(David Berger) Allein zwei Heiligen der katholischen Kirche kommt die Ehre zu, dass Katholiken nicht nur ihren Todestag, sondern darüberhinaus auch ihren Geburtstag feiern: der jungfräulichen Gottesmutter Maria (8. Sept.) und heute Johannes dem Täufer. Namenstag und Geburtstag: welche Rolle spielen sie in der katholischen Tradition?

Heute dürfen sich alle freuen, deren Namen irgendwie von Johannes (dem Täufer / Baptist) kommt:

Von Ioan im Altkirchenslawisch über Giovanni bzw. Nano im Italienischen bis zum in der ganzen französischen Sprachwelt vermutlich beliebtesten Namen Jean. Denn sie haben heute Namenstag.

Der Namenstag ist der Geburtstag in der übernatürlichen Welt

Und auch ich, das will ich den PP-Lesern nicht verschweigen, feiere heute meinen Namenstag. Meine Familie ist großmütterlicherseits tief im unterfränkischen Katholizismus der Bayerischen Rhön verwurzelt.

Und so kam es, dass ich neben dem Rufnamen „David“ (über dessen angebliches „Jüdischklingen“ sich noch 1968 Verwandte der protestantischen Vorfahren wenig angetan zeigten), auch den zweiten Namen „Johannes (Baptist)“ trage. Eigentlich wäre das aus katholischer Perspektive nicht zwingend notwendig gewesen, denn im „Rituale Romanum“ heißt es lediglich:

„Der Pfarrer möge dafür sorgen, dass den Kindern keine anstößigen oder lächerlichen Namen gegeben werden oder gar solche, die den Sagen entnommen wurden oder solche von Götzen oder Heiden. Stattdessen sind, soweit irgend möglich, die Namen von Heiligen vorzuziehen.“ Und zu denen zählt der König David allemal.

Zugleich hat sich aber auch der Brauch zweier Vornamen gebildet: Einen, der für die eigentliche Geburt des natürlichen Lebens und einen der für die Taufe als Geburt in das übernatürliche Leben der Gnade steht. Und der dann auch der Name eines Heiligen der Catholica sein soll.

Geschenk der göttlichen Liebe

Wenn man also liest, dass „in manchen katholischen und orthodoxen Regionen oder Ländern die Feier des Namenstags bedeutender als oder wenigstens ebenso wichtig wie die des Geburtstages“ ist, dann hat das einen tieferen Grund: „Größer als das Gut des ganzen Weltalls ist der Wert der Gnade eines Einzelnen“ schreibt der hl. Thomas von Aquin in seiner Summa theologiae. Das bedeutet, dass das in der Taufe dem Menschen geschenkte übernatürliche Leben der heiligmachenden Gnade alle natürlichen Güter des menschlichen Lebens um ein Unendliches überragt. So hat aus dieser Perspektive eben auch der Tag, als wir aus reiner Gnade von einem natürlichen Menschen zu einem Christen wurden, eine weitaus größere Bedeutung als der Tag unserer Geburt.

Dass diese tiefe Wahrheit der Mysterien des Christentums heute – man hat es im Verhalten der Kirche in der Corona-Krise gesehen – auch für Katholiken oft keine Rolle mehr spielt, ist hinlänglich bekannt. Viele wissen nicht einmal mehr, wann ihr Namenstag ist. Ich bin meiner Großmutter und Mutter dankbar, dass sie mir von Kindheit an diese Bereicherung des Lebens weitergegeben haben.

Triumph der Barmherzigkeit

Wenn es um die Gnade, das heißt die Liebe, die Gott einem Menschen in ganz individuellem Ausmaß schenkt und ihn damit sich möglichst ähnlich macht, geht, kommen wir wieder auf den Heiligen zurück, den die Kirche seit fast 2000 Jahren an dem heutigen Tag feiert: Der latinisierte Name „Johannes“ hat seine griechische Form in „Ἰωάννης Iōannēs“, ein Name der wiederum auf den hebräischen Namen Jochanan (יֹוחָנָן jôḥānān) zurückgeht. Übersetzt bedeutet das: „Gott ist gnädig“.

Die Lehre von der Vorsehung und der Gnade hat nach außen sichtbar in meinem akademischen Leben eine große Rolle gespielt: Meine Promotion behandelt das Verhältnis von Natur und Gnade. In vielen meiner späteren Bücher über Thomas von Aquin, den Thomismus oder die theologische Prinzipienlehre habe ich dieses Thema immer wieder als heuristisches Leitmotiv entdecken können.

Aber auch in meinem Privatleben habe ich kontinuierlich mit Leib und Seele erfahren dürfen, dass Gott immer der Größere ist – als das absolute Sein selbst, ohne dessen schöpferische Seinsschenkung alles Nichtgöttliche in jenes Nichts zurückfallen würde, aus dem es erschaffen wurde. Erfahren dürfen, dass wir uns noch so tief in die Dunkelheit der Sünde begeben können – es kommt immer der Augenblick, wo nicht nur das Licht der Gnade in unsere Dunkelheit fällt, sondern uns so tief existentiell berührt, dass wir dieses Liebeswerben Gottes völlig frei und doch aus lauter Gnade annehmen. Jener Augenblick, in dem uns der Allheilige in strengster Gerechtigkeit und mildester Barmherzigkeit zugleich begegnet. Und die Vergebung und Allmacht der Gnade über unsere menschliche Schwachheit und Sündigkeit siegen.

„Sprich nur ein Wort!“

Oder wie Johannes der Täufer ausruft, als Jesus zu ihm an den Jordan kommt, um durch seine Hand die Johannes-Taufe zu empfangen:

„Sehet, hier ist das Lamm Gottes, hier ist der, der die Sünden der Welt hinwegnimmt“.

Und dem die Liturgie der katholischen Kirche mit den Worten eines heidnischen Hauptmannes aus dem Lukasevangelium antwortet:

„Domine non sum dignus! Herr ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach – aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!“

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