Ein Gastbeitrag von Hans-Jürgen Schmelzer

Der Sonntagsgottesdienst in meiner Ortskirche stand unter dem Motto Reformation damals und heute. Thema: Luthers Thesenanschlag. Den Raum erfüllt ein irischer Song, der einem als Schlager seit Jahrzehnten eingängig ist.

Der wichtigste Kirchenplatz des Reformators – die Kanzel – leer. Der Pfarrer hat Anderes zu tun. Papierschnitzel werden ausgeteilt, dazu nagelneue Stifte.

Nachdem das erste Halbdutzend Lutherthesen verlesen und kaum kommentiert worden ist, „an die Arbeit, Christinnen und Christen!“ Thesen zur Reform damals, Thesen für Veränderungen heute. „Ihr seid dran!“ Zur Überbrückung des papierraschelnden Gewusels übt ein dem Kirchengestühl entstiegener Singmeister mit der Gemeinde einen neuen Kanon ein. Auch dieser Song gefällt sich in lutherfremdem Überseesound. „Seid ihr soweit?“ – „Sind wir.“ – „Na da sammeln wir mal ein!“

Ich zähle mehr Versammelte als sonst, dennoch übersichtlich. Nun werden vor dem Altar die Zettelchen aufgefaltet, die Thesen eine nach der anderen verlesen. Der Pfarrer hämmert sie an die provisorisch vor dem Altar errichtete Sperrholztür. Es sind sogar Jugendliche anwesend. Endlich mal. Sie fordern mehr Frieden, weniger Armut, gegenseitige Liebe. Andere Thesen bitten sich verständliche Bibelauslegung aus, bunteres Gemeindeleben… Warten.

Wann kommt endlich meine These? Denkste. Ist unter den Tisch gefallen. Was hatte ich geschrieben: Die Kirche soll endlich aufhören, vor dem Zeitgeist auf dem Bauch zu kriechen!

Meine Frau und ich gehen sonntags gern in die Kirche, wären nicht die abschreckenden „Eventgottesdienste“, die alles Gewohnte umwerfen, politisieren, die Gläubigen über den Pferdemarkt, über die grüne Wiese jagen, Fahrradandacht, Hallo-Luther-Gedenk… Ist normaler Gottesdienst angesagt, kommt man früher, wartet auf die Glocken, lässt den Blick auf dem Altarkreuz ruhen. Aber nein. Es stellt sich ein junger Orgelmann vor die Gemeinde, stimmt einen fremden Kanon an und hält Singstunde ab. Endlich Orgelspiel, der Pfarrer im feierlichen Talar verliest den Sonntagsspruch. Endlich ist sie da, die ersehnte Stimmung zur Einkehr! Doch nein!

„Einen schönen guten Morgen! Herzlich willkommen!“ und „wie schön, dass Sie hier sind, sich auf den Weg gemacht haben!“ Ja verdammt noch mal, bin ich denn gekommen, dem Pfarrer einen Besuch abzustatten?

Damit noch lange kein Ende. Da ist ja noch Frau Kosslowski, die für uns die Orgel spielt, Frau Armbruster aus dem Kirchenvorstand wird die Epistel lesen, Dr. Schumacher aus dem Evangelium.. Ja und dann der Sonntagspsalm: für die eingerückten Zeilen sind die Männer dran, für die nicht eingerückten die Frauen…“

So werden Feierlichkeit, andachtgebietende Stimmung durch Banalitäten, Regieanweisungen, die sich oft von selbst verstehen, mehr oder weniger bewusst, so als fürchte sich die Kirche vor ihrer eigenen Tradition, über Bord geworfen.

Bei meiner Enkelschar vergeht kaum ein Jahr ohne Konfirmation. Sie mag sich in Deutschland abspielen, wo sie will. Überall das Gleiche: Jazzrhythmen beim Einmarsch, Diskoklänge zum Ausmarsch, so als traue man sich gar nicht, der Jugend bei diesem geistlich so bedeutsamen Moment mal anders zu kommen: festlich, feierlich, getragen. Haben die Jugendlichen einen angemessenen Rahmen gar nicht verdient? Wo sie sich doch selbst erwartungsvoll und – im Unterschied zu noch nicht weit zurückliegenden Zeitläuften – adrett und festlich gekleidet haben?

Und nun verliest man die Sprüche, die sich die Vierzehnjährigen selbst ausgesucht haben. Warum übernimmt das nicht der Pfarrer, der doch am besten wissen sollte, was für jeden einzelnen Konfirmanden passt? Hätte mein Pfarrer mir die Wahl gelassen, ich hätte von der Existenz des für mich und mein Leben so prägsamen Bibelwortes nie etwas gewusst.

Man gewinnt als Gläubiger den Eindruck, die Kirche schäme sich ihrer alten Rolle. Sie bangt um die Kirchenaustritte und glaubt darum ihr Angebot verzuckern zu müssen. Dabei liegt die Misere nicht am Evangelium, sondern daran, dass es den Menschen zu gut geht. Verwöhnt oder auch gelangweilt, machen sie sich Götzen wie die Kinder Israels im Alten Testament. Es werden wieder härtere Zeiten kommen, die dem Menschen zu denken geben. Erst dann werden sich die Gotteshäuser wieder füllen.

Ein guter Pfarrer von heute kann nur eins tun: wie Luther ohne Wenn und Aber am Wort Gottes festhalten. Es muss ihm der Fels in der Brandung sein.

Foto: Kuppelgemälde im Mausoleum im Park des Schlosses Charlottenburg © David Berger