Das andere Europa erwacht: Ein Thinktank kämpft um das christliche Abendland

(David Berger) Während Brüssel Europa auf Bürokratie, offene Grenzen und immer neue gesellschaftspolitische Experimente reduziert, erinnert „Europa Aeterna“ an seine eigentlichen Fundamente: griechische Philosophie, römisches Recht und christlichen Glauben. Im Gespräch mit PP erklären die Gründungsmitgliedern von Europa Aeterna, Prof. Felix Dirsch und Dr. Christian Machek, warum die Rückbesinnung auf das Abendland keine nostalgische Übung, sondern eine Überlebensfrage für Europa ist.

Europa ist mehr als ein geographischer Raum, mehr auch als die Institutionen der Europäischen Union. Seine geistige Gestalt entstand aus der Verbindung von griechischer Philosophie, römischem Recht und christlichem Glauben – aus jenem Erbe also, das heute zwar noch in Kathedralen, Universitäten und Rechtsordnungen fortlebt, im politischen und akademischen Betrieb jedoch zunehmend verdrängt oder verleugnet wird.

Tragfähiges philosophisches Fundament

Dieser Entwicklung will sich die 2023 gegründete „Europa Aeterna – Akademie für politische Philosophie“ entgegenstellen. Die von dem Politikwissenschaftler und katholischen Sozialethiker Prof. Felix Dirsch geleitete Denkschmiede versteht sich als Kompetenznetzwerk auf der Grundlage der christlichen Soziallehre und der abendländischen Denktradition. Politische Philosophie, Konservativismus, christliche Soziallehre und Ideologieforschung bilden ihre vier thematischen Säulen. Dabei geht es den Initiatoren nicht allein um die Bewahrung historischer Wissensbestände, sondern um deren Anwendung auf die politischen und kulturellen Auseinandersetzungen der Gegenwart.

Mit Konferenzen über Ehe und Familie, den Konservativismus oder „Platon und Europa“, mit Publikationen, Vorträgen und einem Forschungsprojekt über neue Formen des Totalitarismus versucht die Akademie, konservatives Denken wieder auf ein tragfähiges philosophisches Fundament zu stellen. Auch vor der direkten Einmischung in politische Debatten schreckt sie nicht zurück: So war ein Mitarbeiter der Akademie 2024 als Sachverständiger im Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages geladen. Grund genug für Philosophia Perennis, den noch jungen Thinktank, seine geistigen Grundlagen und seine Pläne genauer vorzustellen.

Frage: Sehr geehrte Herren, „Europa Aeterna“ klingt wie ein Gegenentwurf zu einem Europa, das seine eigene Geschichte zugunsten eines hin- und herwehenden Zeitgeistes vergessen hat. Was war der konkrete Anlass zur Gründung Ihrer Akademie, und welche geistige Lücke wollen Sie schließen?

Prof. Dirsch

Prof. Dirsch/Dr. MachekDer konkrete Anlass war die Beobachtung einer fortschreitenden geistigen und kulturellen Entwurzelung unseres Kontinents. Wir erleben heute in einem geschichtslosen, an positivem Mythos armen und linksversifften Deutschland und in einer EU, die sich zu einem technokratischen Projekt und aktuell zu einer woken Kriegspartei im Namen von ominösen „Werten der EU“ entwickelte – beide verleugnen jedoch ihre metaphysische Tiefendimension. Die entstandene geistige Lücke, die wir schließen wollen, ist jene der Metapolitik bzw. der politischen Philosophie oder, wenn Sie so wollen, der geistige Überbau im Hinblick auf die Klassiker abendländischen Denkens, in der die Frage nach dem guten Leben gestellt wird. Wir sind überzeugt, dass politische Ordnung nur dann Bestand hat, wenn sie auf einer vor-politischen, religiösen und philosophischen Wahrheit ruht. Europa Aeterna will jenen ewigen Werten wieder eine Stimme geben, die jenseits von Wahlperioden und tagesaktuellen Stimmungen Bestand haben. Inspiriert hat uns insbesondere Prof. David Engels mit seinem Werk Europa Aeterna, in dem ein alternativer Verfassungsentwurf für Europa präsentiert wird.

Frage: Sie führen Europa auf drei große Quellen zurück: die griechische Philosophie, das römische Recht und das Christentum. Kann Europa seine Identität bewahren, wenn es sich politisch und kulturell immer weiter von seinem christlichen Fundament entfernt?

Prof. Dirsch/Dr. MachekIn aller Deutlichkeit: Nein. Diese drei Quellen bilden eine organische Einheit. Die griechische Vernunft gab uns das begriffliche Werkzeug, das römische Recht die äußere Ordnung, aber erst das Christentum schenkte Europa seine Seele und das Verständnis der unantastbaren Würde der Person. Wenn man das christliche Fundament entfernt, bricht das gesamte Gebäude zusammen. Was übrig bleibt, ist ein seelenloser Materialismus oder ein abstrakter Humanismus, der keine Kraft zur Selbstbehauptung hat. Ein Europa ohne Christus ist wie ein Körper ohne Immunsystem – es wird wehrlos gegenüber letztlich lebensfeindlichen Ideologien und demografischen Verschiebungen.

Frage: Ihre Akademie spricht ausdrücklich von einer „(r)echten christlichen Soziallehre“. Was unterscheidet sich diese von jenem politisch angepassten Christentum, das heute weite Teile der katholischen und evangelischen Amtskirchen prägt?

Dr. Machek

Prof. Dirsch/Dr. MachekDas Wortspiel „(r)echt“ deutet auf zwei Dinge hin: Wir meinen die echte, im Sinne der korrekten, ursprünglichen Lehre und die rechte im Sinne einer Position, die sich nicht scheut, „rechtskonservativ“ zu sein und sich von linken Irrtümern abgrenzt. Die heutige Amtskirche predigt heute meist einen uferlosen Universalismus und eine rein diesseitige Sozialethik, die kaum noch von den Programmen linker Parteien unterscheidbar ist. Die echte christliche Soziallehre hingegen basiert auf göttlicher Offenbarung und dem Naturrecht. Sie betont die Subsidiarität und somit Eigenverantwortung, den Vorrang der Familie, das Eigentumsrecht und die geordnete Liebe zum Nächsten – die immer beim Konkreten. zu dem auch die Kategorie Volk gehört – beginnt und nicht bei einer abstrakten Menschheit und anderen Utopien. Es sei an dieser Stelle die augustinische Lehre des ordo amoris erwähnt, eben eine rechte, gestufte Ordnung der Liebe und der Verantwortlichkeiten, die jedem Menschen mit Hausverstand einsichtlich ist und mit der die meisten Zeitgeist-Apologeten ihre Schwierigkeiten haben.

Frage: Ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit liegt auf der klassischen politischen Philosophie, insbesondere auf Platon. Besteht da nicht die Gefahr einer gewissen Einseitigkeit, da das Abendland doch vielmehr durch die aristotelisch-thomistische Idee als den Platonismus geprägt wurde?

Prof. Dirsch/Dr. MachekDas ist ein berechtigter Einwand, aber kein Widerspruch. Platon ist der Entdecker der „Idee“, die Aristoteles „Form“ nennt, und somit insbesondere der transzendenten Ordnung, die Aristoteles Metaphysik nennt. In einer Zeit des grassierenden Relativismus brauchen wir Platon, der als erster diese Auseinandersetzung gegen die Sophisten mit ihrem Relativismus und auch Utilitarismus bestritt, um den Blick wieder auf das Wesentliche zu richten. Natürlich bleibt der Aristotelismus mit seinem Sinn für das Konkrete und Thomas von Aquin mit seiner Synthese von Glaube und Vernunft unser fester Boden, doch sehen wir Platon als deren geistigen Vater der Denkschule der sogenannten philosophia perennis, in deren Zentrum nicht zuletzt eine bestimmte realistische Anthropologie oder die Tugendlehre stehen. Platon, hinter dem immer Sokrates mit seinen Fragen steht, liefert uns den radikalen geistigen Aufbruch gegen die Höhle der modernen Schattenbilder. Wir brauchen heute die platonische Tiefe, ihr Maß und insbesondere auch den von Platon herausgearbeiteten (männlichen) Thymos, um den Mut zur Wahrheit in einer Welt der Täuschung wiederzufinden.

Frage: Was können Platon, Aristoteles und die christliche Naturrechtstradition zur Lösung heutiger Probleme beitragen – von der Krise der Demokratie bis zur Auflösung verbindlicher Vorstellungen von Wahrheit, Geschlecht und Familie?

Prof. Dirsch/Dr. MachekSie lehren uns, dass die Wirklichkeit eine Ordnung hat, die wir nicht „erfinden“, sondern nur „vorfinden“ und auf die wir uns als Menschen „einstimmen“ sollen. Die Krise der Demokratie (mit ihren entarteten Scheinformen und Simulationen) ist im Kern eine Krise der Wahrheit: Wenn alles zur Verhandlungssache oder nur Konvention wird, bricht die Ordnung zusammen. Das Naturrecht sagt uns: Es gibt Dinge, einen höheren unsichtbaren Maßstab, die einer Mehrheitsentscheidung oder einem bloßen Konsens entzogen sind – etwa das Recht auf Leben, die Dualität der Geschlechter oder die Würde eines Kindes (keine Ware zu sein). Platon und Aristoteles geben uns das Rüstzeug, um zu erkennen, dass Freiheit ohne Bindung an die Wahrheit in die Tyrannei führt. Man denke hier auch an die heute sehr aktuelle Tyrannenlehre Platons, die die Ursache der Unordnung der Gesellschaft in der seelischen Unordnung der Menschen und ihrer Herrscher verortet. Platon bietet auch das intellektuelle Heilmittel gegen den Transhumanismus und die Gender-Ideologie, indem sie uns zur Natur des Menschenzurückführen. Es sei in diesem Zusammenhang an die von Europa Aeterna veröffentlichte Studie über Ernst-Wolfgang Böckenförde verwiesen, der von den Voraussetzungen von Staat und auch Demokratie sprach und diese als die „moralische Substanz“ und die „Homogenität der Gesellschaft“ gewährleistend bestimmte – zwei zu tiefst platonische Topoi wie Felix Wachter in der genannten Studie treffend analysierte.

Frage: Konservatismus wird im öffentlichen Diskurs häufig auf das Bewahren des Bestehenden reduziert. Doch was soll ein Konservativer bewahren, wenn Institutionen, Universitäten, Medien und selbst Kirchen längst von progressiven, transhumanistischen Ideologien geprägt sind? Muss echter Konservatismus heute nicht zwangsläufig oppositionell oder sogar gegenrevolutionär sein?

Prof. Dirsch

Prof. Dirsch/Dr. MachekSie sprechen einen entscheidenden Punkt an. Wenn das „Bestehende“ korrupt oder destruktiv geworden ist, ist das bloße Bewahren eine Form der Kapitulation. Wir befinden uns in einer Situation, die man mit dem Wort von Panajotis Kondylis als „Ende des Konservatismus“, verstanden als reine Bewahrungsstrategie, bezeichnen könnte. Echter Konservatismus muss heute wieder reaktionär im besten Sinne des Wortes sein: Er muss auf die ewigen Prinzipien reagierenund sie gegen die Revolution verteidigen. Er muss die Asche wegfegen, um die Glut der Tradition wieder zu entfachen. In diesem Sinne ist Europa Aeterna durchaus eine oppositionelle Kraft gegen den nihilistischen Zeitgeist. Es gilt, aus dem zu leben, was ewig gilt.

Frage: In einem Forschungsprojekt untersuchen Sie neue, „sanfte“ Formen des Totalitarismus. Woran erkennt man diesen Neototalitarismus, und wodurch unterscheidet er sich von den offenen totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts?

Prof. Dirsch/Dr. MachekDer Neototalitarismus des 21. Jahrhunderts braucht keinen Stacheldraht und keine Geheimpolizei alten Stils, obwohl es diese noch gibt. Er agiert über soziale Kontrolle, digitale Überwachung, Sprachverbote („Political Correctness“) und die moralische Ächtung von Abweichlern. Er ist „sanft“, weil er die Menschen nicht physisch brechen will, sondern sie psychologisch in die Konformität treibt. Er tarnt sich als „Toleranz“ und „Schutz“, zielt aber auf die totale Erfassung des menschlichen Geistes ab. Man erkennt ihn daran, dass der Raum des Sagbaren immer enger wird und die Privatsphäre im Namen kollektiver Ziele (wie Gesundheit oder Klima) aufgelöst wird.

Frage: Sie haben sich auch kritisch mit dem sogenannten Linkskatholizismus beschäftigt. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen legitimer christlicher Sozialkritik und einer politischen Ideologie, die christliche Begriffe lediglich benutzt, um letztlich ein marxistisches oder globalistisches Menschenbild durchzusetzen?

Dr. Machek

Prof. Dirsch/Dr. MachekDie Grenze verläuft dort, wo die Transzendenz und das Richtmaß der göttlichen Offenbarung, ihre Weisung und ihre Gebote aufgegeben werden. Der Linkskatholizismus will letztendlich in der Welt aufgehen und steht somit im direkten Widerspruch zu der paulinischen Aufforderung, sich nicht dem Geist dieser Welt anzupassen. Christliche Sozialkritik sieht Ungerechtigkeiten, das Leid des Menschen und will ihm aus der Liebe zu Christus helfen. Der Linkskatholizismus mit all seinen modernistischen Irrtümern hingegen will letztlich ein bequemes „Paradies auf Erden“; er ist voll von Misstrauen und Abscheu für alles, was wohlgeordnet, ehrwürdig, solide, traditionsbewusst, ethisch gebunden und unbedingt ist. Er säkularisiert das Heil und „immanentisiert das Eschaton“ (Eric Voegelin) und ersetzt es durch Ersatzdogmen wie die Gleichheit der Menschen oder den „Fortschritt“ (im Singular). Wenn etwa die „Rettung des Planeten“ wichtiger wird als die Rettung der Seelen oder des ungeborenen Lebens und wenn die „Grenzenlosigkeit“ zur Pflicht erhoben wird, dann haben wir es mit einer Ideologie zu tun. In dieser wird das Christentum nur noch als moralistische Fassade für einen globalistischen Sozialismus missbraucht, der letztendlich die Erbsünde leugnet und die Schuld immer nur beim anderen oder beim weißen Mann sehen wird.

Frage: Europa Aeterna veranstaltet Konferenzen und Stammtische, veröffentlicht Grundlagentexte und lädt zur aktiven Mitarbeit ein. Welche konkreten Projekte planen Sie für die kommenden Jahre – und wie können Leser von Philosophia Perennis Ihre Arbeit kennenlernen oder unterstützen?

Prof. Dirsch/Dr. MachekWir laden alle ein, unsere Heimseite europa-aeterna.org zu besuchen, unsere Beiträge und Grundlagentexte zu studieren und sich in unseren YouTube-Kanal zu vertiefen. Für Februar 2027 planen wir auch unsere nächste internationale Konferenz in Wien, dieses Mal zum Thema Gemeinwohl, Politik und zur christlichen Soziallehre. Wir wollen uns vergewissern, was denn diese meist vergessene und verdrängte christliche Soziallehre eigentlich ist. Wir laden auch zu unseren Stammtischen in Wien, Berlin, demnächst auch in Brüssel und Oxford ein und bitten um Weiterverbreitung unserer Inhalte sowie nach Möglichkeit um Spenden, die uns diese unabhängige Arbeit erst erlauben. Wir arbeiten derzeit intensiv an einem großen Forschungsprojekt zum Thema Linksideologie bzw. Linksextremismus, deren Ergebnisse nächstes Jahr veröffentlicht werden. Wir bauen ein Netzwerk der geistigen Selbstbehauptung – und jeder ist aufgerufen, an seinem Platz daran mitzuwirken.

David Berger: Ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch!


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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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