Es ist wieder einmal eine dieser Nachrichten, bei denen man sich fragt, ob die europäische Wirklichkeit inzwischen von einem besonders zynischen Satiriker geschrieben wird. Einer der mutmaßlichen Hacker, die Hunderttausende E-Mails der AfD ins Internet gestellt haben sollen, stammt nach eigenen Angaben aus der Ukraine. Das berichtet die Junge Freiheit unter Berufung auf ein Interview der Zeit. Der Mann, der sich „Ver“ nennt, rechtfertigt den Datendiebstahl und zeigt offenbar wenig Reue über die Veröffentlichung privater Informationen. Ob seine Angaben zur Herkunft stimmen, ist bislang nicht unabhängig bestätigt.
Willkommen in der wunderbaren Welt jener europäischen Werte, deren Herz nach dem Willen Ursula von der Leyens bekanntlich in der Ukraine schlägt. Offenbar hat dieses Herz einen recht eigenwilligen Rhythmus. Das amerikanische Außenministerium dokumentiert Fälle von Kinderhandel, sexueller Ausbeutung Minderjähriger und Vorwürfe gegen Mitarbeiter staatlicher Kinderheime. Ukrainische Behörden ermittelten zudem wegen der unerlaubten kommerziellen Verwertung menschlichen Gewebes von Verstorbenen. Das ist noch kein Beweis für einen staatlich organisierten Organhandel, zeigt aber, dass die Abgründe keineswegs ausschließlich in russischen Propagandafantasien existieren.
Gewiss, ein einzelner Hacker macht noch keinen Staat zum Verbrechersyndikat. Aber es gehört zu den bemerkenswerten Leistungen der europäischen Ukraine-Verehrung, dass selbst schwerwiegende Verdachtsmomente offenbar niemals Anlass sein dürfen, das strahlende Heiligenbild aus Brüssel grundsätzlich zu hinterfragen. Noch wesentlich unangenehmer ist der Fall Nord Stream. Dort steht inzwischen ein ukrainischer Staatsangehöriger vor Gericht, dem die Beteiligung an der Sprengung jener Pipelines vorgeworfen wird, die Deutschland mit russischem Erdgas versorgten. Nach entsprechenden Medienrecherchen geht die Anklage sogar von einem Auftrag ukrainischer staatlicher Stellen aus. Noch ist das nicht gerichtlich bewiesen. Doch allein die Schwere dieses Verdachts müsste in Berlin politische Erdbeben auslösen.
Man stelle sich vor, die Ermittler würden vergleichbare Hinweise auf einen staatlich organisierten Anschlag aus irgendeinem anderen Land präsentieren – Sie wissen schon, welches da sehr gut ins Konzept von Wadephul und Co. passen würde. Man würde von einem beispiellosen Angriff auf Deutschlands Infrastruktur sprechen, Sanktionen diskutieren und politische Konsequenzen verlangen. Geht der Verdacht dagegen in Richtung Kiew, wird aus dem Skandal vor allem ein diplomatisches Kommunikationsproblem. Offenbar entscheidet in der europäischen Wertegemeinschaft nicht allein die Tat über die Empörung, sondern vor allem die Frage, wer sie begangen haben könnte.
Selenskyj und die anderen Dämonen
Über diesem politischen Theater thront Wolodymyr Selenskyj, der Hohepriester eines europäischen Moraltheaters, dessen Inszenierung längst jeden nüchternen Zuschauer schwindelig machen müsste. Einst Schauspieler, heute unantastbarer Held einer Brüsseler Heiligengeschichte, in der selbst der Verdacht eines Anschlags auf Deutschlands Energieversorgung die Hauptfigur nicht aus der Rolle bringen darf. Wer nach Korruption fragt, stört die Liturgie. Wer Aufklärung verlangt, gefährdet die Solidarität. Und wer wissen möchte, ob ukrainische Staatsorgane Nord Stream sprengen ließen, darf sich schon auf den Vorwurf freuen, Putins Geschäfte zu besorgen. Dabei wären die Fragen denkbar einfach: Was wusste Kiew? Wer gab gegebenenfalls die Befehle? Und warum sollte ausgerechnet Deutschland, das die Rechnung bezahlt, nicht mit derselben Hartnäckigkeit auf Antworten bestehen, mit der es seinen Bürgern immer neue Opfer abverlangt?
Doch die eigentlichen Teufelsadvokaten sitzen in Brüssel und Berlin. Hier wird politische Gefolgschaft zur Tugend, Kritik zur Ketzerei und ein von Korruptionsskandalen erschütterter Staat zum Wallfahrtsort europäischer Moralapostel verklärt. Aus einer Unterstützung, deren Folgen und Bedingungen dringend überprüft werden müssten, ist eine Art säkulare Heiligenverehrung geworden. Wer die Liturgie verweigert, dem drohen im europäischen Sanktionsregime unter bestimmten Voraussetzungen politische und wirtschaftliche Konsequenzen; in der Ukraine sorgt die umstrittene Website Myrotvorets mit ihren Feindeslisten für eine besonders düstere Begleitmusik.
Und Selenskyj? Der darf weiter den ukrainischen Erlöser spielen, getragen von einer deutschen Nibelungentreue, die offenbar selbst dann noch knien würde, wenn auf der Stirn ihres politischen Heilands die Zahl 666 aufleuchtete. Vielleicht übersieht man das Zeichen in Berlin aber auch gar nicht. Vielleicht kommt einem die Mentalität dahinter einfach erschreckend vertraut vor.
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