Zurecht gilt Sankt Martin als leuchtendes Vorbild, wenn es um christlichen Nächstenliebe geht. Daher wird seine selbstlose Hilfsbereitschaft auch immer wieder von Kirchenvertretern beschworen, wenn es um die Aufnahme weiterer Flüchtlinge in Deutschland geht,. Die Wahrheit ist jedoch: Hätte Sankt Martin damals die „Nächstenliebe“ der heutigen Kirchen praktiziert, dann müsste seine Geschichte völlig neu und ganz anders erzählt werden. Ein Gastbeitrag von Stephan Eissler

Aus der Perspektive der ärmeren Hälfte der Bevölkerung betrachtet, wurde die Grenze der Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft längst überschritten: Die Zahl der wohnungslosen Menschen in Deutschland ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Gleiches gilt für die Zahl der Menschen, die auf die Tafeln angewiesen sind, um zu überleben.

Unsere Schulen sind immer weniger in der Lage, Bildung zu vermitteln, dafür aber immer häufiger Orte, an denen das Wohl der Schüler gefährdet wird. Wo früher Parallelgesellschaften beklagt wurden, entstehen inzwischen regelrechte Gegengesellschaften. Und von all dem sind Menschen mit Migrationshintergrund überproportional stark betroffen. Unsere Gesellschaft schafft es also erkennbar nicht, all die Menschen zu versorgen und zu integrieren, die in den letzten Jahren in Deutschland aufgenommen wurden.

Ungeachtet dessen gelangt man in anderen Teilen der deutschen Bevölkerung zu einer völlig anderen Einschätzung. So verkündete ein Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Kirche kürzlich, für Deutschland stelle die Aufnahme weiterer 500.000 „Flüchtlinge“ kein Problem dar. Der Vorsitzende des Rates der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, fordert Angesichts der Ereignisse an der griechisch-türkischen Grenze, Europa müsse diese Menschen in Not SOFORT aufnehmen. Hinter solchen Aussagen steht die Überzeugung, im Namen christlicher Nächstenliebe zu sprechen. Die Wahrheit ist jedoch: Hätte Sankt Martin einst eine solche Nächstenliebe praktiziert, wie sie von den heutigen Amtskirchen propagiert wird, dann müsste seine Geschichte völlig neu erzählt werden.

Christliche Nächstenliebe 1.0 – Die Geschichte des Heiligen Sankt Martin:

Für Christen ist „Sankt Martin“ (oder „Martin von Tours“ wie er damals eigentlich hieß) ein leuchtendes Vorbild für selbstlose christlichen Nächstenliebe. Das hängt mit der Geschichte zusammen, die man sich über Sankt Martin erzählt. Diese ist recht schnörkellos und schnell erzählt:

Einst traf St. Martin in einer kalten Nacht auf einen frierenden Bettler. Um diesem zu helfen, teilte St. Martin seinen eigenen Mantel in zwei Teile und gab dem frierenden Bettler eine Hälfte davon.

Christliche Nächstenliebe 2.0 – Wenn Sankt Martin damals die „Nächstenliebe“ der heutigen Amtskirchen praktiziert hätte:

Hätte Sankt Martin damals das praktiziert, was die heutigen Kirchen in großer Selbstergriffenheit als christliche Nächstenliebe bezeichnen, dann müsste seine Geschichte völlig neu erzählt werden. Sie ginge dann ungefähr so:

Sankt Martin traf in einer kalten Nacht auf einen frierenden Bettler. Statt diesem einen Teil seines langen warmen Mantels zu geben, ließ er die Glocken läuten, so dass die Bürger der Stadt zusammen kamen. Vor versammelter Menge zeigte Sankt Martin auf den frierenden Bettler und rief mit empörter Stimme:

„Ihr Bürger dieser Stadt, wie könnt ihr ruhigen Gewissens in euren warmen Betten schlafen, während dieser arme Mann hier friert? Wie könnt ihr euch in warme Kleidung hüllen, während dieser Mann in Stofffetzen um sein Überleben kämpft? Ich fordere im Namen barmherziger Nächstenliebe, dass ihr alle eure Mäntel mit diesem armen Mann teilt! Jeder von euch möge ein kleines Stück seines Mantels bei mir abliefern, damit ich dem armen Bettler daraus einen Mantel nähen kann. Und weil ich auch von etwas leben muss, gehe ich selbstverständlich davon aus, dass ihr mich für meine Arbeit anständig bezahlt!“

So kam es, dass am folgenden Tag alle Bürger der Stadt ein Stück ihres Mantels und einen kleinen Geldbetrag als Aufwandsentschädigung bei Sankt Martin ablieferten. Als dieser aus den vielen kleinen Mantelstücken einen schönen warmen Mantel gefertigt hatte, ließ er wieder die Glocken läuten, damit sich die Bürger der Stadt versammelten. Feierlich überreichte Sankt Martin dem Bettler den Mantel und rief dabei den Bürgern zu:

„Liebe Bürger, seht her! Ich bin ein selbstloses Werkzeug Gottes, denn ich tue Gutes und helfe den Notleidenden – ich sorge dafür, dass dieser arme Mensch fortan nicht mehr frieren muss!“

Einige der ärmeren Bürger staunten, als sie den Mantel sahen, den St. Martin dem Bettler umhängte, denn sie sahen wohl, dass der Mantel viel schöner, länger und wärmer war, als ihr eigener Mantel, von dem nun auch noch ein Stück fehlte… Aber da sie nicht als gottlos und selbstsüchtig erscheinen wollten, stimmten sie in den allgemeinen Jubel der anderen Bürger ein.

Dann erhob Sankt Martin erneut seine Stimme und verkündete der versammelten Bürgerschaft:

„Da draußen in der Welt gibt noch viele Menschen, die frieren! Daher verfüge ich im Namen göttlicher Barmherzigkeit und christlicher Nächstenliebe, dass Ihr von nun an regelmäßig ein Stück eurer Mäntel bei mir abliefern sollt. Ich werde Schneider anstellen, die von nun an unter meiner  gütigen Aufsicht die Mantelstücke zu warmen Mänteln zusammennähen werden. Da diese Schneider – und selbstverständlich auch ich – von etwas leben müssen, dürft ihr uns durch einen regelmäßigen Geldbetrag bei unserer gottgefälligen Arbeit unterstützen!“

Alsbald ging die Kunde von der barmherzigen Stadt durch alle Lande. Und tatsächlich hätten sich viele bitterarme und frierende Menschen gerne auf den Weg in diese barmherzige Stadt gemacht, doch sie waren von der Kälte bereits zu entkräftet, um den weiten und beschwerlichen Weg zu überstehen. Statt dessen machten sich jene auf den Weg, die zwar weder bitterarm, noch dem Erfrieren nahe waren, die aber schon immer einen schönen warmen Mantel besitzen wollten. Diejenigen unter ihnen, die gesund und kräftig genug waren, machten sie sich auf den Weg in die barmherzige Stadt. Vor den Toren der Stadt angekommen rissen sie sich ihre schäbige Kleidung vom Leib, die sie bisher notdürftig warm gehalten hatte. Dann traten sie fast nackt an den Stadtgraben und riefen die Stadtmauern hinauf: „Sehr her, wir sind fast nackt. Wir bitten euch im Namen der Barmherzigkeit, rettet uns! Gebt uns warme Kleidung, denn sonst müssen wir hier vor den Mauern eurer Stadt erfrieren!“

Bisweilen kam es tatsächlich vor, dass Menschen vor den Toren der Stadt von einem Kälteeinbruch überrascht wurden, nachdem sie sich ihrer Kleider entledigt hatten. Wurden sie nicht rechtzeitig gerettet, starben manche von ihnen tatsächlich vor den Toren der Stadt. Das Schicksal dieser so verstorbenen wurde von Sankt Martin und seinen getreuen Helfern laut beklagt und diente ihnen als tragischer Beweis für die Notwendigkeit ihrer Arbeit.

Indem sich all das immer häufiger und in immer größerer Zahl zutrug, begann sich die Stadt allmählich zu verändern:

—- Sankt Martin selbst war inzwischen der größte Unternehmer in der Stadt. Freilich betonte er stets, dass er überhaupt kein Unternehmer sei, sondern ein demütiger Diener Gottes auf Erden, der nur Menschen in Not helfen wolle. Das beweise auch die Tatsache, dass er keineswegs nach Gewinn strebe, sondern nur so viel von den Einnahmen für sich behalte, dass er sich jene Annehmlichkeiten leisten könne, die einer Person in seiner Führungsposition nun mal zustehe.

—- Die Zahl der Schneider, die für Sankt Martin arbeiteten, wuchs ständig. Diese Schneider nähten fleißig Mäntel für die Menschen, die vor der Stadtmauer laut nach warmer Kleidung verlangten. Die Ankunft von immer mehr Menschen vor den Toren der Stadt erfüllte sie mit tiefer Zufriedenheit. Denn diese Menschen verschafften den Schneidern neben einem guten Einkommen auch das ehrlich empfundene Gefühl, Gutes zu tun, Menschen in Not zu helfen – und damit ein überaus gottgefälliges Werk zu verrichten.

—- Daneben gab es aber auch jene Bürger, die einer ganz gewöhnlichen Arbeit nach gingen. Man erkannte sie und ihre Familien daran, dass sie immer kürzere Mäntel trugen, welche sie an kalten Wintertagen kaum noch ausreichend vor der Kälte zu schützen vermochten. Denn sie verdienten nicht genug, um für sich und ihre Familien in immer kürzeren Abständen neue Mäntel zu kaufen – zumal Mäntel immer teurer wurden. Hinzu kam noch der Obolus, den sie regelmäßig zu entrichten hatten, um die gottgefällige Barmherzigkeit des Sankt Martin und seiner Schneider zu finanzieren. Im Gegensatz zu Sankt Martin und seinen Schneidern bereitete diesen Bürgern die Ankunft von immer mehr Menschen vor den Toren der Stadt daher große Sorge.

—- Schließlich veränderte sich auch das Gewerbe in der Stadt und im Umland: Für die Bauern wurde es immer lukrativer, Schafe zu züchten, statt Getreide anzubauen (weshalb nicht nur Mäntel teurer wurden, sondern auch Nahrung). Mehr und mehr Handwerker spezialisierten sich auf die Herstellung von Schneidereibedarf und Gerätschaften für die Woll- und Tuchverarbeitung. Andere wichtige Fertigkeiten gingen deswegen allmählich verloren.

Immer häufiger waren nun Stimmen zu vernehmen, die auf die eine oder andere Weise das Handeln von Sankt Martin und seiner Schneider in Frage stellten. Daher ließ Sankt Martin immer häufiger die Glocken läuten. Jedes mal wies er die versammelte Bürgerschaft darauf hin, dass vor den Stadtmauern bereits viele Menschen erfroren seien – und noch viel mehr Menschen erfrieren würden, wenn sich die Stadt weigere, diesen hilfsbedürftigen Menschen zu helfen. Sankt Martin wurde dabei im Ton und in seinen Angriffen immer aggressiver gegen jene, die sein Tun hinterfragten. Er nannte sie „gottlos Menschenfeinde“, von denen sich rechtschaffene Christen fernhalten sollten. Und er mahnte, man dürfe es nicht zulassen, dass die armen frierenden Menschen vor den Toren der Stadt gegen die frierenden Menschen in der Stadt mit ihren immer kürzeren Mänteln ausgespielt werden, da dies nur den gottlosen Menschenfeinden in die Hände spiele.

Was die bitterarmen und frierenden Menschen in den fernen Ländern betraf: Sie  neideten ihren früheren Nachbarn die neuen warmen Mäntel nicht, die diese in der fernen barmherzigen Stadt erhielten, nachdem sie dort angekommen waren. Sie wünschten sich allerdings, sie besäßen wenigstens solche Kleidung, wie sie ihre früheren Nachbarn getragen hatten, bevor sie zur barmherzigen Stadt aufgebrochen waren. So aber litten diese bitterarmen Menschen weiterhin unter der Kälte. Manche von ihnen starben in kalten Nächten einen elenden Kältetod. Die Nächstenliebe des Sankt Martin in jener wunderlichen fernen Stadt hatte daran nichts geändert.

Epilog

Alleine die beiden deutschen Amtskirchen verfügen zusammen über ein Vermögen in Höhe von ungefähr 500 Milliarden Euro (Stand 2000). Mit der Nächstenliebe eines Sankt Martin lässt sich ein solches Vermögen eindeutig NICHT anhäufen – jedenfalls nicht in einer Welt voller notleidender Menschen wie der unseren. Das nicht nur eine Behauptung, sondern eine Tatsache, basierend auf simpler Mathematik.

Möglich ist der Reichtum der Amtskirchen nur, indem sie anderen  „geben ist seliger als nehmen“ predigen – während sie gleichzeitig selbst „nehmen ist seliger als geben“ praktizieren.

Und wer der Meinung ist, dass die Geschichte etwas weit hergeholt ist, die ich oben unter „Christliche Nächstenliebe 2.0“ erzählt habe, dem sei gesagt, dass die Realität leider noch weit dramatischer ist. Tatsächlich nämlich ist die „christliche Nächstenliebe“, die in der Flüchtlingspolitik praktiziert wird  an Zynismus kaum zu übertreffen – warum das so ist, habe ich anhand von Zahlen und Fakten in diesem Beitrag ausführlich dargelegt:

Initiativen wie die „Seebrücke“ sind Ausdruck eines zynischen und menschenverachtenden Pseudo-Humanismus