Acht Tage nach Weihnachten ist gemäß unserer Zeitrechnung Neujahr und insofern der Tag, an dem Christen früher – die Katholische Kirche bis 1962 – die Circumcisio Domini feierten. Gemeint ist damit die Beschneidung des Herrn Jesus Christus, die nach jüdischem Gesetz acht Tage nach der Geburt eines Knaben durchgeführt werden soll, wie seit der heftig geführten Beschneidungsdebatte auch viele Nichtjuden in Deutschland wissen. Ein Gastkommentar von Herwig Schafberg

Im Vatikan werden von alters her Vorhäute als vermeintliche Reliquien diverser Heiliger aufbewahrt. Doch Christi Vorhaut ist nicht in dieser speziellen Sammlung. Sie soll zusammen mit Christus zum Himmel aufgefahren sein und – einer Legende nach – seither den Ring um den Saturn bilden, wie ich zu meiner Verblüffung las.

Das hatte ich, wenn ich ehrfürchtig in den Sternenhimmel blickte, bis dahin genauso wenig gesehen wie in der Milchstraße einen göttlichen Samenerguß. Auf Letzteres waren allerdings nicht Christen gekommen; denn diese glauben bekanntlich an eine unbefleckte Empfängnis, die sich bildlich nicht so gut erfassen läßt wie ein Ejakulat am Himmelszelt.

Ich gebe zu, daß ich derartige Fiktionen ernster nehmen würde, wenn sie in der Mythologie der antiken Griechen vorkämen, für die derartige Phänomene lediglich symbolischen Charakter hatten; denn die Gebildeten unter ihnen – in der griechischen Polis die Mehrheit der Freien – waren schon vor rund 2500 Jahren vom naiven Glauben zum rationalen Denken fortgeschritten und hatten so eine geistige Entwicklungsstufe erreicht, von der Gläubige manch einer Religion heute noch weit entfernt sind.

Vom Verdacht eines naiven Gottesglaubens würde ich das vergleichsweise gebildete Judentum gerne ausnehmen, auch wenn die Mehrheit von ihm – wie es scheint – für das Recht auf rituelle Knabenbeschneidung und damit für die Erhaltung eines archaischen Brauches eintritt, der auf Moses`, wenn nicht sogar Abrahams Wirken zurückgeht.

Abraham hat nach Überlieferungen im 1. Buch Mose von Gott den Befehl erhalten, seinen Sohn Isaak zu opfern, und hält schon das Messer in der Hand, mit dem er seinen Sohn schweren Herzens, aber befehlsgemäß töten will, „da greift ein Engel auf dramatische Weise ein und verkündet, der Plan habe sich in letzter Minute geändert“, wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins es in seinem beeindruckenden „Gotteswahn“ darstellt.

Gott habe Abraham nur „auf die Probe stellen“ wollen, fährt Dawkins fort, verzichte jedoch auf die Opferung des Knaben und wolle sich schließlich mit der Beschneidung der Knaben vom Stamme Israel als Menschenopfer begnügen. Das Gebot zur Beschneidung – zum Zeichen des Bundes zwischen Gott und seinem „auserwählten Volk“ – wurde allerdings nicht Abraham, sondern erst Moses mit auf den Weg gegeben.

Nach den Überlieferungen der arabischen Muslime, die den Kindern Israel gerne das Erstgeburtsrecht streitig machen, ging es übrigens bei der verhinderten Knabenopferung nicht um Isaak, sondern um Ismael, einen anderen Sohn Abrahams, den die Araber als ihren Stammvater betrachten. 

Solchen Streit mögen die abrahamitischen Glaubensverwandten unter sich ausmachen und soll mich nicht weiter kümmern.

img_1627Ich folge lieber Dawkins` Spuren und wende mich einer Überlieferung im Buch der Richter zu, nach der ein Heerführer namens Jeftah Gott hoch und heilig verspricht, den Menschen als Opfer darzubringen, der ihm bei der Heimkehr als erstes begegne, wenn Gott ihm den Sieg über die Ammoniter schenke. Jeftah siegt und das Opferschicksal trifft zu seinem Entsetzen die eigene Tochter, für die Gott sich anscheinend nicht mit einer Beschneidung begnügen mag und die sich nun opfern läßt, nachdem sie merkwürdigerweise ihre Jungfräulichkeit beweint hat.

Daß Gott in diesem Fall eine Beschneidung nicht will, hat zwar den Vorteil, daß niemand mit Berufung auf ein göttliches Gesetz für die Genitalverstümmelung von Mädchen eintreten kann; doch es gibt schwer zu denken, daß es sich in den beiden hier skizzierten Legenden um die ersten überlieferten Fälle handelt, in denen Menschen sich zur Rechtfertigung von Menschenrechtsverletzungen auf Befehle von oben berufen.
Es sind übrigens nicht bloß gottgläubige, sondern auch säkulare Juden, die für das Recht auf Knabenbeschneidung zur Wahrung jüdischer Identität eintreten.

Andererseits gibt es jedoch viele Juden, die Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit für unveräußerliche Menschenrechte halten, ihre Söhne deshalb nicht beschneiden lassen oder es bei einem symbolischen Akt belassen und anscheinend nicht besorgt sind, Sein oder Nichtsein des Judentum hinge von einem Hautzipfelchen am Knabenpenis ab.

Gott, der Ewige, nimmt es mit diesem Zipfelchen möglicherweise gar nicht so genau, wie manche Eiferer glauben. Und auch die antiken Gottesanbeter vom Stamme Israel sahen das noch nicht so hauteng, sondern ließen beim Beschneiden noch etwas Haut als sexuelle Manövriermasse übrig. Damit war es allerdings im Zeitalter des Hellenismus vorbei, wie es in der Überlieferung heißt.

Hellas war in der Antike für die Völker zwischen dem Indus und der Straße von Gibraltar in etwa das, was die europäischen Kolonialmächte und die USA in jüngerer Zeit für Angehörige vieler Völker der Dritten Welt gewesen sind. Dementsprechend galten die Hellenen bzw. Griechen der Antike so wie heute noch die „Weißen“ nicht nur in ihrer Selbsteinschätzung, sondern auch in der Wahrnehmung anderer – „Barbaren“ – als Träger einer überlegenen Kultur, mit denen viele dieser „Barbaren“ damals wie heute sich gerne identifizieren wollten und möchten. Ein berühmtes Beispiel aus der Moderne ist Michael Jackson, der auf der Suche nach einer neuen weißen Identität es tragischerweise so weit kommen ließ, daß sein hübsches Knabengesicht am Ende zu einer Fratze verunstaltet war.
Ähnlich bewegt war anscheinend einst mancher jüdische Jüngling, der im weitgehend hellenisierten Judäa oder in der griechischen Diaspora sich beim gemeinsamen Nacktsport mit jungen Griechen nicht länger wegen seiner verstümmelten Vorhaut verspotten lassen wollte und an dieser herumzerrte, um sie auf griechisches Längenmaß zu ziehen. Dieses Gezerre fiel schließlich auch den Rabbinern auf, die deswegen ernsthaft in Sorge um die jüdische Identität ihres hellenisierten Nachwuchses waren und anordneten, daß bei der Häutung der Knaben fortan nichts mehr zum Langziehen übrig bleiben sollte.

Das sollte von wahrlich einschneidender Bedeutung für die Zukunft sein, obwohl es nicht einmal das Wort des Ewigen war, der eine tiefer greifende Zäsur als bisher wollte, sondern nur die Priesterschaft, die den radikalen Schnitt im Knabenschritt zur Wahrung der jüdischen Identität für erforderlich hielt.

Um diese ging es auch den Makkabäern, jenen „gesetzestreuen“ Juden, die sich erfolgreich gegen die hellenisierte Oberschicht des Judentum und die griechisch-makedonische Besatzungsmacht der seleukidischen Nachfolger Alexanders des Großen erhoben (164 v. Chr.). Ausgelöst wurde diese Erhebung übrigens durch die Hinrichtung einer Mutter, die dafür gesorgt hatte, daß ihre Söhne beschnitten wurden. Und das war unter den Seleukiden zeitweilig verboten.

„Der milde Geist des Altertums war so geartet, daß die Nationen minder aufmerksam auf die Verschiedenheit als auf die Ähnlichkeit ihres Kultus waren“, heißt es in einer deutschen Übersetzung von Edward Gibbons Buch über den „Verfall und Untergang des Römischen Imperiums, bis zum Ende des Reiches im Westen“. Weiter heißt es dort:

„Wenn sich Griechen, Römer und Barbaren vor ihren gegenseitigen Altären trafen, überredeten sie sich leicht, daß sie dieselben Gottheiten anbeteten, wenngleich unter verschiedenen Namen.“

So konnte sich Alexander der Große auf seinem Eroberungszug durch den Orient etwa in Ägypten mit den Priestern der indigenen Bevölkerung darauf verständigen, daß der olympische Zeus der Griechen mit dem ägyptischen Ammon identisch wäre.

Lediglich Juden hielten ihren Gott, den Ewigen, für einzig, wie es im israelitischen Glaubensbekenntnis vorgeschrieben ist, und wollten für diesen keinen Platz in der langen Götterreihe des olympischen Pantheon haben. Mit ihrem monotheistischen Eigensinn und Festhalten an den Gesetzen ihres Gottes ließen sie Zweifel an ihrer Loyalität gegenüber den seleukidischen Königen ebenso wie später den römischen Kaisern aufkommen. Und zu diesen göttlichen Gesetzen gehörte die Knabenbeschneidung, mit der das Judentum nicht bloß zur Wahrung seiner Identität, sondern dadurch auch zur Abgrenzung von der multikulturellen Gesellschaft der hellenisierten Nachfolgereiche Alexanders sowie des Römischen Reiches beitrug.

Auf Betreiben des Apostels Paulus wurde zwar bei der Missionierung von „Heiden“ auf eine Kahlschlagsanierung am Knabenpenis verzichtet und das Christentum so vom Judentum emanzipiert; aber den Eingriff an jener im Kampf gegen die „Sünde“ strategisch wichtigen Körperstelle, an der es den „Sünder“ am empfindlichsten trifft, mochten auch christliche Moralprediger sich nicht entgehen lassen. Nach strenger christlicher Auffassung war und ist Sexualität an sich etwas Sündiges und nur insoweit zulässig, als es der Fortpflanzung dient. Und wenn christliche Gemeinden vor allem in Amerika auf die Beschneidung von Knaben hinwirkten, dann machte man dort gar keinen Hehl daraus, daß dieser Schnitt dazu gedacht war, den Knaben das Vergnügen am Masturbieren zu beeinträchtigen.

Im Koran gibt es meines Wissens kein göttliches Gebot zur Knabenbeschneidung; aber der Überlieferung nach soll der Prophet Mohammed vorgeschrieben haben, daß kein Mann zur Gemeinschaft der Betenden zugelassen werden darf, der nicht beschnitten ist.

Insofern geht es nicht bloß jüdischen und – nicht ganz so stringent – manchen christlichen, sondern auch muslimischen Geistlichen und ihren willigen Helfern in den Reihen religions- oder wenigstens traditionsgebundener Eltern um die Vereinnahmung bzw. Kollektivierung der Knaben und die Gewinnung von Einfluß auf den Nachwuchs – auch wenn sie es mit ihren Zöglingen noch so gut meinen.

Als ein Gericht in Köln 2012 die Beschneidung minderjähriger Knaben als Körperverletzung wertete, löste dieses Gerichtsurteil auf jüdischer sowie muslimischer Seite Empörung aus.

Daraufhin beschloß der deutsche Bundestag ein Gesetz, nach dem es jüdischen sowie muslimischen Eltern erlaubt ist, ihre Söhne rituell beschneiden zu lassen, und begründete diese Erlaubnis zum sexuellen Übergriff in Verbindung mit Körperverletzung unter anderem mit dem Grundrecht der Eltern auf Religionsfreiheit, als hätte ein Kind kein Recht auf Freiheit von religiösen Zwängen und körperliche Unversehrtheit. Es wird hohe Zeit, Religionsfreiheit nicht so sehr als kollektives, sondern viel mehr als individuelles Recht zu interpretieren und demgemäß gesetzlich zu konkretisieren.

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Foto: (1) Giovanni Bellini, Beschneidung des Herrn (um 1500) (2) Das „Breviarium Romanum“ zum 1. Januar – nach der klassischen Liturgie