In einem Offenen Brief, den die Leipziger Volks(!)zeitung vorab veröffentlichte, „rufen internationale Oscar-Preisträger, Schauspieler, Filmemacher und Autoren“ die Einwohner von Görlitz auf, bei der Oberbürgermeisterwahl am 16. Juni nicht dem AfD-Kandidaten ihre Stimme zu geben. Michael Klonovsky kommentiert die Aktion der „Heidenmissionare“.

Der Londoner Journalist David Goodhart, der lange für die Financial Times schrieb, bevor und schließlich sein eigenes Magazin Prospect gründete, hat 2017 das Buch „The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics“ veröffentlicht, in dem er zwei neue gesellschaftliche Gruppen oder Klassen oder Milieus definiert, die er „Anywheres“ und „Somewheres“ nennt. Beide Worte bedeuten „irgendwo“, aber das eine auf abstrakte, das andere auf konkretere Weise.

Karriereorientiert, beruflich mobil, überall und nirgendwo zuhause, gut ausgebildet, polyglott, erfolgreich

Goodhart beschreibt mit diesen Begriffen den Gegensatz zwischen einem traditionell sesshaften Milieu und den modernen Berufs-Nomaden. Die „Anywheres“ besitzen, in Goodhart Worten, „tragbare Identitäten“, sie sind karriereorientiert, beruflich mobil, überall und nirgendwo zuhause, gut ausgebildet, polyglott, erfolgreich. Sie verkörpern das EU-freundliche und globalistische Establishment. Verglichen mit den „Somewheres“ sind sie zwar die zahlenmäßig weit kleinere Gruppe, aber sie dominieren heute den Politik- und Kulturbetrieb in der westlichen Welt, überhaupt die Gesellschaft, was auch damit zusammenhängt, dass um sie herum ein ganzes Soziotop von Möchtegern-Anywheres wuselt, die in internationalen Unternehmen, NGOs, transnationalen Organisationen wie der UNO, in den Medien, an Universitäten, in globalistischen Stiftungen, in den Parteien und ihren Apparaten ein Auskommen haben. (Es handelt sich meist um „Somewheres“, die nur gern „Anywheres“ wären oder sich dafür halten; ihre Ernüchterung wird eines Tages groß sein. Das nur am Rande.)

Dass dieses Milieu eine Art Mentalitätsherrschaft ausübt, ist evident. Seine Angehörigen nennen sich liberal, weil sie für Schwulenehe, Klimarettung, freien Warenfluss und offene Grenzen sind, aber wenn jemand ihre Ansichten nicht gutheißt, werden selbst Weiber zu Hyänen…

Alter, weniger gebildet und weniger sexy

Auf der anderen Seite stehen Menschen, die in ihrer geographischen Heimat und kulturellen Identität wurzeln, die von der Globalisierung nicht nur verunsichert, sondern tatsächlich in ihrer Existenz bedroht sind, in deren soziales Umfeld die prekäre Mehrheit der Migranten strömt, wo sie als neue Konkurrenten um die Billigjobs und nachbarschaftliche Plagegeister tatsächlich den Modus des Zusammenlebens täglich neu aushandeln. Die „Somewheres“ sind oft älter, weniger gebildet und weniger sexy als die „Anywheres“. Diese neue Unterscheidung, schreibt der Präger des begrifflichen Gegensatzpaares, könne die alte in rechts und links ablösen.

Goodharts Diagnose einer Neuformatierung der westlichen Gesellschaften entlang veränderter Bruchlinien hat, wie das ja meistens der Fall ist, bereits Vorläufer, darunter Lord Ralf Dahrendorf, der in einem anno 2003 erschienenem Interviewband namens „Die Krisen der Demokratie“ die Heraufkunft einer neuen postnationalen Klasse konstatierte, die alles Globale gutheiße, alles Nationale ablehne und schon die Zugehörigkeit zu einem Land als „lästig“ empfinde. – Ich meine, es ist ein Dualismus, mit dem sich einiges erklären lässt, nicht zuletzt das Phänomen des Rechtspopulismus, würde allerdings nicht so weit gehen, den Links-Rechts-Gegensetz gleich ganz zu verabschieden.

Der „Anywhere“ will den „Somewhere“ belehren

Es gehört habituell zum Typus des Anywhere (ich lasse die Anführungszeichen von jetzt an weg), dass er den Somewhere belehren und erziehen will, dass dies von oben herab geschieht, ohne nähere Kenntnis der Lebensumstände des Belehrten, dafür aber im Pastorenton moralischer Superiorität.

Nun geben sogar einige Hollywood-Zelebritäten ihr Debüt als Heidenmissionare im Sächsischen. In einem Offenen Brief, den die Leipziger Volks(!)zeitung vorab veröffentlichte, „rufen internationale Oscar-Preisträger, Schauspieler, Filmemacher und Autoren“ die Einwohner von Görlitz auf, bei der Oberbürgermeisterwahl am 16. Juni nicht dem AfD-Kandidaten ihre Stimme zu geben.

Die Manipulation des Wahlvolkes, nein, der Wahlbevölkerung, der Wählenden oder eben des Stimmviehs durch „Influencer“ wie etwa jenen blaulockichten youtube-Fatzke, den das Grünen-Amtsblatt von der Hamburger Relotiusspitze auf seinen – erstaunlich lange nicht mehr mit A. Hitler nach willigen Empfängern einer intellektuellen Bastonade kaudernden – Titel hob, scheint ein veritabler Trend zu sein.

Die Görlitzer werden den Brief richtig verstehen

Hollywood kümmert sich um die Görlitzer OB-Wahl! Denn die Sternchen von der Westküste steigen gern in der wundersam unzerbombt gebliebenen und nach der Wende prachtvoll restaurierten Stadt im Osten Dunkelsachsen ab. Nun warnen sie die Eingeborenen: Wenn die Görlitzer Somewheres falsch votieren, suchen sich die Millionäre ein anderes schickes Anywhere zum Filmen, Golfen, Flanieren, Schwätzen und Popowackeln…

Ich nehme an, die Görlitzer werden diesen Brief genau richtig verstehen.

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Der Beitrag erschien zuerst auf ACTA DIURNA

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