„Stoppt den Judenhass!“

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Wer sich als Anti-Antisemit gibt, ist moralisch unangreifbar. Zu Recht. Wer ein Buch gegen Antisemitismus schreibt, verdient aber deswegen noch nicht Applaus. „Stoppt den Judenhass!“ von Sigmund Gottlieb, seit Oktober dieses Jahres im Buchhandel, mit € 15.- für den Bücherschrank zu erwerben, nach 14 Kapiteln auf 92 Seiten zu Ende, ist leider ein Beispiel für diese lästige Erfahrung. Eine Rezension von Josef Hueber

Marcel Reich-Ranicki, wenn auch schon tot, hat in seinem legendären, belebend inszenierten Literarischen Quartett (ZDF) die nicht totzukriegende, immer noch gültige, alles entscheidende Frage an die Qualität eines Buches ganz simpel formuliert: Taugt es etwas? Stellen wir also diese Frage an das Buch von Sigmund Gottlieb. Die Antwort in e i n e m Wort: Nein! Es taugt nichts. Warum? Es bringt nichts Neues, serviert aber oft Gehörtes und Gelesenes aufgewärmt. Und das politisch korrekt.

Sigmund Gottlieb, zwanzig Jahre und mehr Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, so lässt uns der Buchdeckel hinten wissen, „hält heute Vorträge und Vorlesungen zur Qualität des Journalismus“, und er betätigt sich auch in der „Kommunikationsberatung“. Antisemitismus ist ein Thema, das ihn jahrelang beschäftigt hat, weswegen er offensichtlich dem Phänomen entschlossen entgegentritt, um mitzuhelfen, Antisemitismus zu „stoppen“.

Manches lässt sich stoppen, manches nicht

Der Buchtitel mag kein Einfall des Autors sein. Misslungen ist er auf jeden Fall. Was lässt sich nicht alles „stoppen“: vom üblen Mundgeruch bis zum Verkehrsfluss auf der Autobahn nach einem Unfall. Antisemitismus, ein über Jahrtausende lebendiges, unausrottbares Mysterium moralischer Verirrung, ist eine Hydra, deren abgeschlagene Köpfe immer wieder nachwachsen. Von einem „Stopp“ zu sprechen ist eine banalisierende Illusion. Wer vertieftes Verständnis von Antisemitismus sucht, dürfte von diesem linkischen Titel davon abgehalten werden, nach der Gottliebschen Schrift zu greifen. Da gibt es Lesenswerteres.

Das Vorwort eines Buches mag verglichen sein mit der Exposition im Drama. Alles, was sich entfaltet, klingt an in nuce. Bei Shakespeare entwickelt sich daraus Spannung. Bei Gottlieb, sorry, gar nicht. Das ganze Buch ist im Grunde ein ausgewalztes Vorwort um ein paar grundlegende Gedanken, über die er sich im Weiteren parlierend auslässt. Die Themen sind da, die Grundmelodien erklingen im Basso Continuo: die politisch Rechten, die Gleichgültigkeit der biederen Bürger, deren mangelnder Mut zur Solidarität, die Lippenbekenntnisse der Politik, das fehlende Endlich-Aufstehen, die Aufgabe der Schulen, der Hass im Internet usw. usw.

Bei einem Gespräch in geselliger Runde verliert derjenige, der am Kopfende des Tisches den Primatenplatz eingenommen hat, leicht das Gefühl dafür, ob er sich nicht wiederholt. So geht es dem Leser beim Zuhören nicht nur an einer Stelle der mahnenden und empörten Auslassungen. Ja, natürlich ist Antisemitismus verachtenswert, natürlich tut der Staat und tun wir nicht genügend dagegen, natürlich… natürlich …

Protest – verdaulich gemacht mit Mainstream-Soße

Das Buch bietet leider nichts Neues an Tiefgang oder Überraschung im Fortgang des Parlierens. Schlimmer noch: Es ist dort langweiliger, weil politisch korrekter Protest, wo das Phänomen Antisemitismus so geframt wird, wie es im Mainstream bis zum Überdruss gesehen werden soll: nicht als Alleinstellungsmerkmal, sondern in Reih und Glied politisch-korrekt eingegliedert und durchgemischt mit Fremdenhass, Rassismus und Islamophobie. Und damit ist Antisemitismus instrumentalisiert zugunsten regierungskonformer, in den Medien baugleich präsentierter Verteidigung merkelscher Zuwanderungspolitik. Wer diese ablehnt, schwimmt unversehens im Kochtopf neben Antisemitismus, ohne dass er weiß, wie er da eigentlich hineingeraten ist. Wie mainstreamig üblich: Antisemitismus wird wieder und wieder präsentiert im Doppelpack mit Rassismus und Fremdenfeindlichkeit.

Ein paar Kostproben aus dem Vorwort, wo Juden lediglich als e i n e Minderheit unter anderen präsentiert werden:

„Ihre Synagogen sind genauso Ziel rechter Terroristen wie die Moscheen der Muslime/ Sie stehen für alle Frauen, Männer und Kinder von Minderheiten in Deutschland, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, welcher Religion / die Ängste der Juden auch die Ängste der anderen/ den Juden unter uns, den Türken unter uns, den Syrern unter uns, den vermeintlich Fremden unter uns passiert/“

Rechts- die ultimative Bedrohung?

Wenn es um Hass in Deutschland geht, gibt es bei Gottlieb nur e i n e n Hauptdarsteller in diesem Drama: Rechte und „Rechtsterroristen“, die „zur größten Bedrohung seit 1945“ wurden. O-Ton Gottlieb: „Wer daran zweifelt, ist ein Narr: Die Rechtsextremisten stellen zurzeit mit Abstand die größte Gefahr für Juden und andere Minderheiten in unserem Land dar.“       Zugegeben, der Leser wird gefragt: „Wer ist der Schlimmste im ganzen Land – der Antisemitismus der Rechtsextremen oder der der Linksextremen?“ Doch das ist bloß Schminke. Es bleibt letztlich bei der Frage, denn der linke Antisemitismus bekommt nicht die Aufmerksamkeit wie der rechte, der, unter der Lupe betrachtet, riesengroß erscheint. Der linke ist nur verschwommen auf dem Radarschirm.

Die (alternative) Meinung der Betroffenen

Petr Papousek, Vizepräsidenten des Jüdischen Weltkongresses, sieht dies ganz anders: https://religion.orf.at/m/v3/stories/2661307/ „Antisemitismus aus dem linken politischen Lager ist (…) gefährlicher als der von rechts“. Und weiter: „Wenn wir von wachsender Feindlichkeit gegen Juden in Europa sprechen, dann ist das vor allem auf die Einwanderer zurückzuführen“.

Die Schuldigen sitzen auch in den Parlamenten

Und wer trägt sonst noch Schuld am wieder erwachten Antisemitismus? An erster Stelle, natürlich, wie sollte es mainstreamig auch anders sein: die AfD. Im Vorwort also hören wir es schon: „Die AfD trägt das Ihre dazu bei (…) Bisher lebte die »Alternative für Deutschland« gut von ihren Feindbildern.“

Im Kapitel Die Schamlosen: „Die AfD instrumentalisiert die judenfeindliche Haltung mancher (!) [ „!“ im Original ] Flüchtlinge und Muslime, um daraus Kapital an den Wahlurnen zu schlagen.“

Einspruch, Euer Autor! Man erinnere sich. Gibt es da nicht eine Gruppierung „Juden in der AfD“ (JAfD)? Sehen die nicht- laut Wikipedia – die „unkontrollierte Masseneinwanderung junger Männer aus dem islamischen Kulturkreis mit einer antisemitischen Sozialisation“ als Hauptmotiv ihrer Gründung? Offensichtlich haben JAfD-Mitglieder bei Gottlieb noch nicht vorsprechen dürfen. Und wer, wenn nicht Juden, hat eigentlich ein sensibleres Gehör für Antisemitismus? Sie müssten von Sinnen sein, wenn sie in die Löwengrube der Judenhasser freiwillig springen würden. Dass es einen Höcke gibt, wissen sie vermutlich auch.

Starke Sprachschwächen

Die Sprache des Büchleins tritt zwar immer wieder stark auf, doch ist dies ihre Schwäche. Sie ist gelegentlich zu wenig distanziert. Dann aber auch geprägt ist sie von einer Mischung aus Betroffenheit, Empörung, Sentimentalität und lästig zu lesenden Wiederholungen, auch in den Formulierungen.

Gehen wir ein wenig auf die Suche. Die Initialzündung für Gottliebs Interesse an Jüdischem und Israel ereignet sich während einer Erstbegegnung als ganz junger Mann auf einem Sommercamp in Haifa, wo er einen polnischen Juden, einen Überlebenden von Auschwitz, kennenlernt. Das liest sich so: „Seine milden Gesichtszüge und seine gütigen Augen sehe ich noch vor mir. Auch erinnere ich mich noch genau an manchen Abend, wenn wir nach dem Essen zusammensaßen und sein Blick von einem Augenblick auf den anderen wie abwesend über das Meer in die Ferne schweifte.“ Die Begegnung mit dem Auschwitz Überlebenden Otto Schwerdt hört sich so an: „Über seine Augen legte sich dann jedes Mal ein feuchter Schleier, durch den hindurch wir uns gegenseitig anblickten – mit dem Unterschied, dass er genau wusste, wovon er sprach, und ich es nur ahnen konnte.“ Von einem anderen Auschwitz-Überlebenden: „Manchmal, wenn er einen aus seinen schönen dunklen Augen ansah“.

Heftige Anklage gegen die Menschen, die sich nicht ausreichend empören, ist mit an Bord. Da gibt es einhämmernde Wiederholungen: „Schauen wir nicht weiter weg! Schauen wir endlich hin! Tun wir etwas! Jetzt! Wann erkennen wir endlich / nach dem Terrorakt von Halle endlich eine neue Sensibilität an die Stelle des satten Schweigens der Mehrheit treten wird.“

Der Zeitgeist korrekten Sprachgebrauchs

In der Gottliebschen Sprache findet sich altmodische Biedermeierlichkeit („…unter uns weilt“, „in die Ferne schweifte“) sowie Gehorsam gegenüber den Forderungen pc-korrekter Sprache, wenn mit „Stammtischbrüdern und –schwestern“, „Wählerinnen und Wählern“, „Politikerinnen und Politiker“ oder „Jüdinnen und Juden“ eine Verbeugung vor vermeintlicher Gender-Fortschrittlichkeit gemacht wird.

Sie tauchen immer wieder auf – „Mörder“ und „Rassisten“

„ …zurück ins Land der NS- Massenmörder / Land der NS-Mörder / Nur die Liebe zu seiner zweiten Frau ließ ihn dann doch im Land der Mörder / wenn man im Land der Mörder von einst nicht in der Lage ist, Juden und andere Minderheiten vor Antisemiten und Rassisten zu schützen/ im Land der NS-Mörder/

„Cancel Culture“ für eine gute Sache?

Ein hässliches historisches Zeugnis ist zweifellos die „Judensau“ an der Stadtkirche in Wittenberg. Sie ist e i n Beispiel für zahlreiche Darstellungen in Deutschland von Juden in Verbindung mit Schweinen: „Meist saugen diese Figuren wie Ferkel an den Zitzen einer Sau. In anderen Varianten reiten sie verkehrt herum auf einem Schwein, das Gesicht dem Anus zugewandt, aus dem Urin spritzt, oder umarmen oder küssen Schweine.“ (Wikipedia) Die Auseinandersetzung um die Entfernung dieses historischen Dokuments lässt für Gottlieb keine Frage offen. Er kommentiert gerichtliche Urteile, wonach eine Entfernung nicht vorzunehmen ist: „Man kann sich die Sau nicht schönreden. Weil sie die Gefühle von Juden verletzt, gehört sie weg. Nicht nur in Wittenberg!“

Und wie sieht das Michael Wolffsohn, der vielleicht prominenteste und meistbeachtete Jude in Deutschland? Gottlieb lässt wissen, dass auch er eine „perverse Sauerei“ in diesen Judendarstellungen sehe, „mit der man sich im historischen Kontext inhaltlich auseinandersetzen müsse, sie aber nicht verstecken solle.“

Banalisierend kommentiert Gottlieb: „Man merkt – niemand fühlt sich richtig wohl mit dieser Judensau.“

In einem Wort …

Thomas Mann soll nach der Lektüre eines Buches die kürzeste Rezension, die je geschrieben wurde, im Tagebuch festgehalten haben. Sie bestand aus einem einzigen Wort. Kürzer kann man auch die Leseerfahrung mit Gottliebs Schrift nicht fassen: „Gelitten“.

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