„Wir schulden einander gute Gründe“ – Jürgen Habermas und die abendländische Tradition

Jürgen Habermas gilt als einer der prägendsten Denker der Bundesrepublik – und doch bleibt sein Verhältnis zur Religion ebenso spannend wie widersprüchlich. Zwischen rationaler Diskursethik und wachsendem Interesse an der gesellschaftlichen Rolle des Glaubens bewegt sich ein philosophisches Erbe, das gerade aus christlich-abendländischer Sicht zur differenzierten Auseinandersetzung herausfordert. Der folgende Beitrag beleuchtet die Ambivalenzen, Stärken und Grenzen eines Denkers, der überzeugt war: Wir schulden einander gute Gründe. Gastbeitrag von Dr. Felix Wachter.

Aus christlich-abendländischer Perspektive ist Jürgen Habermas‘ philosophisches Erbe mit gemischten Gefühlen zu betrachten. Habermas hatte sich in den letzten Jahren verstärkt der Religion zugewandt. Was ihn dabei interessierte, war weniger die Religion selbst, sondern ihre Funktion für die Gesellschaft. Ihm war bewusst, dass eine rein auf Individualismus und Selbstoptimierung angelegte Gesellschaftsordnung auf Dauer nicht tragfähig ist. Die Religion sollte für Habermas hier so etwas wie eine „moralische Tankstelle sein“. Sie sollte helfen, das notwendige einigende und soziale Band zwischen den Menschen herzustellen.

Persönliches Verhältnis zur Religion

Mit derartigen Einlassungen hatte sich Habermas unter den Theologen neue Freunde geschaffen. Er hielt dennoch Abstand. Eine Einladung an die Jesuitenhochschule in München kommentierte er mit den Worten: „Hier brauche ich keine Angst vor falschen Umarmungen zu haben.“

Habermas beschäftigte sich mit der Religion, doch er machte es sich dabei nicht einfach. Einen Sprung in den Glauben hat er nicht gewagt. Stattdessen sinnierte er über „religiös verkapselte Bedeutungspotenziale, die auch dem religiös Unmusikalischem noch etwas sagen können.“ Es blieb vage.

Habermas‘ Einstellung speziell zum Christentum blieb bis zuletzt zutiefst ambivalent. Noch in seinem letzten Werk, der zweibändigen Philosophiegeschichte, sah er sich klar der historisch-kritischen Methode verpflichtet. Er übernahm die sophistische Unterscheidung zwischen einem „verkündendem“ und einem „verkündigtem“ Jesus, die angeblich im Gegensatz zueinander stünden. In der Tat war es ein merkwürdiger Eiertanz, den der späte Habermas um die Religion vollführte. Ob sich dahinter ein Ringen um Bekehrung verbarg, bleibt im Dunkeln. Angesprochen auf eine mögliche Hinwendung zum Christentum entgegnete Habermas trocken: „Ich bin alt geworden, aber nicht fromm.“

Habermas zehrte von der christlichen Substanz

Wie kam es dazu, dass Habermas in seiner Philosophie zuletzt so stark um religiöse Fragen kreiste? Tatsächlich gibt es in seinem Denken durchaus Elemente, die auf der Linie der christlich-abendländischen Philosophietradition liegen.

Habermas war ein ausgesprochener Vielleser, der über exzellentes philosophisches Fachwissen verfügte. Mit seinen philosophischen und politischen Gegnern setzte er sich intensiv auseinander. „Man muss seine Feinde kennen!“ war hier seine Devise. Habermas‘ große Stärke war die Rekonstruktion der gegnerischen Argumente. Er besaß die Gabe, die Position des Gegners so dazustellen, dass dieser sich selbst darin wiedererkennen konnte. Gerade der späte Habermas verzichtete weitgehend auf Polemiken und persönliche Attacken. Er war an einem sachlichen Diskurs interessiert.

Positiv ist auch hervorzuheben, dass Habermas philosophische „Geheimsprachen“ ablehnte. Sprache durfte ihm zufolge nicht zum Herrschaftswissen werden, das andere vom Diskus ausschließt. Habermas war es zurecht ein Graus, wenn bestimmte philosophische Strömungen einfach Wörter erfinden oder Wörter so verwenden, wie sie im Alltag niemand verwendet. Habermas selbst vermied Pathos und favorisierte eine akademisch-nüchterne Sprache. Er baute seine Argumentation Zug um Zug auf. Sie sollte für jeden nachvollziehbar und überzeugend sein, der die nötige Zeit dafür investiert.

Bedenkt man Habermas‘ Vorgehensweise und die Grundüberzeugungen die dabei dahinterstecken, lassen sich starke Parallelen zur klassischen thomistischen Philosophie erkennen. Es geht um eine Philosophie, die auf Erkenntnisgewinn abzielt und strenger Rationalität verpflichtet ist

Diskursethik als Herzstück des politischen Denkens

Darüber hinaus versuchte Habermas Lösungen zu aktuellen politischen Problemen zu erarbeiten. Damit ging er weit über die dekonstruktivistischen Ansätze seiner Kollegen aus der Frankfurter Schule hinaus. Habermas warf Adorno zu Recht vor, immer nur bei der Kritik zu bleiben, aber selbst nichts Positives anzubieten. Mit seiner Diskursethik wagte sich Habermas aus der Deckung. Mit einer eigenen Demokratietheorie ging er das Risiko ein, angegriffen zu werden.

Die Diskursethik stand sodann unter einem hohen sittlichen wie intellektuellem Anspruch. Nicht soziale Herkunft oder politische Macht sollten im Diskurs entscheidend sein, sondern allein das Argument. In diesem Zusammenhang sprach Habermas das bekannte Wort vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments.“

Ein derartiger Diskurs setzt natürlich voraus, dass sich die Diskussionsteilnehmer gegenseitig respektieren. Er setzt voraus, dass niemand trickst und betrügt oder seinen Gegner im Sinne einer Fernseh-Talkshow einfach nur einstampfen will. In Habermas‘ „herrschaftsfreien Diskurs“ geht es um die grundsätzliche Offenheit für den Anderen und seine Argumente. Es geht um eine, wie er es ausdrückte, „lernbereite Vernunft.“ Habermas betrachtete es als moralische Pflicht, sich um gute Argumente zu bemühen. In einer Demokratie dürfen Entscheidungen nicht einfach deklariert, sondern sie müssen erklärt werden, sie müssen nachvollziehbar sein.

Glaube und Vernunft

Habermas wollte ganz ausdrücklich, dass auch religiöse Menschen an der demokratischen Willensbildung teilnehmen. Um ein konkretes Beispiel zu nehmen: Ein Katholik, der Abtreibung generell ablehnt, kann und soll sich hierfür politisch einsetzen. Er muss dafür aber Argumente finden, die bei allen Zustimmung finden können. Er darf sich also nicht auf Offenbarung oder Lehramt stützen, sondern lediglich auf die allgemeine Menschenvernunft. Beispielsweise kann ein Katholik philosophisch oder medizinisch für seine Position argumentieren. Im politischen Diskurs sind unterschiedlichste Meinungen zulässig, sie müssen nur vor dem „Gerichtshof der Vernunft“ Bestand haben.

Die Diskursethik fußt auf dem unbedingten Glauben an die Menschenvernunft: Es gibt nur eine menschliche Vernunft. Aus diesem Grund ist eine Verständigung auch über soziale und kulturelle Grenzen hinweg möglich. Genau an diesem entscheidenden Punkt kommt die Diskursethik mit der katholischen Lehre überein. Besonders Johannes Paul II. und Benedikt XVI. betonten mit großem Nachdruck die Vernünftigkeit des Glaubens. Wie Johannes Paul sagte, müsse man heute den Menschen den Glauben an Vernunft und Wissenschaft wieder neu einflößen. Insbesondere durch die kulturpessimistischen Lehren der Frankfurter Schule sei dieser Glaube in Misskredit geraten. Und in der Tat ist es auch heute noch so, dass psychoanalytisch geprägte Philosophen für die Überzeugung von der Rationalität des Menschen nur Verachtung übrig haben.

Trotz alledem muss man aus katholischer Sicht gewaltige Einwände gegen die Diskursethik machen. Wahrheit und Moral entstehen nicht durch den Diskurs, wie Habermas behauptet. Nein, Wahrheit und Moral liegen jeder Diskussion bereits voraus. Habermas hat diese grundsätzliche Schieflage seiner Theorie auch selbst gesehen. Er bekannte: Sobald jemand den Mund aufmacht, um andere von seiner Meinung zu überzeugen, setzt das schon das Vorhandensein einer objektiven Welt und damit von Wahrheit voraus. Tatsächlich verhält es sich so, wie es Robert Spaemann einmal auf den Punkt brachte: Ein guter Diskurs macht die Wahrheit sichtbar, er kann sie aber nicht produzieren.

Ein janusköpfiges Erbe

Habermas selbst hat in den politischen Debatten der Bundesrepublik oft eine unrühmliche Rolle gespielt. Hier kann man nichts beschönigen. Etwa im Historikerstreit manövrierte er den zuvor hoch angesehenen Historiker Ernst Nolte ins gesellschaftliche Abseits. Hier war für Habermas eben nicht die sachliche Auseinandersetzung entscheidend, sondern die „richtige“ Moral und der politische Effekt. Habermas‘ politische Agitation stand oft im glatten Widerspruch zu seiner Diskursethik. Wegen der moralischen Stigmatisierung seiner Gegner kann man Habermas zurecht als Vorreiter unser heutigen Cancel Culture betrachten. Einige seiner politischen Interventionen sind schlichtweg unnötig, ja sogar sehr schädlich gewesen. Noch in der Corona-Zeit tat sich Habermas öffentlich als strikter Maßnahmenbefürworter hervor. Dennoch ist Habermas‘ politisches Wirken von seiner wissenschaftlichen Arbeit zu unterscheiden. Sein Werk hat gerade für Christen viel Interessantes und Bedenkenswertes zu bieten. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem „Philosophen der Bundesrepublik“ lohnt sich daher.

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