Wie man aus dem Gedenken an den 9. November 1938 politischen Profit ziehen wird und den Anlass in sein Gegenteil pervertiert. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Gelegenheiten, deutsche Geschichte politisch korrekt zu erinnern, gibt es genug. Besonders dann, wenn Juden betroffen waren. So wird es auch am 9. November sein, wenn der begrifflich merkwürdig bezeichneten Kristallnacht 1938 gedacht wird. Beim Gedenken an die damalige Terrorisierung jüdischer Deutscher im Vorlauf zum Holocaust bietet sich  deren Leid im politischen und medialen Gedenk-Diskurs geradezu an zur Instrumentalisierung.

Das Ereignis wird zur Legitimation für den aktuellen Kampf gegen die politische und gesellschaftliche „Rechte“, die in der medialen und politischen Dauerschleife einvernehmlich als die größte Gefahr der Jetztzeit gilt.

Konservative Überzeugungen als vermeintlich „rechte“ Gesinnung diffamierend, wird sich der antifaschistische Kampf wieder einmal erweisen als Kampf für mehr Menschlichkeit und Demokratie, erwachsen aus historischer Verantwortung. Das „Wehret den Anfängen! wird neben dem „Nie wieder!“ intoniert werden, wenn es darum geht, den politischen Gegner in die Nazi-Ecke zu stellen. Von Kenntnis der NS-Ideologie wie auch des realen NS-Gewaltherrschaft zeugt dies nicht.

Ralph Giordano: Zeitzeuge, was Nazi wirklich bedeutet

Ralph Giordano, in letzter Sekunde Überlebender des nationalsozialistischen Terrors, (der nach eigener Aussage unmittelbar vor dem Entschluss stand, seine Mutter zu erschießen, um die drohende Gefangennahme durch NS-Schergen zu verhindern),  war Zeitzeuge und authentischer Kenner dessen, was „Nazi“ damals wirklich bedeutete.

Seine frühen Erfahrungen mit Nazi-Terror hat er in der Erzählung  „Morris“, seinem Erstlingswerk nach Kriegsende, festgehalten.  Der Autor schlüpft als Erzähler in  die Rolle eines 15-jährigen, nicht-jüdischen Jungen, der die barbarischen Vorgänge der Reichspogromnacht miterlebt und am Morgen danach auf den jüdischen Ladenbesitzer namens Morris stößt. Eine innige Freundschaft nimmt ihren Anfang. Er erlebt, wie in Morris‘ Geschäft ein Mann mit einem Hammer alles zu Scherben schlägt, was ihm in die Augen fällt. Auf die Frage des Erzählers an den Verbrecher: „Warum machen Sie das?“ kommt die spontane Antwort: „Das kann ich hier alles zerschlagen, da sagt mir keiner was. Ist doch alles zusammengegaunert von diesen Juden.“

Gedenk-Kultur pervertiert in ihr Gegenteil

In einem Interview mit der NZZ v. 13.3.2012 spricht Giordano zu dem Thema „Warum Erinnern wichtig ist“. Auf die Frage des Moderators: „ Was braucht es, um das Erinnern wachzuhalten für die nachfolgenden Generationen?“ lautet die Antwort: „Das Entscheidende ist Kenntnis der Geschichte, Kenntnis von dem, was geschehen ist.“

Gibt es einen klareren Beweis für Geschichtsignoranz, wenn die weitverbreitete, öffentliche verbale – und damit gedankliche – Gleichsetzung von allem, was nicht der gewünschten offiziellen Richtung  in Politik und Gesellschaft entspricht, als „Nazi“ etikettiert und damit diffamiert wird?

So pervertiert Gedenk-Kultur in ihr Gegenteil. Das Nie wieder! wird zu dem, was es vorgibt zu bekämpfen.

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