Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

Kaum ist Horst Seehofer in seinem Amt als neuer Bundesinnenminister, stellt er in Abrede, daß der Islam zu Deutschland gehöre, und löst damit erwartungsgemäß reflexartige Widersprüche der Bundeskanzlerin sowie CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und auch diverser Repräsentanten anderer Parteien und Verbände aus – als ob wir eine Debatte über diese Frage nicht schon mehrmals ohne Verständigung auf eine allgemeine Sprachregelung gehabt hätten.

Daß mit der Einwanderung von Türken sowie anderen Orientalen in Deutschland Muslime hierher kamen und diese mittlerweile zu unserem Land gehören, ist gar keine Frage, soweit sie sich nicht in quasi exterritorialen Kolonien mit ihren eigenen Regeln von Deutschland abgegrenzt haben.

Doch bedeutet die Existenz von Muslimen in diesem Lande, daß der Islam zu Deutschland gehört, wie 2010 als erster der damalige Bundespräsident Christian Wulff behauptete?

Das sahen schon damals in den Unionsparteien – und nicht nur dort – viele anders: Volker Kauder, Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sowie der frühere Innenminister Hans-Peter Friedrich etwa behaupteten das Gegenteil und begründeten das – im gleichen Sinne wie Seehofer – damit, daß der Islam nicht die Traditionen und die Identität dieses Landes mitgeprägt hätte.

Angela Merkel, die es als Kanzlerin zur Meisterin im Abwägen brachte, war vermutlich um Ausgleich zwischen den Positionen bemüht, als sie zweideutig zu verstehen gab, daß der Islam zu Deutschland ebenso gehörte wie hier lebende Muslime, „wir“ (!) jedoch „auf dem Fundament der christlich-jüdischen Traditionen“ ständen.

Wer sind denn „wir“ und wer sind die Muslime, die zu diesem Land, anscheinend aber nicht mit „uns“ zusammengehören, weil sie auf einem anderen Fundament stehen?

Die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende stieß freilich mit ihrem Ausgleichsversuch auf lebhaften Widerspruch, zumal es ja nicht bloß um die Frage geht, ob der Islam zugehörig ist, sondern auch darum, ob bzw. inwieweit er dazu gehören soll.

Welcher Islam denn gemeint wäre, wollte etwa Merkels Parteifreund Wolfgang Bosbach wissen und fragte, ob islamistische oder gar salafistische Strömungen und die Scharia ebenso zu Deutschland gehören sollten.

Noch weiter in der gleichen Richtung ging der ägyptischstämmige Politologe und frühere Muslimbruder Hamed Abdel-Samad in einem offenen Brief an die Kanzlerin und forderte sie auf, den Bürgern zu erklären, was der Islam wäre, statt einfach dessen Zugehörigkeit zu konstatieren.

Eine Erklärung ist die Kanzlerin bisher ebenso schuldig geblieben wie eine Antwort auf die Frage, was sie gegen Islamisierung tun wolle.

Als sie danach gefragt wurde, fiel ihr nicht viel mehr ein, als sich zu mokieren, daß viele Menschen, die sich vor der Korangläubigkeit von Muslimen fürchteten, selber nicht bibelfest wären. Und Margot Käßmann, gelernte Pastorin, wollte gar besorgte Christen ins Gebet nehmen: Wer „Angst vor vollen Moscheen“ hätte, müßte „für volle Kirchen sorgen.“

Doch Kirchgang sowie Gebet hätten den Christen im Nahen Osten nicht geholfen, hielt Hamed Abdel-Samad  den beiden „unbesorgten Frauen“ –   Merkel und Käßman –  hämisch entgegen. Mit der Destabilisierung der staatlichen Ordnung im Irak und in Syrien war das Christentum, das dort seit 2000 Jahren dazugehört, dem Terror muslimischer Extremisten zum großen Teil hilflos ausgeliefert. Viele Christen von dort, die hier Schutz gesucht hatten, erlitten ebenso wie Jeziden in manch einer Flüchtlingsunterkunft Gewalt durch Muslime, die sich ebenfalls auf den Weg zu uns gemacht hatten.

Flüchtlinge, die religiöse Konflikte in ihren Herkunftsländern bei uns austragen wollten, gehörten aber nicht hierher, meinte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland.

Er wollte damit vermutlich der weit verbreiteten und berechtigten Sorge begegnen, daß mit den Flüchtlingsmassen aus dem Orient zunehmend Extremisten unser Land heimsuchen könnten. Extremismus hätte aber nichts mit dem Islam zu tun, hört man gebetsmühlenartig aus dem Munde von Muslimrepräsentanten und Parteivertretern, wenn Extremisten unter Berufung auf islamische Gesetze sengend und mordend durch die Lande zogen.

„Islam bedeutet Frieden“, heißt es leise tönend aus dem Munde netter sowie adretter Kopftuchträgerinnen, die mancherorts am Tag der offenen Moschee die Gäste mit Blumen begrüßen, wie bei Moscheebesuchen an dem Tage ebenso zu beobachten ist wie die Reaktion etlicher Gäste, die bei solch einer gut gemeinten Friedenserklärung zustimmend nicken und lächeln, als wären sie erleichtert, das aus berufenem Munde zu erfahren und insofern nicht befürchten zu müssen, daß Islamgegner mit ihren Warnungen recht haben könnten; denn eine diesbezügliche Furcht ist ebenso symptomatisch für Islamophobie wie die Angst derer, für die Frieden im Namen des Islam nichts anderes als ein Synonym für Unterwerfung ist und für die eine Islamisierung Europas dem Untergang des Abendlandes gleichkäme.

Einerlei, was von solchen Ängsten zu halten sein mag, ist es absurd, einerseits zu behaupten, daß der Islam zu Deutschland gehöre, andererseits jedoch eine Islamisierung abzustreiten.

Wie sonst könnte eine Zugehörigkeit des Islam entstanden sein, wenn es nicht eine Entwicklung gegeben hätte, die dazu führte und auf die der Name Islamisierung durchaus zutrifft? Denn diese bedeutet ja nicht bloß Bekehrung oder gar Unterwerfung, sondern auch eine territoriale Ausbreitung des Islam, die mit der Masseneinwanderung von Muslimen logischerweise erfolgt ist, sofern die Einwanderer nicht ihre religiösen Bräuche aufgegeben haben.

Vielleicht sollten diejenigen, die sich zu dieser Frage öffentlich zu Worte melden, nicht so vorlaut sein, sondern erst einmal darüber nachdenken, was unter „Zugehörigkeit“ alles begriffen werden kann.

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Zum Autor: Herwig Schafberg ist Historiker, war im Laufe seines beruflichen Werdegangs sowohl in der Balkanforschung als auch im Archiv- und Museumswesen des Landes Berlin tätig, arbeitet seit dem Eintritt in den Ruhestand als freier Autor und ist besonders an historischen sowie politischen Themen interessiert.

Sein letztes Buch erschien bei BoD unter dem Titel „Weltreise auf den Spuren von Entdeckern, Einwanderern und Eroberern“ (ISBN 978-3-7412-4491-9) –

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