Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Manie, griechisch μανία, lässt sich nach openthesaurus.de mit Obsession, Sucht übersetzen. Symptomatisch, so Wikipedia, sind „Aktivität weit über dem Normalniveau.“ Es lässt sich keine bessere Beschreibung finden für den Aktionismus, der sich breit macht, wenn es darum geht, die deutschen Schulen, besonders die Gymnasien, zu Pflanzschulen für künftige Nobelpreisträger zu qualifizieren.

Gründe für galoppierenden Aktionismus an den Schulen gibt es genügend. In internationalen Studien schneiden die deutschen Hoffnungsträger in Naturwissenschaften und Mathematik zwar leicht überdurchschnittlich, aber doch in deutlichem Abstand zu den Champions Japan, Estland, Finnland und Kanada ab. In Mathematik gilt: „Seit 2012 ist die Leistungsspitze von 17,5 % auf 12,9 % deutlich gesunken.“ Die „Welt“ titelt Ende 2016 zur PISA-Studie:

„Deutsche Schüler finden Naturwissenschaften lästig“,  um dann wissen zu lassen: „Sie haben im globalen Vergleich nur wenig Freude an Chemie oder Physik.“

SOZIALES MACHT MEHR SPAß

Dafür macht sich unter Schülern – von offizieller Pädagogik gefördert – immer mehr „Engagement“ für alles denkbar Diskriminierte und von den Erwachsenen Vernachlässigte breit, das es zu bekämpfen oder für das es zu kämpfen gilt. Die europaweit verehrte, schwedische Klimaexpertin Greta Thunberg, 16, ist das aktuellste Beispiel für fehlenden physikalischen Sachverstand, aber für umso größere Betroffenheit, was bei uns in Deutschland durch Unterrichtsverweigerung und Schulstreiks geweckt und gefördert werden darf.

Warum, so fragt man sich, gibt es noch kein Mutti-Greta-Selfie auf Demo-Transparenten für den guten Zweck der Weltrettung? Wo Merkel  als Physikerin – und nun auch noch der Bundespräsident – doch soviel „Verständnis“ für die Anliegen der Untergangs-und Empörungsgedopten hat?

IDEOLOGISCHER KRIMSKRAMS STATT HARTES STUDIUM

Selbst Universitäten wissen, dass sie nur mit leiser, beständiger, harter wissenschaftlicher Arbeit ohne sozialen Betroffenheitsfaktor keinen Medienhund hinter dem Ofen hervorlocken. Und schon gar kein Geld flüssig werden lassen. Also fördert man PR- wirksame Disziplinen und Aktivitäten, vorzugsweise in Orchideenfächern, kombiniert mit irgendwas Gendermäßigem, Hauptsache mit erkennbar ideologischem Krimskrams, der bestens geeignet ist für Integrations- und Anti-Diskriminierungsaktivitäten, wie beispielhaft an der Universität Konstanz zu sehen.

Dort gibt es eine umfangreiche, finanzdurstige Einrichtung zu dem überaus relevanten Bereich Diversity im „Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity“. Der Kontext ist klar: Bundesweit setzt man lieber auf sinnfreie Gender-Lehrstühle, wo eigentlich hölzerne MINT-Fächer angesagt wären. Symptomatische Schlagzeile: Reingewürgt: Alle 53 Gender Studies Professuren an deutschen Universitäten

Nachdem das Gymnasium ignoranterweise als das sine qua non, als das ausschließlich verlässliche Zugangsportal zu einem erfolgreichen Berufsleben gilt, ist es das Versuchsfeld Nummer 1 für pädagogische Eintagsfliegen im Bereich der innovativen Ideen. Im Kielwasser der hippigen Ideen mitzuschwimmen zeichnet jeden – höflich gesagt – pädagogischen Großmund aus.

DAS SPIEL DER SPIELE SICHERT BILDUNG

Eine neue Idee landete neulich auf Glanzpapier im Briefkasten. Der Bayerische Philologenverband, einst eine Festung für den Widerstand gegen schulische Schnapsideen, scheint sich, wie die Ausgabe von Das Gymnasium in Bayern Ausgabe 2-19 zeigt, man will sich nicht verschließen, wenn es darum geht, sich für Neues zu öffnen, egal, wie sinnvoll oder sinnlos das Unterfangen ist. Der Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg stellt da mal eine neue Idee vor.

Man bestaune zunächst die Summe des mit der neuen Idee Erreichbaren, bevor das Wundermittel selbst beim Namen genannt wird. Der Einfall in der Wundertüte zeigt dermaßen sinnträchtig aufgeladene Begriffe, dass es unmöglich erscheint, den Vorschlag anders als begeistert aufzunehmen.

Wie sieht der Mehrwert der Entdeckung aus? Zitat: „Der Bildungsgehalt […] ist nicht hoch genug einzuschätzen.“

Hier die Liste des „spielerisch“ (wie auch anders im Sinne moderner Spaß-Pädagogik?) Erreichten, wenn man die Idee umsetzt. (Erinnert an Diät-Programme, die in kürzester Zeit erstaunliche Erfolge versprechen).

–      Förderung strategischer, existentieller und emotionaler Intelligenz

–      Vermittlung von Werten und Normen, Geschichte und Kultur

–      Erfahrung von Hierarchien im Lebensalltag [Die Lehrer -Schüler – Hierarchie als lebensnahes Lernmodell gibt es offensichtlich nur noch vereinzelt. Anm.d.Verf.]

–      Erwerb von sozialer Kompetenz: Man „schaut sich in die Augen, interpretiert Gestik und Mimik,spürt in der Situation […] das Du in all seinen Facetten und wird dadurch zum Ich.“

–      Rückbesinnung auf Werte wie Heimat und Tradition

RECHNEN UND MATHEMATIK– EIN MISSVERSTÄNDNIS

Wem es jetzt noch nicht aufgegangen ist, wovon die Rede ist: Es geht um das Kartenspiel „Schafkopf“. Spielen es die Schüler an den Schulen, dann darf über dem bisher Gesagten, laut Ideengeber, konstatiert werden: „Dem Bildungs- und Erziehungsauftrag wird dabei in einem umfassenden Sinn nachgekommen.“

Leider kann man sich der Vermutung nicht entledigen, dass der Verfasser dieser Idee alles in allem zuviel Schafkopf in der Schule während der Mathematikstunden (vielleicht unter dem Tisch?) gespielt hat.

Das Zitat zuerst: „Die offensichtlichste, aber auch einfachste Kompetenz liegt im Mathematischen: Wer nicht schnell im Kopf rechnen kann, wir kein guter Schafkopfspieler werden.“

Der Unterschied zwischen Mathematik und Rechnen spielt in der Kompetenzfülle, die via Schafkopfen einhergehen soll, in den Augen des Ideengebers offensichtlich keine Rolle.

Der Bayerische Philologenverband gibt, pädagogisch konform, am Ende dieses Interviews bekannt, demnächst „Kartensätze“ von Schafkopf an alle bayerischen Gymnasien zu verschicken.

Gegenvorschlag: Wie wäre es, zur Förderung intellektueller Kompetenzen den Gymnasien eine sinnvollere Spende zukommen zu lassen: das Schachspiel?