INSA-Umfrage: Die Deutschen wollen ihre christliche Prägung bewahren – doch wer verteidigt sie noch?

(David Berger) Während die Kirchen immer schneller Mitglieder verlieren und sich vielerorts dem Zeitgeist anpassen, zeigt eine aktuelle INSA-Umfrage eine auf den ersten Blick gegenläufige Entwicklung: Die Mehrheit der Deutschen möchte, dass das Land seine traditionell-christliche Prägung bewahrt. Offenbar unterscheiden immer mehr Bürger zwischen den Institutionen Kirche, die sie zunehmend als gleichgeschaltete NGOs wahrnehmen und dem christlichen Fundament unserer Kultur.

Als die großen Kirchen in Deutschland noch von Millionen Gläubigen getragen wurden, schien das christliche Fundament des Landes selbstverständlich. Heute sind die Kirchen leer, Austrittsrekorde prägen die Schlagzeilen, und kirchliche Würdenträger beschäftigen sich oft intensiver mit Klima-, Migrations- oder Genderpolitik als mit der Verkündigung des Evangeliums. Umso überraschender ist das Ergebnis einer aktuellen INSA-Umfrage: 55 Prozent der Deutschen sprechen sich dafür aus, dass Deutschland seine christliche Prägung bewahren sollte. Nur 22 Prozent lehnen dies ab.

Das Ende der Säkularisierungsthese

Diese Zahlen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Denn sie widerlegen eine Erzählung, die seit Jahren den öffentlichen Diskurs bestimmt, aber in der Religionssoziologie (Hans Joas) bereits in ihrer Ablösung begriffen ist: Deutschland sei längst ein nachchristliches Land, das seine religiösen Wurzeln endgültig hinter sich gelassen habe. Die Umfrage zeigt vielmehr das Gegenteil. Offenbar empfinden viele Menschen, dass die christliche Tradition weit mehr ist als eine private Glaubensüberzeugung. Sie bildet bis heute das kulturelle und moralische Fundament unseres Gemeinwesens.

Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Wunsch nach einer Bewahrung der christlichen Prägung nahezu alle Bevölkerungsgruppen verbindet. In sämtlichen Altersgruppen sprechen sich deutliche Mehrheiten dafür aus. Auch zwischen Ost- und Westdeutschland bestehen in dieser Frage kaum noch die früher vermuteten Gegensätze.

Jung und fromm

Bildquelle: Youtube/Screenshot

Ein weiteres Ergebnis überrascht ebenfalls: 29 Prozent der unter 30-Jährigen geben an, regelmäßig einen christlichen Gottesdienst zu besuchen. Bei den über 60-Jährigen sind es lediglich zwölf Prozent. Diese Zahlen passen kaum zu dem verbreiteten Bild einer ausschließlich säkularisierten jungen Generation. Zwar lehnen jüngere Menschen ein bloßes kulturelles Christentum häufiger ab als ältere. Zugleich scheinen sie aber dort, wo sie sich dem Glauben zuwenden, diesen bewusster und persönlicher zu leben. Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., prognostizierte schon 1969 in Radiopredigten (später im Buch Glaube und Zukunft) eine kleinere, gewandelte Kirche: Sie verliert gesellschaftliche Macht, wird durch kleine, überzeugte Gemeinschaften erneuert und blüht als spirituelle Heimat neu auf.

Eine ähnliche Entwicklung sehen wir auch in anderen Ländern, wie zum Beispiel in Brasilien: „Eine landesweite Befragung von 11.498 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Brasilien hat ergeben, dass eine übermäßige Betonung sozialpolitischer Themen und eine vernachlässigte Liturgie zu den größten Hindernissen für die kirchliche Teilhabe junger Menschen zählen. Die Bischofskonferenz Brasiliens (CNBB) hatte die Ergebnisse der Studie „Jugendevangelisierung in Brasilien – 2025“ am 16. Juni im Ständigen Rat vorgestellt. Jetzt kam es zu einem größeren internationalen Medienecho.“ (Quelle)

Gerade hierin liegt eine Chance – allerdings nicht für jene Kirchen, die sich immer stärker als gesellschaftspolitische Akteure verstehen. Wer das Evangelium durch politische Stellungnahmen ersetzt, verliert langfristig seine Glaubwürdigkeit. Die jüngeren Christen suchen offenbar weniger eine Kirche als moralische Kommentatorin des Zeitgeschehens als vielmehr eine geistliche Heimat, die Orientierung, Wahrheit, Schönheit und Transzendenz vermittelt.

AfD wird zunehmend als Schutzmacht der christlichen Identität Deutschlands verstanden

Interessant ist auch die politische Dimension der Umfrage. Auf die Frage, welche Partei am ehesten für die Bewahrung der christlichen Prägung Deutschlands einstehe, nennen die meisten Befragten die Union (39 Prozent), gefolgt von der AfD (17 Prozent). Betrachtet man allerdings nur jene Bürger, denen die christliche Prägung besonders wichtig ist, verschiebt sich das Bild deutlich: Hier entfallen nach Angaben von INSA bereits 41 Prozent auf CDU/CSU und 24 Prozent auf die AfD. Das zeigt, dass sich ein erheblicher Teil derjenigen, denen das christliche Erbe am Herzen liegt, inzwischen auch von der AfD vertreten fühlt. Dennoch erschrecken die hohen Zustimmungswerte für die Union, die jüngst anhand des Leihmutter-Skandals gezeigt hat, wie weit sie sich inzwischen vom christlichen Menschenbild entfernt hat.

Dabei geht es nicht allein um Kirchen oder Gottesdienste. Wenn Menschen davon sprechen, Deutschlands christliche Prägung bewahren zu wollen, meinen sie meist weit mehr: die Unantastbarkeit der Menschenwürde, die Zehn Gebote als moralische Grundlage, die Bedeutung von Ehe und Familie, den Schutz des menschlichen Lebens sowie das Verständnis von Freiheit, Verantwortung und Nächstenliebe, das Europa über Jahrhunderte geprägt hat. Viele Bürger spüren offenbar, dass diese Grundlagen zunehmend unter Druck geraten – nicht zuletzt durch einen Relativismus, der alle kulturellen Traditionen für gleichwertig erklärt, und durch eine Politik, die christliche Symbole oft als verzichtbar betrachtet.

Kulturchristen

Freilich darf man die Ergebnisse auch nicht romantisieren. Zwischen dem Wunsch nach einer christlichen Prägung und einem lebendigen Glauben besteht eine erhebliche Lücke. Nur jeder fünfte Deutsche besucht regelmäßig einen Gottesdienst. Viele verstehen sich eher als Kulturchristen denn als praktizierende Gläubige. Doch selbst diese kulturelle Bindung ist nicht bedeutungslos. Sie zeigt, dass das Christentum noch immer als identitätsstiftende Kraft wahrgenommen wird – auch von Menschen, die ihren Glauben nicht aktiv leben.

Für die Kirchen ergibt sich daraus eine unbequeme Frage. Wenn eine Mehrheit der Bevölkerung das christliche Fundament Deutschlands erhalten möchte, warum gelingt es ihnen dann immer weniger, diese Menschen auch geistlich zu erreichen? Vielleicht liegt die Antwort darin, dass viele Bischöfe und Kirchenleitungen ihre eigentliche Sendung aus den Augen verloren haben. Wo Predigten zu politischen Kommentaren werden, die eine fatale Gleichschaltung mit einer verfehlten Politik verraten, wo die Kirche sich nur noch wie eine NGO verhält und das Evangelium hinter gesellschaftlichen Debatten verschwindet, verliert die Kirche ihr unverwechselbares Profil.

Erbe des christlichen Abendlandes in Deutschland keineswegs verschwunden

Die INSA-Umfrage macht deshalb Hoffnung – allerdings weniger für die gegenwärtige Kirchenpolitik als für das Christentum selbst. Sie zeigt, dass das geistige Erbe des christlichen Abendlandes in Deutschland keineswegs verschwunden ist. Offenbar wächst bei vielen Menschen die Einsicht, dass eine freie und humane Gesellschaft auf Voraussetzungen angewiesen ist, die sie selbst nicht hervorbringen kann.

Die Kirchen müssen endlich den Mut finden, dieses Erbe wieder glaubwürdig zu verkünden – nicht in einer bis zur Unkenntlichkeit transformierten Form, sondern als zugleich unveränderliche, wie lebendige und in der Schönheit ihrer Liturgie zum Strahlen gebrachte Wahrheit, die auch im 21. Jahrhundert Identität stärken, Orientierung und Heimat geben kann.

Hier können Sie den wöchentlichen Info-Brief von INSA abonnieren: https://www.insa-consulere.de/abo

***

Dieser Blog ist weiterhin dringend auf Ihre finanzielle Unterstützung angewiesen. Wenn Sie helfen könnten, die Finanzierung der Technik sicherzustellen, wäre dies ganz großartig:

PAYPAL (Stichwort Schenkung)

Oder per Überweisung auf

David Berger, IBAN: DE44 1001 0178 9608 9210 41 – BIC REVODEB2 – Stichwort: Schenkung

ÜBERWEISUNG (Stichwort: Schenkung)


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

Trending

VERWANDTE ARTIKEL