Die Biologie befand sich erst im Würgegriff der Religion und dann unter der Fuchtel von Nationalsozialismus und Kommunismus. Auch heute wird sie von Strenggläubigen und Ideologen bedroht und teils sogar verteufelt. Generell haben viele Menschen Probleme mit diesem Fach. Ein Beitrag von Matthias Rahrbach

Ideologien rund um das Fach Biologie sind nicht einfach nur relevant für akademische Konflikte zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern oder zwischen Religion und Wissenschaft. Sie betreffen alle Menschen, auch solche, die sich mit dem Fach Biologie und den hier thematisierten Konfliktfeldern nicht auskennen. Denn welches Weltbild eine Gesellschaft von der biologischen Wirklichkeit hat, ist keineswegs auf Diskussionen im „Elfenbeinturm Universität“ beschränkt. Wäre Letzteres der Fall, hätte es in den vergangenen 100 Jahren ein paar Millionen Mordopfer und ebenfalls ein paar Millionen Hungertote weniger gegeben.

Doch trotz oder auch wegen dieser sehr schlimmen historischen Erfahrungen durch fatale Weltanschauungen mit Bezug zum Fach Biologie hat die Gesellschaft noch kein gesundes Verhältnis zu diesem Fach entwickeln können bzw. zur biologischen Betrachtung vieler Sachverhalte. Biologische Themen sind oft kompliziert und abstrakt und können daher nicht leicht verstanden werden, ohne Vorkenntnisse sowieso nicht. Hinzu kommt, dass viele Menschen gerade auf dem Gebiet gerne an ihren ganz persönlichen „Weihnachtsmann“ glauben und nur das sehen, was sie sehen wollen. Viele biologische Themen oder solche mit biologischen Bezügen wie Gentechnologie, Evolutionsbiologie, Geschlechterbiologie, Umwelt- und Naturschutz oder Tierschutz, Ernährung oder Alternativmedizin sind zwar politisch ziemlich heiße, oft emotional diskutierte Themen, aber trotzdem spielen Biologen und andere Biowissenschaftler keine übermäßig große Rolle in Politik und Medien, wenn es um diese Themen geht.

Ideologen gaben und geben in einem sehr bedenklichen Maße den Ton an, sie übten schon öfter in der Geschichte einen großen Einfluss auf das Bildungssystem, die Medien und die Politik aus und tun es heute wieder. Das geht von der Zensur von biologischen Argumenten aus namhafter Fachliteratur oder von anerkannten Biowissenschaftlern in sozialen Netzwerken wie Facebook bis hin zum Satanisten- und Nazivergleich von Biologen, die es sich „herausnehmen“, gut belegten und etablierten Theorien des eigenen Faches zuzustimmen. Wir sollten uns einmal fragen, wie so etwas selbst in der westlichen Welt des 21. Jahrhunderts noch möglich ist und aus welchen Gründen.

Glaube und Aberglaube statt Fakten und Logik

Will man in diesen Hinsichten die Gegenwart verstehen, muss man erst einen Blick in die Vergangenheit werfen. Als es noch keine modernen Biowissenschaften gab, wusste man vieles nicht und konnte z.B. weder Infektionskrankheiten noch die Wirkung von Heilkräutern verstehen. Man war aber tiefreligiös. Ging irgendetwas im Leben schief, schob man es nicht selten auf den Leibhaftigen und seine vermeintlichen Helfer. Menschen suchen sich oft einen Sündenbock, wenn z.B. das eigene Kind an einer Infektionskrankheit stirbt. Und wer keine Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger kennt, glaubt eher an einen Fluch, an Hexerei und Teufelswerk. Um solche „Flüche“ zu bannen, wurde manch eine „Hexe“ auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Mit anderen Worten: Das Fehlen der modernen Biowissenschaften kann schreckliche Folgen haben, offenbar gerade dann, wenn Religionen, Aberglauben und andere Weltanschauungen stattdessen den Menschen die Richtschnur ihres Handelns vorgeben.

Doch auch nachdem man das Verbrennen von „Hexen“ vernünftigerweise eingestellt hatte, war das Kernproblem, dass übernatürliche Erklärungen für natürliche Sachverhalte herangezogen wurden, noch lange nicht behoben. Der große Konfliktpunkt zwischen Biologie und Religion kam erst mit Charles Darwins „Origin of Species“ („Entstehung der Arten“). Darwin fühlte sich so, als würde er „einen Mord gestehen“, als er mit seiner Evolutionstheorie an die Öffentlichkeit ging.

Einen Mord gestehen? Darwins „Entstehung der Arten“ war gerade für gläubige Menschen nur schwer verdaulich. Der Gedanke, dass alle Arten offenbar unabhängig von einem Schöpfergott entstanden sind und einen gemeinsamen Vorfahren haben und somit mehr oder weniger stark miteinander verwandt sind, war vielen ebenso unerträglich wie die Vorstellung, dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern auch nur eine Tierart von vielen ist und von Affen oder affenähnlichen anderen Arten abstammt oder selbst eine Art „Affe“ ist. Revolutionär war an Darwins „Entstehung der Arten“ aber auch, dass nun die Deutungshoheit der Religion über eine wichtige existenzielle Frage fundamental in Frage gestellt wurde. Immerhin hatte Charles Darwin eine plausiblere Erklärung für die Entstehung der Arten entwickelt als die im Vergleich dazu märchenhafte Schöpfungsgeschichte der Bibel.

Deutungshoheit und Macht

Genau hier liegt eines der großen Probleme: Ein Wissenschaftler, der eigentlich nur der Wahrheit entgegenforscht, findet irgendetwas heraus, was im Widerspruch zu bisherigen Sichtweisen steht, zu Sichtweisen, die gewissermaßen „heilig“ sind und auch in heiligen Schriften vorkommen und die nicht nur von gläubigen Menschen, sondern auch von Autoritäten und Machthabern vertreten werden. Natürlich fürchten sich bestimmte Personen und Institutionen davor, Deutungshoheit und Macht zu verlieren. Noch andere fürchten gesellschaftliche Veränderungen infolge der neuen Erkenntnisse. Charles Darwin wusste, dass seine Erkenntnisse nicht als harmlose Ideen angesehen würden, sondern eher als Sprengsatz, der auf die bisherige Ordnung geworfen würde.

Wer die Wahrheit sagt, braucht eben ein schnelles Pferd. Dasselbe gilt für Menschen, die die Realität besser erklären können als andere vorher, die es mit ihren Ideen zu Macht und Einfluss gebracht haben oder, häufiger, die es durch das Nachplappern von Sichtweisen der Mächtigen zu Macht, Einfluss und Wohlstand gebracht haben. Wer zu schlau ist, muss aufpassen, dass ihn diese Menschheit nicht auf dem Scheiterhaufen verbrennt. Machtinhaber wollen nicht in Frage gestellt werden, und Menschen wollen generell nicht ihr Weltbild modifizieren, denn aufgrund ihrer Hierarchietierinstinkte geben sie oft sehr ungern zu, dass sie sich jahrzehntelang geirrt haben. Menschen sind in vielen Fällen nicht offen für Neues, sondern sie fürchten sich vor Veränderungen, was in einer Welt, in der Lebewesen von Natur aus um ihr Überleben kämpfen müssen, sicherlich nicht verwundert, denn Veränderungen setzen Menschen unter Anpassungsdruck. Es ist leichter, sich auf eine konstante Welt einzustellen, als auf eine, die sich ständig verändert, und sei es hinsichtlich der gängigen Weltanschauungen in einer menschlichen Gesellschaft. Menschen mögen es nicht, wenn sie ihr Weltbild fundamental verändern müssen oder sollen, sie klammern sich lieber an die Weltbilder, auf die sie einmal eingestellt sind, und haben (vermutlich von Natur aus) Angst vor Veränderung. Es ist also kein Wunder, dass Darwins „Entstehung der Arten“ eine Menge Unbehagen und Abwehrreaktionen auslöste.

Als dieser nun seinen „Mord“ gestanden hatte, gab es vereinfacht ausgedrückt zwei Reaktionen darauf: Die einen schauderte es bei seiner Theorie, und einige wünschten sich sehr, dass er nicht Recht hätte und seine Idee, wenn sie doch stimmen sollte, möglichst unbekannt bliebe. Die anderen, vermutlich nicht selten Menschen, die mit der Religion und überhaupt den Verhältnissen nicht gut klarkamen, stürzten sich begeistert darauf. Letztere dürften sich nach Veränderungen gesehnt haben, z.B. aufgrund der Tatsache, dass sie oftmals in der gesellschaftlichen Hierarchie weit unten standen und dann sehr wohl offen für Neues waren. Wer sich von der Religion oder seinen tiefreligiösen Eltern unterdrückt fühlte, wird Darwins „Entstehung der Arten“ eher begeistert aufgenommen haben als ein Strenggläubiger, für den die Religion sein Leben war.

Gefährliche Sichtweisen und Nationalsozialismus

Jedenfalls verstanden Darwin bestimmt nicht alle richtig und einige konstruierten basierend auf Teilen seiner Evolutionstheorie eigene fragwürdige Weltanschauungen, die leider heute noch von einigen Unwissenden Charles Darwin angelastet werden. Insbesondere der Sozialdarwinismus ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

Ein paar Jahrzehnte später kam in Deutschland Adolf Hitler an die Macht. Dieser machte nun ein paar dieser blöden und menschenfeindlichen Spinnereien mit Bezug zum Fach Biologie zur Staatsraison, was die Biologie gerade hier in Deutschland bis heute in Verruf bringen sollte. Zur Nazi-Ideologie gehörten hinsichtlich des Faches Biologie folgende Aspekte:

  • der Sozialdarwinismus, der darin besteht, dass man aus der pauschalen Annahme, dass sich in der Natur die Stärkeren gegen die Schwächeren durchsetzen, den Schluss zieht, dass dies auch in menschlichen Gesellschaften so sein soll (sog. naturalistischer Fehlschluss). Gesundheit war im Dritten Reich Pflicht. Behinderte wurden infolge dieser Weltanschauung ermordet. Übersehen wurde auch, dass es nicht immer die Stärkeren sind, die sich in der Natur durchsetzen, sondern die an die jeweilige Lebenssituation Bestangepassten; auch Ängstlichkeit und ein schwacher Körper mit entsprechend geringem Kalorienverbrauch kann einem Lebewesen einen Selektionsvorteil bringen.
  • die Unterscheidung zwischen „hochwertigen“ und „minderwertigen“ Menschen in Abhängigkeit ihrer nationalen, ethnischen oder religiösen Identität oder ihrer Hautfarbe
  • der genetische Determinismus, also die prinzipielle Bevorzugung genetischer Erklärungen, auch wenn sachliche Gründe dagegen sprechen oder die Sachlage unklar ist. Die Nazis glaubten hierbei sogar, dass „asozial sein“, „Alkoholiker sein“ oder „Mörder sein“ rein genetisch bedingt seien, und vermerkten so etwas teils in Stammbäumen, ohne sich der Komplexität der Gene bewusst zu sein und ohne nichtgenetische Erklärungen adäquat mitzuberücksichtigen. Der Satz „Mörder wird man nicht, Mörder ist man.“, der diese Weltanschauung widerspiegelt, spricht in diesem Zusammenhang Bände.
  • die Überbetonung der Wichtigkeit biologischer Systeme, die dem Individuum übergeordnet sind wie z.B. „Population“. Individuen wurden als Bestandteile des „Volkskörpers“ gesehen, die diesem so zu dienen hatten wie die Zellen einem menschlichen Körper. „Asozial“ gewordene Menschen und „mit Ausfällen behaftete“ Individuen wurden mit Krebszellen verglichen.
  • Evolutive Prozesse wurden oft als unerwünscht betrachtet, wenn sie zu Veränderungen führen (gerichtete Selektion, disruptive Selektion), und als erwünscht, wenn sie den Status Quo stabilisieren (stabilisierende Selektion).
  • Die „Reinhaltung“ der Rassen war den Nazis sehr wichtig. Sie lehrten „Rassenhygiene“ an den Schulen. Sie hatten sich somit ein Zuchtziel gesetzt, was bereits als Eugenik bezeichnet werden kann.
  • der Irrglaube, dass sich in der Natur stets soldatisch erwünschte Eigenschaften wie Stärke und Mut durchsetzen. Dabei kann Ängstlichkeit ebenso wie ein Körper, der mehr auf das Energiesparen als auf Stärke optimiert ist, die Darwin-Fitness je nach Bedingungen effizienter steigern.
  • Der Glaube an mystische Ideen im Hinblick auf die Natur, so z.B. daran, dass sich alles und jeder irgendwelchen „ehernen Lebensgesetzen“ unterzuordnen habe.

Die Nazis verstanden nichts von der Biologie, beriefen sich aber oft auf biologische und vermeintlich biologische Erkenntnisse. Die einen Menschen lehnen eben die Biologie ganz oder teilweise aus ideologischen Gründen ab, die anderen stürzen sich begeistert auf biologische Erkenntnisse, reißen sie dann aber nicht selten aus dem Zusammenhang und kombinieren sie oft mit eigenen Ideen, verstehen sie erst gar nicht richtig und konstruieren sich daraus eine eigene Weltanschauung, die mit richtiger Biologie gar nichts mehr zu tun hat. Schlimmstenfalls ist es dann eine Weltanschauung, die eine große Portion Dummheit und Verrohung enthält und zur Ermordung von Millionen Menschen führt.

In Sachen Biologie liegt jedenfalls das Dritte Reich den Deutschen heute noch quer im Magen. Denn große Teile der Bevölkerung und insbesondere des politischen Establishments, aber auch vieler Vertreter der Geisteswissenschaften schreien sehr leicht „Biologismus“ und „Determinismus“, wenn jemand menschliches Verhalten biologisch betrachtet; das gilt besonders für die Geschlechterbiologie.

Zweifelsohne war das, was die Nationalsozialisten mit dem Fach Biologie machten, keine Biologie mehr, sondern Biologismus. Und ja, sie waren auch Deterministen. Heutzutage aber werfen Menschen, die Begriffe wie „Biologismus“ und „Determinismus“ noch nicht einmal richtig definieren können, diese Worte praktisch jedem an den Kopf, der menschliches Verhalten biologisch betrachtet, besonders dann, wenn er dabei den durch Political Correctness abgesteckten Meinungskorridor verlässt. Nicht selten kommt dann auch die „Nazi-Keule“ zum Einsatz. Es scheint zumindest Menschen zu geben, die die moderne Biologie irgendwo für „nazi“ halten.

Was ist eigentlich Biologismus?

Es ist also an der Zeit, sich einmal zu fragen, was man überhaupt unter „Biologismus“ versteht. Die folgende Definition

„zweifelhafte/unerlaubte Übertragung biologischer Erkenntnisse auf den Menschen bzw. die Gesellschaft, wenn Normen unmittelbar aus biologischen Aussagen abgeleitet werden; in der Philosophie auch als Naturalistischer Fehlschluss bezeichnet; z.B. Sozialdarwinismus: Ableitung der Herrschaft des Stärksten aus der Evolution; ausschließlich genetisch bedingte Disposition des Menschen“

…stammt aus „Biologiedidaktik von A bis Z“ von Prof. Karl-Heinz Berck und Prof. Dittmar Graf. Einheitlich definiert ist dieser Begriff nicht, doch typischerweise werden darunter Weltanschauungen mit naturalistischen Fehlschlüssen, genetischer Determinismus, Sozialdarwinismus oder auch pseudobiologisch begründeter Rassismus oder Sexismus verstanden. Nicht wenige verstehen heute allerdings unter dem Begriff „Biologismus“ jede Art der biologischen Betrachtung menschlichen Verhaltens und unter „Determinismus“ jede Erwähnung genetischer Einflüsse auf z.B. den Menschen und sein Verhalten.

Das aber ist unsachlich: Determinismus ist es erst, wenn aus Prinzip immer die genetische Erklärung bevorzugt wird, auch dann, wenn es dafür keine sachlichen Gründe gibt und wenn nichtgenetische Einflussfaktoren stets aus Prinzip nicht gesehen oder unterbewertet werden. Das ganze „Biologismus“-, „Determinismus“- und „Nazi!“-Geschrei basiert bei vielen auf Unwissenheit, wird aber auch gezielt eingesetzt, um biologische Sachargumente zu diskreditieren. Richtiger Biologismus jedenfalls ist keine Biologie, sondern nur eine biologisch klingende Spinnerei mit ethisch fragwürdigen Absichten. Richtige Biologie kann als moderne Naturwissenschaft nicht biologistisch sein.

Interessant ist übrigens, dass in einer Zeit, in der viele Menschen bei Begriffen wie „Lebensraum“ oder „natürliche Geschlechterrolle“ schon zusammenzucken, dennoch manch ein Tierfilmkommentator Raubtiere unreflektiert als „Gesundheitspolizei“ bezeichnet, die vorwiegend alte und schwache Beutetiere töten und fressen und damit „den Wildbestand gesund halten“. Das ist zwar gut gemeint, da Sprüche dieser Art auf den Schutz von Raubtieren abzielen, aber fachlich und ethisch ziemlich problematisch. Zum einen fressen Beutegreifer nicht nur schwache und kranke Beutetiere, sondern verringern auch die Konkurrenz unter ihren Beutearten und den einzelnen Individuen dieser Arten. Die Konkurrenz aber führt auch zur „Ausmerzung“ von „Schwächlingen“, auch wenn dies im Tierfilm nicht so gut gezeigt werden kann. Raubtiere sorgen durch die Verringerung der Konkurrenz unter den Beutearten oft sogar dafür, dass mehrere Arten koexistieren können (prädatorenvermittelte Koexistenz), d.h. die Konkurrenz unter den Beutearten kann sogar recht stark durch Raubtiere verringert werden. Zum anderen ist es eigenartig, dass nach dem Dritten Reich zwar die Biologie von vielen skeptisch gesehen wird, aber Euthanasie im Tierreich trotzdem auf einmal gut ist und sogar unreflektiert von „Gesundheitspolizei“ die Rede ist und das alles auch noch auf einen besseren Ruf der Raubtiere abzielt. D.h. wir haben einerseits eine regelrechte Biophobie in unserer Gesellschaft, besonders wenn es ums menschliches Verhalten und menschliche Eigenschaften geht, und nicht wenige bringen die Biologie sogar mit nationalsozialistischen Denkweisen in Verbindung, andererseits aber wird es noch nicht einmal bemerkt, wenn in einem Tierfilm Begriffe wie „Gesundheitspolizei“ und „Ausmerzen“ fallen.

Gefährliche Sichtweisen rund um die Biologie im Kommunismus

Bei uns in Deutschland bringt man die Biologie zwar leicht und oft mit dem Nationalsozialismus in Verbindung, aber kaum einer weiß, was man in der damaligen Sowjetunion unter Stalin mit diesem Fach gemacht hat. Dort gab es nämlich auch eine Ideologie mit Bezug zur Biologie. Nach ihrem „Erfinder“ Lyssenko wird diese Weltanschauung auch als Lyssenkoismus bezeichnet. Meine Frage an alle Leserinnen und Leser: Haben Sie diesen Begriff überhaupt schon mal gehört? Ich frage deshalb, weil meiner Erfahrung nach selbst die meisten Diplom-Biologen und Biologielehrer noch nie etwas davon gehört oder gelesen haben – und das, obwohl es wegen dieser Ideologie ein paar Millionen Hungertote gegeben hat!

Lyssenko ging vor allem davon aus, dass die Eigenschaften von Lebewesen nicht durch Gene beeinflusst werden und sich deshalb z.B. landwirtschaftliche Nutzpflanzen sehr schnell den unterschiedlichsten Bedingungen anpassen könnten, etwa so, dass man Nutzpflanzen oder ihre Samen durch Kühlung kälteresistent machen könnte. Die Genetik war für ihn ein „faschistisches“ Fach bzw. eins aus der Bourgeoisie. Er behauptete, es gebe keine Gene. Echte Wissenschaftler ließ er umbringen, während er selbst unter Stalin Karriere machte. Seine Herkunft als Bauernsohn war Stalin wohl wichtiger als seine Fähigkeiten als Wissenschaftler. Seine Weltanschauung war wohl zu der von Stalin kompatibel. Lyssenko erfand und fälschte teils Forschungsergebnisse. Er behauptete sogar, Weizen in Roggen verwandeln zu können; der auf einem Weizenfeld wachsende Roggen, der sich dort durch Wind ausgesät hatte, war laut Lyssenko „verwandelter“ Weizen. Der Sowjet-Führung waren seine Thesen recht, denn sie wollten weite Teile ihres großen Landes urbar machen und gemäß ihrer kommunistischen Weltanschauung bewirtschaften, was aber besonders in den kalten Regionen gründlich misslang. Das Endergebnis bestand in mehreren Millionen Hungertoten und einigen ermordeten echten Wissenschaftlern, die vorher Lyssenko widersprochen hatten.

Man beachte: Lyssenkos Ideologie war also die erste „anti-deterministische“, also die erste biologiebezogene Ideologie, die maßgeblich auf einer Ablehung und Tabuisierung der Genetik beruht. Wir sollten bei all dem „Determinismus“-Geschrei hier in Deutschland nicht vergessen, dass es auch das Gegenextrem davon gibt, das offenbar auch gefährlich ist. Man beachte ebenfalls folgendes Muster: Jemand erfindet eine Weltanschauung mit Bezug zur Biologie (1), erlangt anschließend mithilfe bestimmter Machthaber die Deutungshoheit über das Thema dieser Ideologie (2), die Ideologie wird zur Staatsdoktrin (3), Andersdenkende/echte Wissenschaftler werden zensiert, verfolgt und ermordet (4) und die sozialen Folgen für die breite Bevölkerung sind schrecklich (5).

Ob Lyssenko  selbst an seinen Unsinn geglaubt hat, ist dabei fast schon nebensächlich. Denn selbst, wenn er das nicht hat, hat ihm seine Weltanschauung eine lukrative Laufbahn, Macht und Geld gebracht. Ohne seine Spinnereien wäre er vermutlich nur ein einfacher Bauer oder Arbeiter gewesen und hätte vom mörderischen Sowjet-Imperium so leicht nicht profitiert.

Und heute?

Genau das ist es, was ich Ihnen mit diesem Artikel vermitteln will: Biologiefeindliche Ideologien bzw. Ideologien mit Bezug zur Biologie sind schlichtweg gefährlich, sie basieren auf völlig idiotischen Ideen und/oder auf Lügen und Fälschungen, und sie betreffen nicht nur seriöse Biologen, die durch sie Repressalien zu befürchten haben, sondern sie entscheiden über Wohl und Weh breiter Bevölkerungsschichten. Nur die Ideologen selbst profitieren von ihnen, und zwar materiell. Das sollte man bei gesellschaftsrelevanten politischen Debatten mit Bezug zu biologischen Themen immer im Hinterkopf haben. Das Tabuisieren biologischer Betrachtungen ist ebenfalls gefährlich, ebenso das Vermischen echter Biologie mit biologisch klingenden Argumenten, die aus ideologischen Weltanschauungen stammen.

Mehr zum Thema „Biologismus“, „Determinismus“ und „Anti-Determinismus“ und über eine aktuell in der westlichen Welt grassierende biologiefeindliche Ideologie, die ähnlich wie der Lyssenkoismus in vielen westlichen Ländern zur Staatsdoktrin geworden ist, wegen der ehrlich argumentierende Biologen auf Facebook zensiert werden und für die mittlerweile Propaganda im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und im „Bildungs“-System gemacht wird, erfahren Sie bei Bedarf in meinem Buch über Geschlechterbiologie und Geschlechterpolitik; hier mehr Infos und Bestellmöglichkeiten: VERLAG NATUR UND GESELLSCHAFT