlungen gegen bestimmte Parteien zu organisieren oder den politischen Meinungskorridor für Katholiken festzulegen.
Hinzu kommt eine bemerkenswerte Spannung innerhalb der Kampagne selbst. Einerseits werben die Initiatoren für Dialog und Gespräch. Andererseits sollen ausgerechnet Vertreter der stärksten Oppositionspartei vielerorts gar nicht erst auf kirchlichen Veranstaltungen auftreten. Dialog mit allen – außer mit jenen, die man zuvor moralisch disqualifiziert hat? Das wirkt kaum überzeugend.
Widerspruch statt Gleichschaltung
Wer die Geschichte der Kirche kennt, weiß zudem, dass ihre Glaubwürdigkeit niemals davon abhing, sich an die jeweils herrschenden politischen Mehrheiten anzupassen. Im Gegenteil: Die Kirche war dann besonders glaubwürdig, wenn sie unabhängig blieb und ihr Urteil allein aus dem Evangelium und der katholischen Soziallehre ableitete – auch dann, wenn dies allen politischen Lagern gleichermaßen widersprach. Vielleicht wäre genau das heute nötiger denn je. Statt Bannerkampagnen gegen missliebige Parteien zu organisieren, könnten sich die deutschen Bistümer den Fragen widmen, die Millionen Katholiken tatsächlich bewegen: dem dramatischen Glaubensverlust, den leeren Kirchen, der Krise der Berufungen, der Glaubensweitergabe an die nächste Generation oder der Verteidigung des Lebensrechts ungeborener Kinder.
Natürlich dürfen auch Bischöfe eine politische Meinung haben. Aber: Können Diözesen, die in hoch umstrittenen parteipolitischen Fragen immer wieder eindeutig Position beziehen, überhaupt noch glaubhaft behaupten, für die Katholiken zu sprechen? Oder sprechen sie längst nur noch für jenen Teil der Kirche, der sich den politischen Koordinaten des gegenwärtigen Zeitgeistes angepasst hat?
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