David Engels‘ Warnung vor dem falschen Backlash

(David Berger) Viele konservative Beobachter sehen sich durch die Entwicklungen der letzten Jahre bestätigt. Die Probleme der Masseneinwanderung, die Krise des Multikulturalismus und der Verlust kultureller Selbstgewissheit lassen sich kaum noch leugnen. Doch ausgerechnet jetzt mahnt der Historiker David Engels angesichts der Invasions-Katastrophe von Ceuta in einem Essay über Jean Raspail zur Vorsicht. Seine Mahnung richtet sich gegen eine Versuchung, die gerade in Zeiten des politischen Umschwungs besonders groß ist.

Geschichte verläuft selten geradlinig. Häufig gleicht sie einem Pendel, das nach einer langen Bewegung in die eine Richtung mit umso größerer Wucht in die andere ausschlägt. Jahrzehntelang prägte in Westeuropa eine Ideologie das öffentliche Leben, die nationale Grenzen als überholt, kulturelle Identität als verdächtig und jede Form der Selbstbehauptung als moralisch fragwürdig erscheinen ließ. Das Eigene hatte sich ständig zu rechtfertigen, während das Fremde beinahe automatisch als Bereicherung galt. Heute mehren sich die Anzeichen, dass dieses Weltbild an Überzeugungskraft verliert. Selbst Parteien der politischen Mitte übernehmen Positionen, die vor wenigen Jahren noch als inakzeptabel galten. Die Wirklichkeit hat viele Warnungen konservativer Denker bestätigt.

Gerade deshalb hält David Engels in seinem Essay über Jean Raspails prophetischen Roman Das Heerlager der Heiligen inne. Der Konservative, so seine Mahnung, darf sich nicht von der Genugtuung über den Zusammenbruch einer Ideologie blenden lassen. Denn mit dem Ende eines Irrwegs ist noch keine gute Ordnung gewonnen.

Die Gefahr einer bloßen Gegenbewegung

Engels beschreibt eine Gefahr, die historisch alles andere als ungewöhnlich ist. Gesellschaften, die sich lange Zeit in einem ideologischen Extrem bewegt haben, neigen dazu, in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen. Auf einen entgrenzten Universalismus könnte ein ebenso undifferenzierter Nationalismus folgen, auf die Verachtung des Eigenen eine unkritische Selbstverherrlichung. Psychologisch wäre eine solche Entwicklung durchaus nachvollziehbar. Nach Jahren moralischer Selbstanklage wächst verständlicherweise das Bedürfnis nach Selbstbehauptung. Politisch könnte ein solcher Umschwung sogar manche Fehlentwicklungen korrigieren.

Doch genau hier setzt Engels‘ Einwand an. Eine bloße Gegenreaktion ist noch keine konservative Erneuerung. Sie bleibt letztlich innerhalb derselben Denkweise gefangen, weil sie lediglich das Vorzeichen wechselt. Wer gestern jede Grenze ablehnte und heute alles Fremde pauschal zurückweist, denkt noch immer ideologisch. Das rechte Maß, das den Konservativen auszeichnet, geht dabei verloren. Besonders eindringlich ist Engels dort, wo er die Frage stellt, wofür Europa eigentlich bewahrt werden soll. Natürlich gehört der Schutz der Grenzen zu den elementaren Aufgaben jedes Staates. Ohne Grenzen gibt es keine politische Gemeinschaft, ohne politische Gemeinschaft kein Gemeinwohl. Doch Grenzschutz allein beantwortet noch nicht die entscheidende Frage nach dem Sinn.

Was verteidigen wir?

Wenn Europa am Ende nichts anderes verteidigt als eine säkularisierte Wohlstandsgesellschaft, deren höchstes Ziel individueller Konsum und private Selbstverwirklichung geblieben sind, wäre wenig gewonnen. Dann hätte man zwar die Migrationspolitik verändert, nicht aber jene geistige Leere überwunden, die den Kontinent überhaupt erst verwundbar gemacht hat. Mit feiner Ironie spricht Engels deshalb von einem Programm, das sich auf „1990er-Hedonismus minus Massenmigration“ reduzieren ließe. Ein solches Projekt mag manchen Wähler ansprechen; eine wirkliche konservative Perspektive bietet es nicht. Wer das christliche Abendland, seine Geschichte und seine geistigen Grundlagen bewahren möchte, wird sich darin kaum wiederfinden.

Hier berührt Engels den eigentlichen Kern der europäischen Krise. Die Probleme begannen nicht erst mit den Migrationsbewegungen der vergangenen Jahre. Sie reichen wesentlich tiefer. Europa verlor schrittweise das Vertrauen in seine eigene Geschichte. Das Christentum wurde vielerorts aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, Tradition erschien zunehmend als Belastung, die nationale Geschichte wurde fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Schuld und Versagen betrachtet. Eine Kultur aber, die ihre Vergangenheit nur noch als Abfolge moralischer Verfehlungen versteht, wird auf Dauer auch ihre Zukunft nicht entschlossen verteidigen. Migration wurde dadurch weniger zur Ursache als vielmehr zum Prüfstein einer bereits vorhandenen Identitätskrise.

Das christliche Abendland als geistiges Fundament

Deshalb verweist Engels – ganz im Sinne Jean Raspails und seiner Einführung in den Hesperalismus – auf das christliche Abendland als eigentlichen Bezugspunkt konservativen Denkens. Gemeint ist damit keine nostalgische Verklärung vergangener Zeiten und ebenso wenig ein ethnischer Nationalismus. Gemeint ist jene geistige Ordnung, aus der Europa seine Vorstellung von Menschenwürde, Freiheit, Recht, Verantwortung und Gemeinwohl entwickelt hat.

Diese Ordnung ist nicht beliebig austauschbar. Sie entstand aus der Verbindung des christlichen Glaubens mit der antiken Philosophie und dem römischen Rechtsdenken. Wer ihre Grundlagen preisgibt, wird auf Dauer auch ihre politischen Errungenschaften nicht bewahren können. Deshalb genügt es nicht, Grenzen zu sichern. Europa muss sich zugleich wieder seiner geistigen Voraussetzungen erinnern.

Konservatives Denken lebt nicht aus Angst, Ressentiment oder Feindbildern. Es lebt von der Überzeugung, dass das Eigene einen Wert besitzt, der bewahrt werden muss. Wer die Heimat liebt, muss andere Völker nicht verachten. Wer das christliche Erbe Europas schätzt, braucht keine nationalistische Überheblichkeit. Und wer die Grenzen seines Landes schützt, tut dies nicht aus Hass auf das Fremde, sondern aus Verantwortung für das Gemeinwesen.

Hat Europa noch eine Seele, die es zu bewahren lohnt?

Gerade deshalb reicht es nicht aus, wenn Europa lediglich seine Einwanderungspolitik korrigiert. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, wieder zu entdecken, wer wir sind und aus welchen Quellen unsere Zivilisation lebt. Ohne diese Rückbesinnung bliebe jeder politische Kurswechsel oberflächlich. Man hätte zwar die Symptome bekämpft, nicht aber die Krankheit geheilt. Die eigentliche Alternative lautet daher nicht: offene oder geschlossene Grenzen. Sie lautet vielmehr: Hat Europa noch eine Seele, die es zu bewahren lohnt?

Denn Heimat ist mehr als ein Staatsgebiet, Kultur mehr als Folklore und Nation mehr als eine Verwaltungseinheit. Sie sind Ausdruck einer gemeinsamen Geschichte, einer gemeinsamen Erinnerung und einer gemeinsamen Vorstellung vom guten Leben. Wer Europa retten will, darf deshalb nicht nur fragen, wen wir aufnehmen oder abweisen. Er muss zuerst beantworten können, was Europa überhaupt ist und warum sein Fortbestand ein Gut darstellt. Nur eine Zivilisation, die sich ihrer eigenen geistigen Grundlagen wieder bewusst wird, wird auf Dauer auch ihre politischen Grenzen behaupten können. Grenzen schützen letztlich nur dann dauerhaft, wenn sie eine Kultur umschließen, die noch weiß, wer sie ist.

Hier geht es zu dem Beitrag von Prof. Engels.

David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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