Reinhard Raffalts Rom – Als der Bayerische Rundfunk noch den Geist Europas suchte

(David Berger) Rom erwacht anders als andere Städte. Noch bevor die Reisegruppen über den Petersplatz strömen, bevor Motorroller und Busse den Lärm des Tages beginnen, gibt es jene kostbaren Augenblicke, in denen die Ewige Stadt wieder ganz sie selbst ist. Das Licht gleitet über die antiken Mauern des Forum Romanum, die Kuppel des Petersdoms hebt sich langsam gegen den hellen Morgenhimmel ab, und irgendwo schlägt eine Glocke zur Frühmesse. Ansonsten hört man nur die zahlreichen Brunnen plätschern. Wer Rom nur im Gedränge des Massentourismus kennt, ahnt kaum, dass die Stadt in solchen Stunden ihre eigentliche Sprache spricht.

An genau diese Sprache musste ich denken, als mir vor einigen Tagen auf YouTube zufällig wieder zwei alte Fernsehdokumentationen des Bayerischen Rundfunks begegneten. Ihr Autor und Erzähler war Reinhard Raffalt. Es genügte, seine ruhige Stimme wenige Minuten zu hören, und plötzlich war jenes Rom wieder gegenwärtig, das man nicht in Reiseführern findet und das sich auch nicht in den üblichen Listen der „zehn wichtigsten Sehenswürdigkeiten“ erschöpft. Raffalt verstand Rom nicht als Kulisse großer Geschichte. Für ihn war die Stadt selbst ein lebendiges Wesen, dessen Straßen, Kirchen und Plätze von Jahrhunderten europäischer Erinnerung erzählen. Nicht zufällig schrieb er einmal: „Rom ist nicht bloß eine Stadt. Rom ist ein Schicksal.“ Kaum ein Satz bringt prägnanter zum Ausdruck, wie sehr sich für ihn Geschichte, Glaube und Kultur in der Ewigen Stadt verdichteten.

Gerade deshalb wirken diese inzwischen mehr als vierzig Jahre alten Filme heute erstaunlich frisch. Während moderne Reisedokumentationen oft schon nach wenigen Jahren veraltet erscheinen, weil sie Sehenswürdigkeiten, Restaurants oder aktuelle Trends präsentieren, sprechen Raffalts Essays von etwas, das keiner Mode unterliegt. Sie handeln von den geistigen Kräften, die Europa hervorgebracht haben. Rom erscheint darin nicht als touristisches Ziel, sondern als das Gedächtnis unserer Zivilisation.

„Niemand, der nach Rom kommt, bleibt der, der er war“

Wer Reinhard Raffalt nur als kenntnisreichen Romführer bezeichnet, wird ihm deshalb nicht gerecht. Er war Historiker, Musiker, Schriftsteller und gläubiger Katholik – vor allem aber einer jener seltenen Autoren, die den Leser lehren, genauer hinzusehen. Er erklärte keine Bauwerke. Er machte ihre Seele sichtbar. Das bringt ein Satz von ihm auf unvergleichliche Weise zum Ausdruck: „Rom ist eine Komposition aus Gegensätzen – von überall her hat es die Geister angezogen … Niemand, der nach Rom kommt, bleibt der, der er war. Er wird reifer an der Geschichte, einsichtiger an der Kunst, frommer an den Gräbern der Heiligen und heiterer …“ Übrigens ein Zitat, das Werner Bergengruen in seinem Römischen Erinnerungsbuch jener Jahren ganz ähnlich formulierte.

Darin liegt das Geheimnis seines Werkes. Raffalt beschreibt Rom nicht. Er lässt den Leser an einer Erfahrung teilhaben. Seine Bücher und Filme sind keine Reiseführer, sondern Einübungen in eine Haltung: aufmerksam zu werden für das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren. Aus einer verwitterten Inschrift wird bei ihm Weltgeschichte, aus einem Mosaik Theologie, aus einer Kirche ein Schlüssel zum Verständnis Europas. An anderer Stelle formuliert er den schönen Gedanken: „Rom verlangt nicht Bewunderung, sondern Hingabe.“ Wer sich der Stadt nur als Tourist nähert, wird ihre Schönheit sehen; wer sich ihr öffnet, beginnt ihre Seele zu entdecken.

Raffalt lehrt die Langsamkeit

Vielleicht berührt uns das heute gerade deshalb so stark, weil wir diese Art des Sehens weitgehend verloren haben. Wir reisen mehr denn je und nehmen doch oft nur Bilder mit nach Hause. Kaum ist eine Kirche fotografiert, richtet sich der Blick schon auf die nächste Attraktion. Raffalt hingegen lehrt die Langsamkeit. Nicht als romantische Pose, sondern als Voraussetzung jeder wirklichen Bildung. Seine Filme laden dazu ein, stehen zu bleiben, zu schauen und sich von der Geschichte ansprechen zu lassen.

Während ich ihm zuhörte, kam mir allerdings noch ein anderer Gedanke. Wie selbstverständlich musste der Bayerische Rundfunk damals davon ausgegangen sein, dass seine Zuschauer einem katholischen Gelehrten fast eine Stunde lang aufmerksam folgen würden. Niemand verlangte nach schneller Unterhaltung. Niemand hielt Geschichte für unzumutbar. Niemand befürchtete, eine Sendung über Rom müsse erst durch aktuelle politische Debatten oder moralische Botschaften legitimiert werden. Man vertraute darauf, dass Kultur ihren eigenen Wert besitzt.

Gerade darin unterscheiden sich diese Produktionen so grundlegend von vielem, was heute unter Kulturvermittlung verstanden wird. Bildung bedeutete damals nicht, dem Zuschauer eine Haltung vorzuschreiben. Sie bestand darin, ihm Horizonte zu eröffnen. Man traute ihm zu, selbst zu urteilen. Vielleicht erklärt gerade das die eigentümliche Ruhe, die von Raffalts Filmen ausgeht. Sie wollen nicht überzeugen. Sie laden zum Mitdenken ein. Raffalt war überzeugt, dass wahre Bildung immer auch Erinnerung bedeutet. Deshalb schrieb er: „Geschichte ist niemals Vergangenheit. Sie lebt in den Menschen weiter, die sich ihrer erinnern.“ Genau diese Erinnerungskultur durchzieht seine Bücher ebenso wie seine Filme.

Sein Thema war das Abendland

Je länger man ihm zuhört, desto deutlicher wird, dass sein eigentliches Thema nie Rom allein gewesen ist. Es war Europa. Genauer gesagt: jenes Europa, das aus der Begegnung Athens, Roms und Jerusalems hervorgegangen ist. Raffalt wusste, dass Kathedralen, Klöster, Universitäten und das römische Recht nicht zufällig nebeneinander entstanden sind. Sie sind Ausdruck einer gemeinsamen geistigen Ordnung. Über das antike Rom schrieb er einmal: „Sein höchstes Verdienst war die Verteidigung des Individuums.“ In dieser Verbindung von römischem Rechtsdenken, griechischer Vernunft und christlichem Glauben erkannte er das eigentliche Fundament Europas. Wer diese Ordnung vergisst, verliert irgendwann auch den Schlüssel zum Verständnis der europäischen Geschichte.

Deshalb sind die alten BR-Filme weit mehr als nostalgische Fernsehdokumente. Sie erinnern an eine Zeit, in der öffentlich-rechtlicher Rundfunk den Anspruch hatte, das kulturelle Gedächtnis des Landes zu bewahren. Vor allem aber führen sie zu einem Schriftsteller zurück, dessen Stimme gerade heute wieder gehört werden sollte. Denn Reinhard Raffalt zeigt uns nicht einfach Rom. Er zeigt uns Europa – und vielleicht auch ein Stück von uns selbst.

Roma eterna: Brücke zwischen Himmel und Erde (1966)

Roma eterna: Glanz von Mond und Sonne (1966)

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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