Ein Gastbeitrag von Martin Voigt

Unisex-Toiletten, das voluminöse Gender-Sprech (*_/Innen), Regenbogenflaggen auf Staatsgebäuden, der aggressive Homo-Lobbyismus und die üppige Finanzierung der Gender-Studies sind die Aufreger dieser Debatte. Es ist an der Zeit, auch das destruktive Potential der familien- und bildungspolitischen Gender-Ideologie, speziell die frühkindliche Fremdbetreuung und die Sexualpädagogik, in den Blick zu rücken.

Gender Mainstreaming ist eine moderne Spielart des soziologischen Dekonstruktivismus und steht in der Tradition der neomarxistischen Kulturrevolution. Wesentliche Bereiche des menschlichen Zusammenlebens — die Eltern-Kind-Bindung, die Familie, die sexuelle Bezogenheit der Geschlechter aufeinander — sind angeblich soziale Konstrukte, die wieder dekonstruiert werden sollen. Die Gender-Ideologie richtet sich damit gegen die traditionelle Familie bzw. gegen die Bindungsfähigkeit des Menschen.

Ziel der Gender-Ideologie ist die Dekonstruktion stabiler sexueller und familiärer Bindungen.

Genderaffine PolitikerInnen in sozial- und familienpolitischen Ämtern treiben den Ausbau der Fremdbetreuung für Kinder unter drei Jahren voran. Bereits die beiden Philosophen Karl Marx und Friedrich Engels führten Tages- und Wochenkrippen ein und schrieben in ihrem Manifest: „Wir heben die trautesten Verhältnisse auf, indem wir an die Stelle der häuslichen Erziehung die gesellschaftliche setzen.“

Marx und Engels wussten, dass Kinder, die von klein auf aus der Bindung zur Mutter gelöst werden, seelisch traumatisiert und damit anfällig für heilsversprechende, totalitäre Systeme sind.

Von Kulturrevolution und der „Lufthoheit über den Kinderbetten“ sprechen auch heutzutage noch SPD-Politiker (Olaf Scholz), ganz zu schweigen von der permanenten Diffamierung der Mutterrolle („Mutter-Falle“, „überholtes Familienmodell“) durch Gender-PolitikerInnen. Obwohl die Entwicklungspsychologie die verheerenden Auswirkungen der Krippenbetreuung belegt hat, werden Eltern mit der Lüge von der „frühkindlichen Bildung und Sozialkompetenz“ verunsichert. Finanziell haben sie kaum eine andere Wahl, als ihr Kind in die Krippe zu bringen. Die 1.500 Euro, die ein Krippenplatz im Monat kostet, trägt der Staat, während das Betreuungsgeld (150 Euro) abgeschafft und zuvor als „Herdprämie“ verunglimpft wurde.

Für die Babys ist das Trauma des täglichen Mutterverlustes ein irreversibler Schaden. Die Universität Wien hat von 2007 bis 2012 eine Krippenstudie durchgeführt und das Stresshormon Cortisol im Speichel der Kinder gemessen. Selbst in Krippen mit optimaler Betreuung waren die Cortisolwerte der Kinder stark erhöht, was sich negativ auf die Hirnentwicklung auswirkt. Die Befunde decken sich mit der US-amerikanischen Langzeitstudie NICHD (Study of Early Childcare). Die Forscher waren hier angetreten, um die Unbedenklichkeit der Krippenbetreuung zu belegen — die Zunahme depressiver, unkonzentrierter, ängstlicher und aggressiver Schüler durfte nichts mit der seit den 1980ern üblichen „daycare“ zu tun haben. Nach 15 Jahren Beobachtungszeit kam man aber zu einem anderen Schluss:

Dauerhaft erhöhte Cortisolwerte beeinträchtigen die Stressregulation lebenslang, ziehen seelische Erkrankungen nach sich und führen zu Verhaltensauffälligkeiten im sozialen und emotionalen Bereich. Die panikartigen Existenzängste kleiner Kinder, ihre tägliche Erfahrung, die Mutter zu verlieren, prägen ein ganzes Leben. Anstatt Eltern aufzuklären und finanzielle Wahlfreiheit zu schaffen, wird „kollektive Kindesvernachlässigung und Misshandlung staatlich gefördert“, kritisiert der Psychiater Hans Joachim Maaz die als familienfreundlich gepriesene Förderung der U3-Fremdbetreuung.

Krippenbetreuung ist die sicherste Methode, flächendeckend für psychische Krankheiten und Beziehungsunfähigkeit zu sorgen.

Lenin sprach vor russischen Arbeiterinnen davon „die rückständige Auffassung der Männer und Frauen zu überwinden.“ Was er 1918 sagte, klingt nach aktueller Familienpolitik: „Wir gliedern die Frauen in die soziale Wirtschaft, Verwaltung, Gesetzgebung und Regierung ein. Wir gründen […] Krippen, Kindergärten, Kinderheime, Erziehungsinstitute verschiedener Art. Dadurch wird die Frau von der alten Haussklaverei und jeder Abhängigkeit vom Mann erlöst. Die Kinder erhalten günstigere Entwicklungsmöglichkeiten als daheim.“

Das eigentliche Ziel war nicht die finanziell und sexuell ungebundene Karrierefrau, sondern die damals schon bekannte Destabilisierung der menschlichen Psyche im Kampf gegen die Bourgeoisie. Die zweite Zielscheibe der Gender-Ideologie ist die Auflösung der Einheit von Liebe, Ehe und Sexualität.

Uwe Sielert, der Kieler Sexualpädagoge und Gründer des Instituts für Sexualpädagogik, formulierte 2001 in dem Aufsatz „Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt“ die Intention einer „sexualfreundlichen“ Pädagogik. Sexualität bzw. „Lust, Zärtlichkeit und Erotik“ sollen als „Energiequelle“ unabhängig von „Ehe und Liebe“ vermittelt werden. Die traditionelle Familie soll im Unterricht nicht mehr als Normalfall ersichtlich sein. Sielert plädiert dafür, Heterosexualität, Generativität und die Kernfamilie zu „entnaturalisieren“.

2012 veröffentlichte Elisabeth Tuider, die bei Sielert promoviert hat, das Praxisbuch Sexualpädagogik der Vielfalt. Die Übungen normalisieren jede erdenkliche Form von Sexualität und schaffen Unterrichtssituationen grenzverletzender Interaktion. Teenager sollen einen Puff einrichten, der möglichst vielen sexuellen Orientierungen gerecht wird. Sie sollen gemeinsam klären, was für sie zur Sexualität dazu gehört oder was gegen Trennungsschmerz hilft. Zur Auswahl liegen Dildos, Taschenmuschis, Aktfotos und weiteres Sexspielzeug bereit und daneben unter anderem die Bibel, ein Kreuz oder ein Kopftuch. Empfohlen werden Massageübungen sowie pantomimisches Darstellen und Besprechen sämtlicher Sexualpraktiken.

Die Sexualisierung zieht sich von der Kita bis ins Jugendalter wie ein roter Faden durch die Sexualpädagogik und wird besonders offensiv, wenn sie einer pornografisch vorgebildeten Teenager-Generation ihr pädagogisches Okay hinterher schickt. Die Botschaft der anschaulich formulierten Sex-Tipps könnte deutlicher nicht sein: „Probiert, was euch gefällt!“

Make Love heißt ein an Schulen eingesetztes Aufklärungsbuch von Ann-Marlene Henning und der Name ist Programm. Auf der Hälfte der Seiten sind farbige Hochglanzfotos, die Jugendliche beim Sex zeigen. Die vaginale oder orale Penetration ist auch in Nahaufnahme zu sehen. Die Kapitelüberschriften lauten „Fass dich an. Masturbation und Petting“, „Das erste Mal. Und jetzt geht’s los“ oder „Durch die Betten. Technische Feinheiten“. Um die Heranführung an das erste Mal erfolgreich abzurunden, verteilt die Autorin Ann-Marlene Henning, die mit ihrem Buch häufig Schulen besucht, bunte Kondome an Acht- und Neuntklässler.

Zu Beginn der Adoleszenz entwickelt sich das Lustzentrum im Gehirn deutlich schneller als das psychische Vermögen, einen anderen Menschen in einer Beziehung voll anzunehmen. Sexuelle Verhältnisse im Teenageralter dauern im Schnitt nur wenige Monate. Die anstachelnde Sexualpädagogik von Organisationen wie pro familia macht es sich zur Aufgabe, promiskuitives Verhalten zu fördern. Online-Broschüren betonen, wie normal es sei, „längere Zeit mit beiden Geschlechtern“ zu experimentieren. Sie erklären „viele verschiedene Sex-Praktiken, Stellungen und Varianten“ und wie Oral- und Analverkehr am besten gelinge.

Aneinandergereihte Ex-Beziehungen wirken sich negativ auf die Intimität und Wertschätzung in der Ehe aus. Bewusst konterkariert die Pille-Porno-Puff-Idylle der sich selbst als „sexualfreundlich“ bezeichnenden Gender-Pädagogik eine auf tragfähige Familienbeziehungen hinauslaufende Sexualmoral.

Der Krippenausbau und die Sexualpädagogik sind zwei psychologische Hebel der Gender-Ideologie, die bewusst oder intuitiv die moralischen Kernbereiche des Menschen angreifen und die dünne Schicht, die wir Kultur nennen, innerhalb weniger Generationen erodieren lassen.

Die sexuelle Revolution breitet sich subtil wie eine Seuche aus.

Steckt hinter diesen gesellschaftlichen Tendenzen absichtliche Dekonstruktion? Oder neige ich zum kulturpessimistischen O tempora, o mores-Geunke?

Werden aus pornoguckenden, mit Ritalin ruhig gestellten Jungs, die in Ganztags-Gemeinschaftsschulen den „Kondomführerschein“ machen, die Dichter und Denker von morgen? Werden die mit der Pille gut versorgten Mädchen, die bis zum Abi schon zwei, drei feste Freunde aufs Intimste „kennengelernt“ haben, später eine von Wertschätzung und Verbundenheit getragene Liebesbeziehung führen? Werden aus Kindern, die von einer Aufbewahrungsanstalt in die nächste gebracht werden, die ihre emotional verkrachten Eltern als gestresste Arbeitnehmer erlebt und als Teenager alles ausprobiert haben, später glückliche Ehepaare, die sich rührend um ihre 1,4 Kinder kümmern?

Ist der auf seine Triebe zurückgeworfene und familiär ungebundene ­ pardon — der moderne Mensch, der haltlos von einer Affäre in die Nächste stolpert, das Ziel irgendeiner Interessengruppe? Wann kippt das emotionale Ökosystem der offenen Gesellschaften? Sexualisierung und grenzenlose Offenheit — no border, no nation, no family. Wer freut sich darüber?

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12644909_110821222637782_5266967342022075553_nAutor: Dr. Martin Voigt: ist Jugendforscher, Autor und Journalist in Berlin und München. Im Jahr 2015 erhielt er den renommierten Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten.

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Der Beitrag erschien zuerst in: SHIFTMAG