Ein Gastbeitrag von Adrian F. Lauber

Dass Alexander Gauland die NS-Zeit als „Vogelschiss“ in tausend Jahren deutscher Geschichte bezeichnet hat, hat für heftigen Wirbel gesorgt. Mit den ebenso vorhersehbaren wie verlogenen Reaktionen aus den Altparteien und den Mainstream-Medien will ich mich hier nicht im Detail befassen.

Gauland hat einen Fehler gemacht. Er hat sich – wenn ich ihn nicht falsch verstanden habe – mit seiner Vogelschiss-Bemerkung darauf beziehen wollen, dass die zwölf Jahre NS-Zeit in Relation zu tausend Jahren deutscher Geschichte nur kurz waren, womit er zweifellos Recht hat.

Dennoch war es falsch, ein solches Wort in den Mund zu nehmen, weil „Vogelschiss“ den fürchterlichen Verbrechen jener Zeit einfach nicht gerecht wird und ganz leicht als Bagatellisierung eben dieser Verbrechen verstanden werden kann. Zwölf Jahre sind in Relation zu tausend Jahren kurz, aber es kommt eben nicht nur darauf an, wie lang eine Epoche war, sondern auch darauf, was in dieser Epoche geschehen ist. Und dann ist bei der NS-Zeit und dem Holocaust ein Begriff wie „Vogelschiss“ völlig unangebracht.

Dennoch wären viele Vertreter der Altparteien besser ruhig gewesen. Sie, die sie zum Teil hysterisch auf Gaulands mit Recht kritisierte Äußerung reagiert haben, sind diejenigen, die mit offenen Grenzen und islamischer Masseneinwanderung auch die Vervielfachung des Judenhasses in Deutschland vorantreiben.

Gauland hat einen Fehler gemacht – und er hat sich, das könnte man auch mal anerkennen, für diesen Fehler entschuldigt. Die Altparteien haben sich, soweit ich das überblicke, für ihre desaströse Politik nicht entschuldigt und in ihrer maßlosen Arroganz wollen sehr viele ihrer Anhänger überhaupt nicht zur Kenntnis nehmen, wie der Antisemitismus in diesem Land blüht und gedeiht.

Für sie ist Antisemitismus ein Gedankengut, das man nur bei Neonazi-Glatzen mit Springerstiefeln finden kann. Den Antisemitismus von links und von islamischer Seite, den wollen sie gar nicht sehen. Sie lassen ihn weiter wachsen und das finde ich hundert Mal schlimmer als eine verharmlosend klingende Äußerung über die NS-Zeit.

Die Verbrechen des Dritten Reiches sind geschehen und können nicht mehr rückgängig gemacht werden, egal in welchem Vokabular wir von ihnen sprechen. Der Import des Judenhasses, Gewalt und Hetze gegen heute lebende Juden, Flucht heutiger Juden aus Europa, das alles könnte noch verhindert werden, aber das politisch korrekte Deutschland praktiziert das Lernen aus der Geschichte lieber nur als Lippenbekenntnis. Es ist halt bequemer und ohne Risiko, gegen eine nicht mehr existierende Diktatur anzukämpfen, gell?

So, jetzt genug davon. Ich möchte mich nun der anderen Seite zuwenden.

Die Reaktionen unter AfD-Wählern und Leuten, die ich als meine Mitstreiter ansehe, auf die Kritik an Gaulands Äußerung haben mich zum Teil beunruhigt.

Was ich binnen kurzer Zeit diverse Male gelesen habe, las sich wie die Reaktionen beleidigter Kleinkinder. Wer es als Konservativer gewagt hat, Gauland zu kritisieren, wurde im Nu als Nestbeschmutzer, als Spalter, als politisch korrekter Duckmäuser und mehr hingestellt.

Auch ich selbst, wobei ich den betreffenden Personen nicht unterstellen will, dass sie es so böse gemeint haben, wie man es auch hätte verstehen können. Ich habe viele schlechte Eigenschaften, aber ich bin nicht nachtragend. Ich reagiere mich jetzt ab und dann ist es von meiner Seite auch gut.

Mir wurde also vorgehalten, ich sei um politische Korrektheit bemüht. Ich wolle bloß keine „Reizwörter“ in den Mund nehmen. Und das kotzt mich an.

In solchen kindischen Reaktionen auf Gauland-Kritik steckt eine gewisse Portion von Überheblichkeit und Freiheitsfeindlichkeit. Vielleicht war’s nicht so gemeint, aber ich kam mir vor, als würde man mir einfach absprechen, dass ich aufgrund der Sachlage und durch selbständiges Denken zu einer eigenen Meinung über Gaulands Äußerung kommen kann, die vielleicht auch eine gewisse Legitimität hat.

Weil ich nicht mit dem Strom vieler AfD-Anhänger schwimmen wollte, stand ich auf einmal als jemand da, der sich ja bloß manipulieren lässt und den politisch korrekten Diktaten des Mainstreams unterwirft.

Denen, die mir und anderen Gauland-Kritikern so etwas unterstellen, möchte ich einige Dinge sagen:

  1. Eine Vorbemerkung: ich selber bin AfD-Wähler. Wenn ich AfD-Politiker kritisiere, dann nicht, weil ich die AfD „bashen“ oder klein machen will, sondern weil ich mir wünsche, dass die Partei stärker wird. Sie ist momentan noch viel zu schwach, um die Selbstauflösung dieses Landes aufzuhalten. Wenn führende Politiker dann noch durch so unbedachte und einfach dumme Äußerungen wie die von Herrn Gauland dem politischen Gegner zusätzlich „Munition“ liefern, wird das höchstwahrscheinlich von großem Schaden für die Partei sein – und in der Folge auch für das Land, denn zumindest im Moment ist die AfD ja offenbar die einzige Partei, die sich ernsthaft gegen die Selbstabschaffung und gegen die möglich gewordene Islamisierung stemmt.
  2. Der konservative Widerstand kritisiert mit Recht die Diskussionsunfähigkeit und die Intoleranz des Mainstreams. Wenn er das aber kritisiert, sollte er eigentlich mit einem besseren Beispiel vorangehen und auch in seinen eigenen Reihen einen ehrlichen Diskurs und auch sehr verschiedene Positionen zulassen. Wenn aber innerhalb der AfD-Wählerschaft oder in anderen konservativen Milieus Kritikern und Andersdenkenden leichtfertig unterstellt wird, sie seien ja bloß nicht mutig genug oder unterwürfen sich immer noch den Diktaten der politischen Korrektheit, dann entwickelt sich der Widerstand so langsam in dieselbe Richtung wie der Mainstream. Kann er natürlich machen, wenn er will. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Nur werden Belehrungen und Klagen über Intoleranz und Freiheitsfeindlichkeit der Altparteien und diverser großer Medien dann in Zukunft unglaubwürdig.
  3. Was heißt es eigentlich, politisch unkorrekt zu sein? Was also ist politische Korrektheit? Das ist – meiner Meinung – kaum exakt definierbar, weil sich die Inhalte des politisch Korrekten ständig wandeln. Wer die Macht und die Hoheit über den gesellschaftlichen Diskurs hat (oder wer sie haben will), der versucht, zu bestimmen, was gesagt werden darf, welche Gesinnung man gefälligst zu haben und auch demonstrativ nach außen zu tragen hat. Wer da ausschert, fliegt raus aus der Gemeinschaft der „Anständigen.“

Politisch unkorrekt zu sein, heißt also, sich nicht den Zwängen mächtiger Menschen zu unterwerfen, die mit gesellschaftlicher Ächtung, mit Diffamierung und ggf. mit schlimmeren Konsequenzen drohen. Politisch unkorrekt sein, heißt – vereinfacht gesagt – schlicht und einfach, seinen eigenen Kopf zu benutzen. Es heißt, selbständig denken zu können.

Das gilt dann aber auch universell. Wer politisch unkorrekt ist, denkt dem Mainstream gegenüber unabhängig, aber er denkt auch dann noch selber, wenn er unter Mitstreitern unterwegs ist.

Und wer selbständig denken kann, kann völlig ohne Zwänge von außen zu dem Schluss kommen, dass es einfach dem, was damals passiert ist, sachlich nicht gerecht wird, zwölf NS-Jahre als „Vogelschiss“ zu bezeichnen. Ich brauche keine Katrin Göring-Eckardt, keinen Frank-Walter Steinmeier und erst recht keine A.M., die mir vorgibt, wie ich über die NS-Zeit zu denken und zu sprechen habe. Ich habe mich ausgiebig mit der Zeit befasst und komme für mich zu dem Schluss, dass solche Worte fehl am Platze sind, auch wenn Gauland sich wohl nur auf die relative Kürze, nicht in den Inhalt dieser Epoche bezogen hat.

Es kann ja jeder mal für sich selbst den Test machen und sich vorzustellen versuchen, wie solche Worte bei jemandem ankommen könnten, dessen Familie oder Freunde oder beides durch das NS-Regime ermordet wurden. Würde er an Stelle eines solchen Menschen die Bezeichnung „Vogelschiss“ auch ganz cool hinnehmen?

Abgesehen davon, dass dieses Wort der Sache einfach nicht gerecht wird, war es auch aus parteitaktischer Sicht einfach dumm von Herrn Gauland, so etwas zu sagen. Der Mainstream stürzt sich ohnehin wie die Aasgeier auf alles, was er irgendwie gegen die einzig verbliebene konservative Partei des Landes verwenden kann, die versucht, sich gegen die Selbstzerstörung zu stemmen.

Und viele sind leider so denkfaul, dass sie die Vorwürfe gegen die AfD nicht überprüfen, sondern nachplappern. Oder nur das sehen wollen, was an der AfD in der Tat kritikwürdig ist, nicht aber das, was sehr gut ist. Muss man in einer derart aufgeheizten Situation zu allem Überfluss noch so unklug reden wie Herr Gauland es getan hat? Bis zu diesem Satz war seine Rede – für meinen Geschmack – völlig okay, aber dann hat er sich und die Partei in die Scheiße geritten. Das hätte nicht sein müssen!

Nun gut. Wie gesagt: Herr Gauland hat sich für seine missverständliche Aussage entschuldigt. Für mich ist die Sache damit auch „gegessen.“ Jeder Mensch macht Fehler. Und kein Mensch besitzt eine Zeitmaschine. Wenn man etwas verbockt hat, bleibt also nur noch die Möglichkeit, den Fehler einzusehen und dafür gerade zu stehen. Die Größe hat Herr Gauland gezeigt.

4. Möchte ich einige sehr kluge Gedanken weiter empfehlen, die „Patrizia von Berlin“ in einem Beitrag für Philosophia Perennis niedergeschrieben hat:

„Ich kann Sympathie und Verständnis für diejenigen aufbringen, die -oft mit dem Blick auf andere Nationen und deren entspannten Umgang mit ihrer eigenen Geschichte- einen Schlussstrich fordern, eine Einkehr der Normalität.

Wir sind in einer Situation, vor der ich schon länger Unbehagen empfinde.

Jüngere Generationen, ohne jeden inneren Bezug zur Zeit des 3. Reichs, reagieren verständlicherweise anders als diejenigen, deren Eltern oder Großeltern es noch erlitten.

Sie treffen aber auf eine politische Linke, die den „Nazi“ Begriff mit Wonne inflationär als billigste Währung in der politischen Auseinandersetzung nutzt. Es ist also zutiefst menschlich zu sagen: ich bin 1980, 1990 geboren, was habe ich damit zu tun? Ich habe genauso wenig Schuld Deutsch zu sein, wie Juden im 3. Reich Schuld hatten, nur weil sie Juden waren.

Mit Orit Arfa führte ich kürzlich ein Interview, das sich um das ganze Thema Deutsche/Juden/Nationalsozialismus/Schuld/Verantwortung dreht. Es wird im Juni bei PP erscheinen. Ein Satz von Ihr passt sehr gut auf die Gauland Diskussion. Sie sagte, wir Deutsche seien immer noch krank in unserem nationalen Selbstempfinden und dem Umgang mit dem 3. Reich. Und sie glaubt, dies würde sich erst mit der 5. Generation bessern.

[Anmerkung von mir: Falls es in der fünften Generation überhaupt noch ein Deutschland gibt, das diesen Namen verdient. Angesichts der demographischen Entwicklung und der Einwanderungspolitik wäre ich mir da nicht so sicher.]

Ich glaube, sie hat Recht und wir erleben es heute auf allen Seiten wieder einmal. Umso wichtiger ist es also, die Diskussion aus der emotionalen Ebene weg zu bekommen und zu versachlichen. Also nehmen wir das Argument „Normalität“ doch einmal auf.

Normalität. Ist es denn in unserer abendländischen, christlich-jüdisch geprägten Wertewelt normal, ein Regime, das den europäischen Teil des 2. Weltkriegs auslöste und Millionen von Menschen auf die bestialischste Weise ermordete, als „Vogelschiss“ zu bezeichnen? Nein, das ist es eben nicht.

Es ist eine Verniedlichung, eine Relativierung dieser Verbrecher. Und da hilft auch kein Fingerzeig auf andere Nationen. Man kann kein Verbrechen mit dem Hinweis auf andere Verbrechen relativieren.

(…) Und dabei geht es auch nicht, wie viele fürchten, darum sich zu erniedrigen, über eine andauernde „Sippenhaft“ niedergedrückt zu werden. Es gibt keine Kollektivschuld, es gibt keine Sippenhaft für Unschuldige. Wer die NS Zeit nutzt, um sie gegen heute lebende Deutsche zu instrumentalisieren, begeht ein Unrecht. Und das muss sich niemand gefallen lassen.

Aber es gibt eine Verantwortung. Verantwortung dafür, dass so etwas nie wieder geschieht. Verantwortung dafür, dass jüdisches Leben in der Gegenwart in Deutschland sicher möglich ist, dass auf deutschen Straßen kein „Juden ins Gas“ zu hören ist, dass jüdische Kinder sicher zur Schule gehen können, dass die Existenz Israels unangetastet bleibt.

Aber um genau das geht es denjenigen, die heute mit dem Finger zeigen und „Relativierung“ rufen nicht. Sie führen einen verlogenen Kampf um die Gefühlshoheit.“

Mehr kann man dazu nicht mehr sagen. Das ist nur meine Meinung. Jeder hat das Recht, es anders zu sehen und seine anders lautende Meinung zu äußern. Aber ich habe nur eine Bitte: unterstellt nicht so leichtfertig Manipulation oder Unterwerfung oder beides, nur weil jemand zu anderen Schlüssen kommt als ihr.

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