Ein Gastbeitrag von Ralf Strässer

Dieser Text über die einzig verbliebene Triebkraft zum Widerstand gegen Überfremdung und Islamisierung hat keinen Anfang. Ich habe Tage nach einem ersten Satz und Absatz gesucht, aber nichts wollte stehenbleiben. Die Resignation, dass es Deutschland nicht mehr gebe, weil kaum noch Deutsche darin lebten, überschrieb der zornige Entschluss, alle Debatten für beendet zu erklären und keine andere Meinung mehr zu tolerieren. Doch alles Bangen wie Hoffen verweigerte sich der Entschlossenheit, die jedes Beginnen braucht.

Vielleicht habe ich keinen Anfang gefunden, weil wir an einem Ende angekommen sind, hinter dem wir nicht mehr weitergehen werden. Und dieses Wir meint tatsächlich uns alle althergebrachten Europäer, ob wir nun dunkelböse Populisten sind oder herzlich bunt willkommen heißen. Wir Getreuen unserer Nationen, der aufgeklärten Vernunft oder einer unterscheidenden Religiosität vergehen zusammen mit den meineidigen Politikern, verantwortungslosen Geschäftemachern, gekauften Journalisten, Kirchenvertretern ohne Kreuz und all den anderen Menschen auf der selbsternannten guten Seite der Verdummten.

In dem baldigen Europa großer islamischer Macht, verfallener Infrastruktur, verblödeter Bevölkerungen und flächendeckender Gesetzlosigkeiten wird es für niemanden demokratische Freiheit mehr geben.

Dieser »Untergang des Abendlandes« ist wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten, weil die dafür erforderlichen Veränderungen zu umfänglich und tiefgreifend sein müssten und sich die dazu notwendigen gesellschaftlichen wie politischen Mehrheiten nicht finden werden (oder zumindest nicht mehr rechtzeitig). Doch gleichgültig ob noch verhinderbar oder über Jahrhunderte zurückzugewinnen – die einzig aktuell dafür in Frage kommende Triebkraft steckt im Patriotismus zur Nation.

Der Politikwissenschaftler Bassam Tibi hat die Nation verworfen und auf den Citoyen gesetzt, weil er insbesondere die deutsche Nation ethnisch begriffen hat. Aber gerade die deutsche Nation – verstanden als zu bildendes Staatswesen – ist wenigstens bis zur Reichsgründung 1871 auch geistiges Projekt neben genealogischer Identitätsfindung gewesen.

Mir kommt es jedenfalls so vor, dass einzig auf ihre Nationalität bezogene patriotische Gruppen, Parteien, Bewegungen und Bevölkerungen noch hinreichend Kräfte aufzubieten vermögen, um sich gegen Überfremdung, Islamisierung und Entdemokratisierung (erfolgreich?) zu wehren.

Der erstaunlichste (wenn auch noch nicht erprobte) Sieg auf diesem Weg zurück zur Nation ist aktuell die Wahl Donald Trumps in den Vereinigten Staaten. Ebenso der Brexit und der Widerstand vieler osteuropäischer Länder gegen eine zunehmend diktatorisch anmutende EU und gegen den Islam sind ohne die nationale Identität der jeweiligen Bevölkerungen für mich nicht erklärbar.

Der aufgeklärte Geist eines Bassam Tibi, der mit seinem Begriff einer »europäischen Leitkultur« seit fast 20 Jahren insbesondere den Deutschen ein alternatives Integrationsmodell anbietet, konnte sich nicht durchsetzen. Er hätte das auch ohne die unpassende Missdeutung zur »deutschen Leitkultur« nicht getan, weil Aufklärung in religiösen Fragen immer zu Lessings »Nathan« führt und damit im Theater, statt in der Realität endet. Zudem bringen täglich mehr Allahu-Akbar-Rufe deutlich zum Ausdruck, dass der Montesquieusche »esprit de loi«, auf den Tibi sich beruft, keine Chance gegen die Herrlichkeit Allahs hat.

Den Verteidigern der individuellen Freiheit in aufklärerischer Tradition mangelt es an Entschiedenheit, denn sie sind geradezu logisch zu einer Toleranz verpflichtet, die ihnen letztlich Houellebecqs »Unterwerfung« abverlangt.

Nur eine andere Irrationalität könnte der Irrationalität des Islam widerstehen und sich widersetzen. Der naheliegendste Gedanke gälte natürlich dem Christentum. Und das machtpolitische Christentum vergangener Jahrhunderte war dazu ja auch in beeindruckender Weise fähig.

Fast 800 Jahre die Reconquista Spaniens zu betreiben und 1492 erfolgreich abgeschlossen zu haben, ist für mich eines der herausragendsten Beispiele christlicher Widerstandsfähigkeit und Willenskraft. Für die heutigen katholischen wie evangelischen Christen wäre so etwas unmöglich.

Ein wesentlicher Grund für diese Unfähigkeit ist (direkter noch als bei der Aufklärung) die Verpflichtung zur weltlichen Unterwerfung. Margot Käßmanns Aussage »wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen« steht klar in der Tradition der Bergpredigt, wonach Christen ihre Feinde lieben – und sich auf beide Wangen schlagen lassen sollen. Die weltlich und machtpolitisch eingebundenen Kirchen der Vergangenheit waren fähig und als irdische Instanz geradezu verpflichtet, dieses Credo ihrer Religiosität hintanzustellen. Für Max Weber gehörte die Feindesliebe »zur Gesinnungs-, nicht zur Verantwortungsethik«. Dass die von der Verantwortung tatsächlicher Macht in hohem Maße entbundenen Kirchen der Gegenwart, sich den Luxus ideologischer Verblendung gönnen, braucht von daher nicht zu überraschen. Der Kölner Bischof Woelki mag auch ein Spinner sein, aber selbst wenn, wäre er es im guten Glauben.

Doch es existiert noch eine soziale (gruppenfähige) Irrationalität. Und das ist das Irrationale der Nationalität. Das einstmals auch in Deutschland mit der Nation verbundene Pathos – und ich meine ausdrücklich nicht dessen völkische Entartung während der zwölf Jahre Nationalsozialismus – ist in den westeuropäischen Ländern hier mehr, dort weniger und bei uns in Germany nahezu gänzlich verschwunden. Osteuropäische Länder und Russland haben vielleicht noch viel davon, das kann ich nicht wirklich beurteilen.

Die USA, die nie aufgehört haben, ihre Nationalflaggen mit viel Brimborium zu hissen wie einzuholen, wenden sich mit Trump eventuell aufs Neue ihrer nationalen Identität zu.

Der unipolare Globalismus verlöre damit wahrscheinlich den wesentlichen Teil seiner militärischen Macht – aber das ist ein anderes Thema.

Für Deutschland scheint eine erneute Hinwendung zu nationaler Gesinnung vor allem deshalb unmöglich, weil die Menschen, »die schon länger hier leben« (Merkels Formulierung ist keineswegs nur Affront, sondern weit mehr treffende Analyse) das nicht wollen. Warum auch immer, hat die Deutsche Wiedervereinigung diesen Prozess des Abwendens vom Nationalen noch verstärkt. Ich bezweifle sehr, dass die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland so teilnahmslos die gefallenen Soldaten des Afghanistankrieges hingenommen hätte, wie es die Menschen im neuen Deutschland getan haben.

Schafft Deutschland sich also tatsächlich ab? Danach sieht es so überzeugend aus, dass man versucht ist, q. e. d. darunter zu notieren. Doch auch gegen diese vernünftige Analyse hilft die Emotion, welche Menschen für ihr Land oder ihre Nation empfinden können.

Ohne ein gehörig Maß an Irrationalität wird sich die notwendige Kraft kaum mehr aufbringen lassen, um die Diktatur der herrschenden Eliten abzuschaffen, um die Islamisierung zu stoppen, um der Aufklärung wieder ihre demokratische Freiheit zurückzugeben.

Sich dafür der Nation zu bedienen, liegt doppelt auf der Hand: Zum einen gibt sie es her (lässt sich Leidenschaft damit verbinden) – zum anderen geht es ja um eben sie, um unsere und die anderen Nationen als Notwendigkeit funktionierender Demokratie.

Die Gustav Heinemann zugeschriebene Aussage, er liebe keine Staaten, sondern seine Frau, klingt vernünftig und ist mir bis heute sympathisch, hilft allerdings zurzeit nicht weiter.

Die Aufforderung, wer Deutschland nicht liebe, solle Deutschland verlassen, könnte ich auf einer Demonstration noch immer nicht laut rufen. Daran werde ich also noch arbeiten, denn einen optimistischeren Appell höre ich nicht.

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Zum Autor: Ralf Strässer studierte Volkswirtschaftslehre, Geschichte und Literaturwissenschaft, war als Buchhändler und Zeitungsredakteur tätig, machte Pressearbeit für die CDU und die Handwerkskammer und ist inzwischen „hauptberuflich“ Hausmann.

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Foto: © Times (private), CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons