Seit vielen Jahren sind Burkinis als Badekleidung muslimischer Frauen ein Streitthema, wenn es um öffentliche Schwimmbäder geht. Auch gab es schon Fälle, in denen sich muslimische Männer in Saunen nicht an die textilfreie Badeordnung hielten. Es ist aber in Badeeinrichtungen gerade für den Wohlfühlfaktor der anwesenden Badegäste von Bedeutung, dass sich die dortige Badekleidung an einheitlichen Gemeinschaftsstandards orientiert, weshalb islamkonforme Kleidung dort fehl am Platz ist. Ein Gastbeitrag von Daniel Schweizer.

Wer kennt nicht die wohltuende Wirkung für seinen Körper, wenn er sich in den Sommermonaten im kühlen Nass erfreut oder derzeit im Winter sich im warmen Wasser der Thermalbäder oder in einer Sauna aufwärmt? Erleichternd im Bad ist gerade die wegfallende Last überflüssiger Bekleidung. Lange Zeit war die Bekleidungsordnung in Schwimmbädern kein nennenswertes Streitthema.

Zunehmend polarisierend wird aber der von muslimischen Frauen getragene Burkini. Verteidigt wird der Burkini gerne mit der persönlichen Freiheit ihrer Trägerin. Allerdings gibt es gute Gründe, warum es hier um mehr geht als nur deren persönliche Freiheit. Denn der Wohlfühlfaktor eines Menschen in knapp bekleidetem oder unbekleidetem Zustand kann erheblich sinken, wenn er stärker bekleideten Menschen gegenüber steht.

Beispiel einer Burkiniträgerin in einer Gemeinschaftsdusche

Als Mann kann ich nur bedingt beurteilen, wie es sich anfühlen würde, im Schwimmbad einer Burkiniträgerin über den Weg zu laufen oder direkt gegenüber zu stehen. Umso wichtiger wäre aber die Frage, welches Gefühl die Anwesenheit von Burkiniträgerinnen bei den übrigen Frauen auslöst. Aus der Sicht einer Frau liest sich zum Beispiel sehr interessant ein Gastkommentar von Birgit Kelle im Focus:

„Manchmal findet man sich selbst unvermittelt in Szenen wieder, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Im Sommer stand ich wie immer und wie die meisten Frauen im Freibad nackt in der Sammeldusche der Frauen. Neben mir eine Dame im  dunkelblauen Burkini, die ihren Burkini duschte […].“

Wie sich diese Situation im Ganzen anfühlte, lässt Frau Kelle in diesem Kommentar offen. Aber allein schon die Erwähnung der Situation, und dass sie nicht weiß, „ob man lachen oder weinen soll“, spricht Bände, wie sich wohl viele Schwimmbadbesucherinnen in solch einer Situation fühlen.

Dass sie „wie immer und wie die meisten Frauen“ unbekleidet in der Gemeinschaftsdusche stand, drückt die Normalität aus, dass Nacktheit in einer geschlechtergetrennten Sammeldusche nichts Außergewöhnliches ist und weder für Schamgefühl noch für erotische Reize sorgt. Es sind schließlich Unbekleidete unter sich, niemand verwundbarer als die anderen anwesenden Personen. Aber dann eine andere Gesamtsituation, als eine Frau im Burkini anwesend ist: Eine Gefühl von Verwundbarkeit für die Frauen, die wie gewöhnlich nackt unter der Dusche standen.

Nicht viel weniger verwundbar dürften sich Badegäste in der Schwimmhalle fühlen, die als Frauen im Badeanzug oder Bikini oder als Männer in Badeshorts einem weitgehend verhüllten Badegast gegenüberstehen.

Beispiel von arabischen Männern in Badeshorts in der Sauna

Weniger präsent als der Burkini ist in der öffentlichen Debatte Badekleidung in eigentlich textilfreien Saunen. Dass dies aber früher oder später noch zu einem Konfliktthema werden könnte, zeigt ein Erlebnisbericht aus der Waiblinger Kreiszeitung von Nils Graefe.

Der Autor berichtet darüber, wie im Duschbereich zwei in Bermuda-Shorts und Badehose bekleidete Männer standen, die arabisch sprachen. Diese beiden Männer gingen in ihrer Badekleidung von der Dusche weiter in den Saunabereich, obwohl die Schilder ausdrücklich auf einen „textilfreien Bereich“ hinwiesen. Vor der Saunatür waren sie glotzend auf Liegestühlen anzutreffen. In der Sauna war zwischen nackten Männern und Frauen wiederum ein Mann in Badeshorts, dessen Herkunft Graefe mangels Sichtverhältnissen nicht einschätzen konnte. Er schilderte seine Gefühle, die mit Sicherheit viele andere Saunabesucher ähnlich empfinden würden:

„Plötzlich fühlte ich mich nackt – was ich ja auch war. Und mir drängte sich sofort der Gedanke auf, nicht ich, sondern die (!) verstoßen hier gegen einen kulturellen Code. Sie sprachen arabisch miteinander. Was mich an sich nicht störte, denn mitunter sind auch Deutsche gschamig und zeigen ihr Schnäpperle nicht jedem – nicht, dass ich etwa Interesse hätte an anderer Leute Schnäpperle, aber ich war nackt und die waren bekleidet …  ich bin doch kein Exhibitionist …, so dachte ich vor mich hin, während ich, meinen Körperreinigungsvorgang stark verkürzend, alsbald wieder beim Handtuch war und begann, mich abzutrocknen.“

„Plötzlich fühlte ich mich nackt – was ich auch war“. Schon dieser Satz zeigt, dass tatsächliche Nacktheit für viele Menschen erst zur gefühlten – wohl auch verwundbaren – Nacktheit wird, wenn sie Bekleidete in ihrer Gegenwart haben.

Gefühl der Nacktheit erst in Anwesenheit Bekleideter

Es wird also deutlich, dass sich Nacktheit erst als solche anfühlt, wenn man nackter ist als Menschen, die einem unmittelbar gegenüberstehen. Man ist dadurch in der Rolle des Verwundbaren. Komplett nackt kann man sich also schon verwundbar fühlen, wenn der Gegenüber in Badekleidung vor einem steht.

Dagegen ist es für gewohnte Saunagänger nichts erotisch Reizendes oder Schambehaftetes, wenn sie als Nackte unter Nackten sind. Frauen oder Männer mit Badekleidung, vor denen splitternackte Personen verwundbar sind, sind wiederum selbst verwundbar, wenn sie Burkiniträgerinnen gegenüberstehen. Nicht ohne Grund fühlen sich Menschen – ohne darüber nachzudenken – in Schwimmbädern, in Strandnähe oder am Hotelpool wohl mit unbedeckter Haut. Mit genauso viel nackter Haut würden sie sich im Zentrum der Stadt nicht so wohl fühlen.

Man muss nicht einmal in Badekleidung oder textilfrei herum laufen, um sich verwundbar vor Menschen zu fühlen, wenn sich in der Gegenwart stärker bekleidete Menschen fühlen. Man male sich die Situation aus, an einem warmen Sommertag nur Bermuda-Shorts und T-Shirt, dazu offene Schuhe zu tragen, und jemanden mit Anzug und Krawatte vor sich zu haben. Fühlt sich das so angenehm an? Es hat also seine berechtigten Gründe, dass je nach Ambiente für Kleidung gewisse Gemeinschaftsstandards gelten.

Für den Wohlfühlfaktor der Badegäste: Keine islamkonforme Kleidung in Badeeinrichtungen!

Manch einer möge jetzt wieder damit kommen, dass nunmal zur Toleranz auch Burka, Niqab, Hidschab und Burkini gehören. Allerdings sind Badeeinrichtungen kein Ort, wo man sich in Toleranz üben muss, sondern sich schlicht und ergreifend wohl fühlen darf. Es ist ein wichtiger Bestandteil unserer Freiheit und unseres Wohlfühlens, dass wir dank wenig Kleidung mit Leichtigkeit durchs Wasser schwimmen und beim Verlassen des Wassers nur wenig nasse Kleidung an unserem Körper haftet. Genauso lässt sich eine Schwitzkur in der Sauna – im Gegensatz zum sonstigen täglichen Schwitzen – unbeschwert genießen, weil keine verschwitzte Kleidung am Körper klebt. Sich dabei wohl fühlen kann man aber nur, wenn man sich nicht vor Bekleideten verwundbar fühlen muss.

Deshalb ist hier jegliche falsch verstandene Toleranz gegenüber dem Islam fehl am Platz. Es ist eines Menschen persönliche Freiheit, sich nirgendwo nackt zu zeigen, weil Nacktheit einem unangenehm ist oder sie die Religion verbietet. Dann kann man aber auch keine Freizeiteinrichtung in Anspruch nehmen, die üblicherweise nur mit wenig oder gar keiner Kleidung betreten wird. Schwimmbäder müssen hier konsequent auf die übliche Badekleidung bestehen: Badeshorts/-slips bei Männern, Bikinis oder Badeanzüge bei Frauen. Genauso wenig dürfen Saunen irgendwelchen Gästen die Ausnahmeregelung erlauben, in Badekleidung herein zu kommen. Nur wenn solche gemeinschaftlichen Regeln eingehalten werden, können Badegäste sich ohne Verwundbarkeit wohlfühlen.

Noch ein wesentlicher Grund, warum es fatal wäre, in Saunen von der Regel der Textilfreiheit Ausnahmen zu machen: Diejenigen Männer, die gegenüber Frauen auf der Straße körperlich übergriffig werden, würden mit Saunen neue Orte finden, an denen sie Frauen belästigen.

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