(David Berger) Jerusalem ist das sehr ernste, politische und sehr religiöse Zentrum Israels. Tel Aviv dagegen steht für die moderne, die hippe Seite Israels. Jene Seite, die man so im ganzen Nahen Osten vergeblich woanders suchen wird.

Dort zieht es die Jungen und Kreativen der Region hin. Sie leben hier in einer Atmosphäre, die sowohl von einer ausgelassenen Feierkultur, als auch einer ständigen Bedrohung dieser Freiheit geprägt ist. Aus dieser besonderen Konstellation ergibt sich nicht nur eine sehr eigene Lebenseinstellung, sie prägt auch die junge Fashionszene, die ganz entscheidend von schwulen Männern mitgeprägt wird.

Ich treffe Sahar Shalev, den renommiertesten Fashion-Journalisten Israels, in dem bemüht stylischen Design-Hotel „Brown“.

Nicht nur die durch-designte Lobby, auch die riesige Dachterrasse mit Whirlpool, Bar und Blick über ganz Tel Aviv bis hinunter zum Meer ist legendär. Sahar erzählt von der in jeder Hinsicht jungen Fashionszene Tel Avivs, die er so recht eigentlich mit seinem Mode-Blog und seinen Artikeln für Israels wichtigste Tageszeitung „Haaretz“ erst ins Leben gerufen hat. Trotz der orientalischen Einflüsse, sei sie wie Tel Aviv eben auch sehr westlich orientiert – und leide daher auch nach wie vor etwas unter der Isolation.

Und irgendwie passiert dann etwas, was einem im Gespräch mit Israelis in Tel Aviv ganz oft passiert: wir kommen von unserem eigentlichen, zunächst eher Politik fremden Thema, hier die Fashion-Szene Tel Avivs, auf die Menschenrechts-Politik des Landes zu sprechen. So froh er sei, dass Israel gerade im LGBT-Bereich unglaublich fortschrittlich ist, dass der Staat auch finanziell großzügig alle möglichen LGBTI-Institutionen, aber auch den legendären Pride in Tel Aviv unterstützt. So sehr müsse man sich seines Erachtens vor dem sogenannten Pink-Washing hüten, das den weniger erfreulichen Umgang Israels mit den Palästinensern oder afrikanischen Einwanderern durch den Hinweis auf die liberale Homo-Politik zu verwaschen suche.

Ganz anders sah das einen Tag zuvor noch der weltweit sehr bekannte Pop-Sänger Ivri Leader, der die Vorwürfe des Pink-Washing im Gespräch mit mir energisch zurückweist.

Dass beide hier gegenüber einem Journalisten, der vom Fremdenverkehrsministerium Israels eingeladen wurde, ihre Meinung sagen können – ohne irgendwelche Repressionen fürchten zu müssen, gehört zu jenem Klima, das ich in Israel überall erlebe. Und das sich vom Islamfaschismus seiner Nachbarn so angenehm abhebt.

Aber ebenso schnell wie die Menschenrechte zum Gesprächsmittelpunkt wurden, reden wir wieder über Popmusik in Israel und Modedesigner in Tel Aviv. An letzteren zeigt sich schön, wie jung und kreativ diese Stadt ist.

Begleitet von der einer überaus charmanten Kollegin Shalevs, Galit Reismann, besuchen wir Roy Itzhack. Er ist ein echter „Sonnenschein“ – einer jener Männer, die durch ihr dauerndes glückliches Strahlen auch noch die schlechteste Laune bei ihrem Gegenüber vertreiben. Unterstützt von seinem Partner Rotem, der ansonsten als Schauspieler arbeitet, hat er das Label JUDTlv ins Leben gerufen. Aus gebrauchtem oder speziell für seine Produktionen gegerbten Leder oder anderen besonderen Materialien, zum Beispiel gebrauchten Jeans-Hosen, entwirft und näht er selbst Taschen in einem unglaublichen Reichtum an Formen.

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Wir besuchen den schüchternen und zurückhaltend freundlichen Schuhdesigner Oded Arama , der mit dem bekannten Mode- und Männerfotografen Shai Bochorov bei der Vermarktung seiner Luxus-Kollektionen aus in Handarbeit gefertigter, häufig auch sehr farbenfroher Unisex-Schuhe zusammen arbeitet. Und damit Erfolg hat: In ganz Tel Aviv gelten seine Kreationen als Ausdruck für luxuriöse Schuhmode.

Im ehemaligen, jetzt aus Restaurants, Clubs und teuren Boutiquen bestehenden Hafen von Tel Aviv präsentiert Eliran Nargassi seine Entwürfe und Kollektionen. Inspiriert fühlt er sich bei seinen minimalistischen und von Schwarz-Weiß-Kontrasten geprägten Kreationen von den Bildern des 1989 verstorbenen US-Fotografen Robert Mapplethorpe. Auf Mapplethorpe war Eliran während seines Studiums gekommen. Die Beschäftigung mit dessen exzessivem Leben und davon ganz entscheidend geprägten Werk war für ihn ein Befreiungsschlag gegenüber dem orthodox-jüdischen Umfeld, in dem er aufwuchs.

Sie alle arbeiten in einem urbanen Klima, in dem Design, innovative Architektur und moderne Kunst einen herausragenden Platz einnehmen. Beeindruckende Beispiele dafür sind etwa das „TLV Museum of Art“ oder das von Star-Architekt Ron Arad entworfene „Design Museum“ in dem zu Groß – Tel Aviv gehörenden Holon, das von dem Freund des Modejournalisten Sahar Shalev geleitet wird.

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Veronika
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Veronika

Wer Israel/Tel Aviv kennt, weiß dass dort die schönsten und größten Menschen der Welt leben. Das weibliche Supermodel Bar Rafaeli kommt von hier. Es ist aber noch leichter, in die Modelszene reinzukommen als in die Designerszene. Ich kenne begabte junge Leute, darunter viele Frauen, die gerne Kleider entwerfen und schneidern, aber keine Chance haben.

GeLu
Gast
GeLu

Da ich selbst über Weihnachten in Israel gewesen bin und mit der evangelischen Erlöserkirchengemeinde von Jerusalem nach Bethlehem in der Heiligen Nacht gepilgert bin, mit Gruppentaxi von Tel Aviv nach Jerusalem mehrmals gefahren bin, kann ich nur Herrn Berger in bezuf auf Israel Recht geben und auch seine Islamkritik bestätigen. Seine Ablehnung der Ehe für alle aber teile ich in keiner Weise.

Sirene
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Sirene
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Pink washing —linkes Gesülze! Diese Schwulen/Lesben oder anderes sind links,genießen die Freiheit für ihresgleichen ,verkennen wie immer,dass es einen Kampf dafür gibt.Ihre moslemischen Mitbewohner ,die Palästinenser un,würden wenn sie mehr Rechte,Macht und Einfluss bekommen würden —in der einzigen Demokratie im Nahen Osten ,diese Freiheit nicht stehen lassen und Homosexuelle am Baukran aufhängen.

Dichter Tatenlos
Gast
Dichter Tatenlos
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In Haifa wird gearbeitet, in Jerusalem gebetet und in Tel Aviv gefeiert. So lautet ein zugegeben vereinfachender Spruch. Ein Körnchen Wahrheit ist schon dabei. Kann ich gut verstehen, dass man sich als „Westmensch“ heimisch fühlt in Tel Aviv/Israel. Ist ja auch wie ein wirkliches und schönes Wunder, wenn man vorher andere Regionen im Nahen Osten erlebt hat (ohne diese herabzuwürdigen!).

maru
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maru

Dieser abgegrabbelte PC-Begriff „pink washing“ ist aber schon erklärungsbedürftig.

Werrwulf
Gast
Werrwulf

Ohmeigod, what is pink washing? Ferkelbaden im durch-designed Pinkelbecken?

Demokrat
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Demokrat

Eine Grundbedingung der Kreativität ist die Freiheit. Sowohl die innere, als auch die äußere. Ohne Sicherheit, ebenfalls innere wie äußere, kann es diese Freiheit nur mit Widerstand geben. Dazu gehört innere Stärke und äußerer Rückhalt. Eine Kultur ohne ihre kreativen „Spinner“ wird veröden und zugrunde gehen: Sie erstarrt zu Tode. Vive la liberté.