(David Berger) Am heutigen Tag (14. September 2016) wird meine Großmutter 100 Jahre alt. Da dies vor allem ein gesellschaftspolitischer Blog ist, mag es so manchen erstaunen, dass dieses Thema hier überhaupt angesprochen wird, zumal in einem Text, bei dessen Abfassung Emotionen die vermutlich nicht überhörbare Hintergrundmusik bildeten.

Beim Lesen wird aber sehr schnell deutlich, dass die Erinnerungen, die mich ganz fundamental geprägt haben, zugleich einen historischen wie gesellschaftspolitschen Aspekt haben. Was hier angesprochen werden wird, sind unter anderem große Themen des 20. Jahrhunderts, die Menschen in Deutschland beschäftigten.

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Die frühesten Erinnerungen, die ich an meine Omi (wie wir sie liebevoll von Anfang an nannten) habe, sind religiös, genauer gesagt katholisch. Wenn man aus dem Küchenfenster ihrer Würzburger Wohnung blickte, die sie seit 1949 ununterbrochen bewohnt, dann konnte man in einer der ältesten Franziskanerkonvente Europas blicken. Genauer in den Kreuzgang jenes Klosters, das noch zu Lebzeiten des hl. Franziskus von Assisi gegründet wurde, und in dem die Fratres und Patres in ihren Habits Brevier betend wandelten. Durch das Wohnzimmerfenster hatte man durch die gegenüber liegenden Kirchenfenster der gotischen Kirche hindurch einen direkten Blick auf den Altar des hl.Antonius.

Die Heiligendarstellungen der zahlreichen barocken Kirchen Würzburgs waren es auch, die mich bereits als Kind faszinierten. Ich erinnere mich an stundenlange Wanderungen durch die und zu einer Wallfahrtskirche oberhalb der Stadt, in denen wir in der Weihnachtszeit die Krippen, in der Osterzeit die festlich geschmückten Grablegungen Christi und im Mai die in jeder katholischen Kirche Frankens vorhandenen, in ein Meer aus  Weihrauch und Blumenschmuck getauchten Marienaltäre aufsuchten. Wie man die Hände zum Gebet faltet und auch das erste Ave Maria habe ich von ihr gelernt.

Von den lagen Wanderungen zurückgekehrt, gab es dann immer Kuchen und Tee oder Kakao. Für mich wurde diese Kombination Ausdruck eines traditionellen, lebensfreudigen Katholizismus mit menschlichem Antlitz. Ich kann mich nicht erinnern, das jemals ein abfälliges Wort meiner Großmutter über jene Menschengruppen fiel, die die katholische Kirche als Sünder oder Abtrünnige betrachtet, wenn sie auch erleichter war, als der Mann, den ich als meinen neuen Freund vorstellte, sich als katholisch entpuppte – dass es dabei ein >Mann und keine Frau war, spielte nicht wirklich eine Rolle.

Wie man überhaupt von der Sache her am Katholizismus fest hielt, in der Ausführung aber höchst großzügig und mit einer echten Liberalität andere leben ließ und selbst lebte. Ein Jesuitenkardinal hat dafür den Ausdruck geprägt „Fortiter in re, suaviter in modeo!“ – Ausdruck dafür ist für mich auch ein nicht unwichtiger weiterer Aspekt im Leben meiner Großmutter:

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Als mit jedem Rückkehrerzug aus der Krieggefangenschaft, der in den Würzbuger Hauptbahnhof einfuhr, immer klarer wurde, dass mein Großvater wohl im Feld geblieben war, kam zu Beginn der 50er Jahre ein junger Novize aus dem Franziskanerkloster zum ersten mal zu Besuch bei der Kriegerwitwe und ihren drei Kindern. Der jüngste, ein Sohn, von dessen Existenz sein Vater lebend niemals erfahren hatte, war Ministrant im Kloster nebenan und hatte dort den jungen, großgewachsenen blonden Niederländer kennen gelernt und kurzer Hand eingeladen. Mit einigen Jahren Unterbrechung hat er meiner Großmutter bis zu seinem Tod vor zwei Jahren eisern die Treue gehalten. Kaum ein Tag verging, an dem er nicht pünktlich um 15.30 klingelte, um zur Teestunde zu erscheinen und gleichzeitig meine Großmutter mit der „Mainpost“ und der „Deutschen Tagespost“ zu versorgen. Sie feierte mit ihm seine Priesterweihe, sein silbernes und goldenes Weihejubiläum – und niemand in diesem katholisch-fränkischen Kosmos nahm daran jemals Anstoß.

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Neben diesem religiösen Aspekt verkörpert meine Großmutter für mich aber auch ganz zentrale Stationen deutscher Geschichte.In jener Zeit als ich anfing, komplexere Erinnerungsberichte zu verstehen, begannen die vielen Erzählungen aus der Jugendzeit meiner Großmutter, die durch das Dritte Reich geprägt war, das zu jenem Zeitpunkt gerade mal vor 3 Jahrzehnten zu Ende gegangen war. Also für sie eine ähnliche zeitliche Nähe besaß wie für mich die Existenz der DDR und der Fall der Berliner Mauer. Geboren noch im Kaiserreich, war sie gerade ein gutes Jahr alt, als ihr Vater in den ersten Weltkrieg zog. In der fränkischen Rhön aufgewachsen, entstammte sie einer Familie, die seit Generationen neben der Landwirtschaft für die familiäre Grundversorgung vom Vater zu dem ältesten Sohn das Schreinerhandwerk weitergab. Die Möbel, die meinen Großmutter noch heute in ihrer Wohnung stehen hat, kommen zum großen Teil aus der Werkstatt ihres Vaters bzw. Bruders.

Er war einer von jenen alten streitbaren Patriarchen, deren aufrechtes Wesen einer anderen Zeit angehört. Als Mitglied der Bayernpartei weigerte er sich standhaft an der Straße Spalier zu stehen, als Adolf Hitler irgendwann einmal durch das kleine Dorf in der Rhön (Großeibstadt) reiste.

Meine Großmutter war dann schon ein anderes Kaliber. Völlig unpolitisch faszinierten sie die Uniformen und auch das, was es in dem kleinen Rhöndorf nicht gab. Und so lernte sie auch ihren Mann Hans auf einem Volksfest („Kiliani“) kennen, der nicht nur eine Fliegeruniform anhatte, sondern überdies auch noch ein Protestant aus Sachsen war.

Als sie ihn zuhause vorstellen wollte und ihre Eltern von der anstehenden Hochzeit etwas kess in Kenntnis setzte, war an ein Zuhausebleiben in dem kleinen Dorf nicht mehr zu denken. Wenn ich mich recht erinnere sprach ihr Vater die erste Zeit kein Wort mit ihrem Mann, erst als die erste Tochter auf die Welt gekommen und der Protestant sich zur Konversion zum Katholizismus entscheiden und ihn der damalige Bischof Matthias Ehrenfried durch die Firmung in den Schoß der Catholica geholt hatte, verbesserte sich das Verhältnis deutlich.

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Der Würzburger Bischof Ehrenfried war überhaupt für meine Großmutter Anlass zu einem Schlüsselerlebnis, das ihre Einstellung zum Nationalsozialismus deutlich änderte. Mit ihren zwei Töchtern in Würzburg unterwegs war ihnen der Bischof auf der Straße entgegen gekommen, sie hatte – wie das damals üblich war – um seinen Segen für die Kinder gebeten, den dieser gerne gab. Das hatten ein paar Nazis gesehen, die darauf hin den Bischof bespuckten und übelst beleidigten. Der Zauber der Uniformen und eines Adolf Hitler, bei dessen Rede sie auf dem Würzburger Residenzplatz vor lauter Aufregung wenige Jahre zuvor in Ohnmacht gefallen war, waren schnell verschwunden. Und das noch bevor ihr Mann immer seltener und immer durch neue Krankheiten und Unterernährung geschwächt auf Heimaturlaub nach Würzburg kam. Und ihr den letzten Rest an Bewunderung für die Nazigrößen grundlegend austrieb.

Und dann kamen die Würzburger Bombennächte in den Luftschutzkellern mit zwei kleinen Kindern. Einem ihrer Brüder hat sie es zu verdanken, dass sie hochschwanger kurz vor der Märznacht 1945, in der die alte Barockstadt von den Engländern fast komplett in Schutt und Asche gelegt wurde, aufs Land zu ihren Eltern geholt wurde.

Ich vergesse nie ihre Erzählung von jenem Abend, als sie ihren neu geborenen Sohn stillend, am Fenster saß und der Himmel über dem etwa 30 Kilometer etfernt liegenden Würzburg flammenrot aufleuchtete. Als ihr Bruder ihr sagte „Würzburg brennt wie ein Feuerofen, es wird nur Asche zurückbleiben“, unterbrach sie das Stillen, das sie danach nicht wieder aufnehmen konnte.

Die Zeit nach dem Kriegsende wurde ihr zu Qual: zwar gab es auf dem Land so viel zu essen, dass man nicht verhungern musste, aber das Leben ohne jede Urbanität, bei der Verwandschaft, das Ausbleiben von Nachrichten von ihrem Mann, belasteten sie sehr.

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Von ihr selbst stammt der Spruch: sie habe jeden Tag gebetet, dass sie möglichst bald wieder in die Stadt zurückkommen könne. Das gelang ihr dann auch Ende der 40er Jahre. Die Ungewissheit mit ihrem Mann freilich blieb. Jedes Jahr zum Todensonntag und zu Allerseelen gingen wir immer zum Ehrenmal für die im zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten und stellten dort ein Grablich an jenem Kreuz auf, das der ab 1945 vermissten Soldaten gedenken sollte.

Was totalitäre Regime, was politisch umgesetzte Ideologien mit Menschen zu machen vermögen, wie sie ihnen, wenn sie sie nicht töten, für immer tiefe Wunden in ihre Seele schlagen, habe ich an meiner Großmutter überdeutlich erfahren. Aber auch die Fähigkeit, die zurückgebliebenen Narben in das eigene Leben zu integrieren und nach vorne zu schauen.

Nach vorne schauen war dann auch das, was ich bei meiner Großmutter auch immer erlebte. Als erster männlicher Enkel galt viel ihrer Aufmerksamkeit mir. Da meine Eltern in meinen ersten Lebensjahren als Studenten nicht viel Geld zur Verfügung hatten, nähte sie all meine Kleider aus der damaligen Zeit, betreute sie mich mich, wenn für meine Eltern einmal wieder eine Demo gegen den Vietnamkrieg anstand.

Während sich meine Mutter vor allem um meine nächstjüngere Schwester kümmerte, war sie es, die mir über all die Zeit Ersatzmutter war. Wenn wir zusammen unterwegs waren, wurde sie aufgrund ihres jugendlichen Aussehens und des Charmes der Bekannten, die ihr begegneten, oft für meine Mutter gehalten und wahrscheinlich ist meine Bindung zu ihr auch weitaus stärker als die zu meiner eigentlichen Mutter und meinem Vater.

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Seit einigen Jahren sind nun längere Gespräche selten mehr möglich. Aber wenn man bestimmte Themen anspricht, wirkt sie wie um 20 Jahre verjüngt.

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Wenn ich mit meinem Mann dort zu Besuch komme und wir über gemeinsame Urlaube an der Nordsee oder ihre Besuche in unseren Studentenwohnungen in Köln erzählen, kann sie sich an ganz vieles minutiös erinnern.

Aber der Wunsch, dass sie doch endlich „von Gott heimgeholt“ werden möge, wie sie sich ausdrückt, ist auch immer stärker geworden. Das kann freilich noch etwas dauern. Meine Mutter versorgt sie rund um die Uhr, Ärzte und Priester kommen zu ihr Nachhause, wenn sie so schwach ist, dass sie die Treppe zu ihrer Dachgeschosswohnung nicht mehr bewältigen kann. Sodass sie weiter in ihrem gewohnten Umfeld leben und dort Besuche von Kindern, Enkeln und Urenkeln, von Verwandten aus der Rhön oder Ordens- und Betschwestern aus der Nachbarschaft empfangen kann.

Insofern weiß ich nicht so recht, was ich ihr zu ihrem 100. Geburtstag – über Floskeln hinausgehend – wünschen soll. Eines weiß ich aber: mein Herz ist erfüllt von Dankbarkeit für jene  48 Jahren, die ich von ihren 100 Jahren – in mehr oder weniger großer Nähe – mit ihr verbringen durfte; dankbar für all das, was ich emotional und intellektuell von ihr gelernt habe, was mich in meiner Haltung zu dem gemacht habe, der ich heute bin.