(David Berger) Es sind Worte katholischer Klarheit, wie man sie aus den Reihen hoher Kirchenvertreter heute nur noch selten hört. Der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Kardinal Müller, hat im italienischen Parlament eindringlich davor gewarnt, dass Europa seine eigene Zukunft verspiele, wenn es seine christlichen Wurzeln weiter verleugne. Die eigentliche Krise Europas sei nicht wirtschaftlicher oder technischer Natur, sondern eine geistige und kulturelle Krise.
Der hochgebildete Kardinal sprach auf einer Konferenz im italienischen Abgeordnetenhaus, die sich mit den Folgen der Gender-Ideologie sowie den Gefahren für Religions- und Bildungsfreiheit in Europa beschäftigte. Veranstalter und Teilnehmer kritisierten insbesondere die zunehmende ideologische Einflussnahme europäischer Institutionen auf Fragen von Familie, Geschlecht und Menschenbild.
Europa lebt von einem Erbe, das es verdrängt
Der Kardinal erinnerte daran, dass die europäischen Gründerväter wie Robert Schuman, Alcide De Gasperi und Konrad Adenauer Europa niemals als bloßes Wirtschaftsprojekt verstanden hätten. Die europäische Einigung sei vielmehr aus einer gemeinsamen christlichen Kultur hervorgegangen, die Vorstellungen von Menschenwürde, Freiheit, Recht und Verantwortung hervorgebracht habe.
Damit berührt Müller einen Punkt, den viele Politiker heute geflissentlich übergehen. Die Werte, auf die sich die Europäische Union gerne beruft, sind nicht im luftleeren Raum entstanden. Sie sind Frucht einer jahrhundertelangen christlichen Prägung Europas. Wer die Wurzeln kappt, darf sich nicht wundern, wenn der Baum abstirbt.
Die neue Ideologie Europas
Besonders scharf fiel die Kritik des Kardinals an jenen ideologischen Strömungen aus, die unter dem Schlagwort von Vielfalt, Antidiskriminierung und Fortschritt zunehmend verbindliche Weltanschauungen durchsetzen wollen. Die Debatten um Gender, Familie und Anthropologie seien längst keine Randthemen mehr. Sie beträfen das Fundament des Menschenbildes, auf dem jede Gesellschaft ruht.
Tatsächlich erleben wir seit Jahren, wie christliche Überzeugungen immer häufiger als problematisch oder gar demokratiegefährdend dargestellt werden. Gleichzeitig genießen Ideologien besonderen Schutz, die biologische Tatsachen relativieren und traditionelle Familienstrukturen infrage stellen. Nicht wenige Christen haben inzwischen den Eindruck, dass die vielbeschworene Toleranz nur noch für jene gilt, die den herrschenden Zeitgeist teilen.
Ein Kontinent ohne Seele
Müllers Warnung vor einem „Selbstmord Europas“ mag für manchen noch drastisch klingen. Doch sie beschreibt eine Realität, die immer offensichtlicher wird. Europa leidet unter einem dramatischen Geburtenrückgang, einer Identitätskrise und wachsender gesellschaftlicher Fragmentierung. Während Kirchen leerer werden, suchen viele Menschen Orientierung in politischen Ersatzreligionen, Ideologien oder radikalen Identitätskonzepten. Nicht ganz unschuldig daran sind auch Teile der Kirche, die – wohl inspiriert durch Papst Franziskus und gedeckt durch seinen Nachfolger – anders denken und reden als Müller. So haben die US-Kardinäle McElroy & Cupich (letzterer wie der Papst und Chicago) überschwänglich lobende Grußworte für die LGBT-Outreach-Konferenz von Homoaktivisten-Pater James Martin formuliert. Kardinal McElroy schreibt darin, dass der Bericht der Vatikanischen Synoden-Studiengruppe das „LGBT-Seelsorge in ein neues Paradigma“ gestellt habe (siehe Foto l.).
Schon früher hatte Müller davor gewarnt, dass eine Kirche oder Gesellschaft, die sich vollständig dem Zeitgeist anpasst, letztlich ihre eigene Existenzgrundlage zerstört. Die bloße Anpassung an modische Strömungen führe nicht zur Erneuerung, sondern zur Selbstauflösung. Zum queeren Wahn auch in Teilen der katholischen Kirche hat er sich mehrfach klar geäußert: Die Kirche soll jeden Menschen mit Würde und Respekt behandeln, darf aber nach Auffassung Kardinal Müllers ihre Glaubenslehre nicht durch die Übernahme politischer oder ideologischer Symbole relativieren. Die Regenbogenflagge betrachtet er deshalb nicht als christliches Glaubenssymbol, sondern als Ausdruck einer Weltanschauung, die in wesentlichen Punkten der katholischen Lehre widerspricht.
Was hält Europa noch zusammen?
Ist Europa nur noch die EU, lediglich ein Binnenmarkt mit gemeinsamen, immer totalitärer auftretenden Verordnungen, Währungsregeln und seit einigen Jahren beseelt von einer fanatischen Kriegstreiberei? Oder gibt es eine kulturelle und geistige Identität, die über wirtschaftliche und martiale Interessen hinausreicht?
Für Müller ist die Antwort eindeutig. Ein Europa, das seine katholische Wurzeln verleugnet, verliert nicht nur seine Vergangenheit, sondern auch seine Zukunft. Wer die Grundlagen von Personwürde, Freiheit und Verantwortung aufgibt, wird irgendwann feststellen, dass auch die Früchte dieser Tradition, die das Abendland erst groß und wunderbare Heimat für uns haben werden lassen, nicht selbstverständlich weiterbestehen. Ob Europas politische „Eliten“ bereit sind, diese Warnung ernst zu nehmen, bleibt offen. Die Geschichte jedenfalls zeigt: Zivilisationen sterben selten durch äußere Feinde. Meist beginnen sie zu zerfallen, wenn sie vergessen, wer sie sind.
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