Europa steht erneut vor einer Epochenwende oder befindet sich vielmehr schon mitten darin. Wieder einmal muss es sich von jeglicher Fremdherrschaft, von feindlichen Bündnissen auf eigenem Territorium, von Untergrabung und Unterwanderung befreien – wenn es überleben will. Dabei kann es ganz viel vom handeln seiner Vorfahren lernen. Ein Gastbeitrag von Jürgen Fritz

Es war am 16. Juli des Jahres 1212, als es zum großen Showdown kam. In der Schlacht bei Las Navas de Tolosa standen sich auf beiden Seiten zigtausende Krieger gegenüber. Manche sprechen gar von hunderttausenden auf beiden Seiten. Es sollte eine der größten Feldschlachten des hohen Mittelalters werden. Unter Führung der Könige von Kastilien, Navarra, Portugal und Aragon marschierte eine gewaltige Streitmacht von Rittern aus ganz Europa auf.

Die andere Seite bot eine panmuslimische Streitmacht etwa gleicher Größe auf, wenn nicht gar eine doppelt so starke mit Dschihadisten aus Nordafrika bis Zentralasien. An diesem Tag wurde über das weitere Schicksal Spaniens entschieden und vielleicht sogar mehr als das. Wer würde den Kampf für sich entscheiden können?

Doch bevor wir zum Schlachtverlauf kommen, ein paar Worte zur Vorgeschichte. Wie und weshalb war es zu dieser gigantischen Feldschlacht gekommen? Die Eroberung Spaniens und die Fremdherrschaft hatte bereits 711 begonnen. Der Westgote Roderich, ein katholischer Christ, ließ sich 710 zum König krönen, hatte jedoch große Teile des Adels, arianische Christen, gegen sich. Diese riefen Verwandte, Verbündete und Söldner aus Nordafrika zur Unterstützung, um Roderich abzusetzen.

711 landete der Berber Tāriq ibn Ziyād mit seinem Heer (keine Araber, keine Muslime wie vielfach zu lesen) in der Region von Gibraltar und unterwarf das Westgotenreich. Die Geister, die man gerufen hatte, wurde man nun aber nicht mehr los. Denn nun drangen auch omayadisch-arabische Truppen (auch keine Muslime) ein, denen es in den Folgejahren gelang, fast die gesamte iberische Halbinsel zu erobern.

Wie moderne Forschungen nahe legen, bildete sich der Islam wahrscheinlich erst im 9. Jahrhundert aus und nicht wie islamische Legenden glauben machen wollen im frühen 7. Jahrhundert. Und zwar aus einer christlichen Unterströmung, aus der sich ganz allmählich eine eigenständige Religion entwickelte. Zum Inbegriff der verhassten, nun wirklich muslimischen Fremdherrschaft wurde dann um 1000 der Wesir Mansur, der sich damit brüstete, jedes Jahr einen Feldzug gegen die „Ungläubigen“ zu unternehmen. Über 50 Mal überfiel er die nördlichen Gebiete auf der iberischen Halbinsel, brandschatzte und plünderte diese aus. 997 ließ er die christlichen Bewohner von Santiago de Compostela, die versklavt wurden, zur Demütigung die Glocken der Basilika zu Fuß in das tausend Kilometer entfernte Cordoba schleppen.

1031 löste sich das omayadische Kalifat auf und es entstanden zig Taifas, kleine Königreiche, teilweise bis zu 60. Die Regenten waren Araber verschiedener Clans, Berber diverser Stämme, Romanen, Normannen, Goten, Piraten usw. Jeder paktierte mit jedem gegen jeden. Einer dieser kleinen Fürsten rief nun die Herrscher aus Nordafrika zu Hilfe, die Almoraviden, militante Muslime aus der Sahara. Die Almoraviden wandten sich gegen alles, was nicht ihrer Auffassung vom Islam entsprach, bekämpften natürlich alle Christen, räumten aber auch unter ihren muslimischen Verbündeten auf. Mit Weingelagen und Tanzdarbietungen in Cordoba, Sevilla und anderswo war es nun vorbei. Und wieder galt: die Geister, die man gerufen hatte, wurde man nicht mehr los.

Die Fundamentalisten aus Nordafrika brachten eine völlig neue Qualität der Auseinandersetzung nach Spanien: den Glaubenskrieg, den Dschihad.  Was jetzt zählte, war die Eroberung im Namen Allahs. Zugleich kam es jetzt zu einer Gegenbewegung. Die spanische Kirche kam unter den direkten Einfluss Roms. 1095 rief Papst Urban II. zum Kreuzzug auf. 1099 wurde Jerusalem zurückerobert. Fast zeitgleich fielen allerdings Granada, Sevilla, Valencia und Mallorca in die Hände der nordafrikanischen Dschihadisten.

Zwei Megatrends, die Afrikanisierung des spanischen Islam und die Europäisierung des spanischen Christentums, steuerten ab nun aufeinander zu und trafen wo aufeinander? In der Schlacht bei Las Navas de Tolosa im Jahre 1212. Nun zum Schlachtverlauf.

Dem christlichen Heer gelang es, im Zentrum bis zu den Stellungen der Bogenschützen der Almohaden vorzudringen und diese im Nahkampf niederzumachen. Der Anführer der Muslime Kalif Muhammad an-Nâsir hatte sich mit einer Gruppe schwer bewaffneter Sklaven, die in der Nähe seines Zeltes angekettet waren, verschanzt. Doch als er schließlich persönlich in Bedrängnis geriet, setzte er sich mit seiner Leibwache ab, was eine Panik im ohnehin bereits zurückweichenden muslimischen Heer auslöste. Auf der Flucht erlitten die Muslime verheerende Verluste. Die Schlacht endete mit ihrer totalen Niederlage. Der almohadische Kalif Muhammad an-Nâsir flüchtete schließlich nach Nordafrika.

Von dieser Niederlage konnten sich die Muslime in der Folgezeit nicht mehr erholen, zumal der christliche Sieg die Legende der Unbesiegbarkeit der Almohaden widerlegte.

Die Macht der Muslime in Spanien war gebrochen.

In den nächsten 40 Jahren konnte der größte Teil der spanischen Halbinsel wieder unter die Herrschaft christlicher Könige gebracht werden. 1236 wurde Córdoba zurückerobert, 1248 Sevilla und 1261 Cádiz. Die seit Jahrhunderten andauernde Reconquista (Rückeroberung Spaniens) war zum Großteil abgeschlossen.

Bei der Einnahme Cordobas hatte Yusuf Ibn Nasr, Kleinherrscher aus Arjona, den kastilischen König Ferdinand III. unterstützt und bekam dafür freie Hand in Granada, das er in seinen Besitz brachte – der Beginn des letzten Kapitels muslimischer Herrscher in Spanien, das 250 Jahre später auch geschlossen werden sollte. Wie kam es dazu?

Ende des 15. Jahrhunderts war das große Thema der Zeit die Türkengefahr (1481 landete eine osmanische Expedition in Süditalien, der Papst floh aus Italien; später 1529 und 1683 standen die Türken jeweils vor Wien und versuchten die Stadt einzunehmen). Die Türken entwickelten sich immer mehr zu einer ernsten Bedrohung und man konnte sich in Spanien keinen Bündnisfall von Muslimen auf eigenem Territorium leisten. Das Ende des muslimischen Granadas war damit eingeläutet. Es war ein Ende, zu dem es in der Geschichte nicht viele Parallelen gibt; schon gar nicht in der islamischen Geschichte, wenn Muslime in der Position des Überlegenen waren.

Doch springen wir zeitlich wieder ein wenig zurück, um die Vorgeschichte zu verstehen. Von entscheidender Bedeutung war die Heirat Ferdinands von Aragon mit Isabel von Kastilien, im Jahr 1469, die es ermöglichte, dass die beiden Königreiche zehn Jahre später in die Vereinigung Spaniens mündeten. Spanien war jetzt geeint und konnte sich dem Granada-Problem widmen.

Weshalb aber wurde das muslimische Granada immer mehr zum Problem? Zum einen weil es fortwährend muslimischen Piraten in seinen Häfen Zuflucht gewährte. Noch beunruhigender war aber etwas anderes. Es kam wiederholt zur Kontaktaufnahme mit der neuen Schreckensherrschaft im Osten, den Türken. Ferdinand musste handeln, um den genannten Bündnisfall im eigenen Land zu verhindern. Aber was sollte er tun? Was sollte mit all den Muslimen in Granada geschehen? Die Stadt mit Gewalt einzunehmen und alle Muslime niederzumachen, zu vertreiben oder zu versklaven, wäre mit entsprechenden eigenen Verlusten sicherlich möglich gewesen für das geeinte Spanien. Doch Ferdinand entschied sich anders.

Er stellte Emir Abu Abdallah Bedingungen, die so günstig waren, dass dieser gar keine andere Wahl hatte, als sie anzunehmen. Am 2. Januar 1492 übergab Abu Abdallah die Schlüssel der Stadt an das spanische Königspaar. Das Problem mit den Muslimen in Spanien war gelöst. Nachdem dies vom Tisch war, wurde drei Monate später ein Kapitän namens Christoph Columbus vom spanischen Königshaus endlich beauftragt, den Seeweg nach Indien zu finden. Im August begann die Reise, die mit der Entdeckung der neuen Welt im Oktober endete.

Emir Abu Abdallah und allen Bewohnern Granadas, zum Schluss fast ausschließlich Muslime, sagte Ferdinand Wahrung des Besitzstandes und persönliche Unversehrtheit zu. Wer sofort abziehen wollte, konnte das ungehindert tun und seinen Besitz mitnehmen oder aber ihn innerhalb von zwei (oder drei) Jahren ohne Einschränkungen veräußern.

So gut wie alle, die über Vermögen verfügten, entschieden sich für letztere Option und verließen Spanien als wohlhabende Leute Richtung Marokko. Spanien war von der letzten muslimischen Fremdherrschaft befreit. Die Reconquista war beendet.

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Das Jahr 1492 bildet also einen doppelten Markstein: a) die vollständige Befreiung Spaniens von muslimischer Herrschaft und b) die Entdeckung Amerikas. Daher wird dieses Jahr bzw. die Zeit um 1500 herum als der Beginn der Neuzeit angesehen. Die Symbolkraft des Jahres 1492 kann dabei gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Im frühen 9. Jahrhundert hatte der arabische (nicht muslimische!) Kalif von Bagdad al-Mamun die Erdkugel bis auf ein paar Kilometer genau vermessen und berechnen lassen. Nun, 1492, nachdem der letzte muslimische Herrscher in Spanien abgesetzt war, sendeten Ferdinand und Isabel Christoph Columbus aus, der hinter dem Horizont den runden Globus vermutete und die neue Welt entdecken sollte.

#In der inzwischen vollständig islamisierten arabischen Welt aber, die über Jahrhunderte wissensmäßig und kulturell weit überlegen war, hatte man sich die Erde nunmehr flach vorzustellen. Dies befahl das „heilige Buch“ des Islam, der Koran. Und alle wesentlichen Wahrheiten über Gott und die Welt, so die weitere Vorgabe dieses Buches, befänden sich in diesem „heiligen Buch“, so dass es anderer Bücher und Forschungen im Grunde nicht unbedingt bedürfe.#

Dass Nordafrika in irgendeiner Form vom Zuzug all der Muslime profitiert hätte, davon ist nichts bekannt, in keiner Form. Am meisten gelitten haben übrigens sowohl unter den Muslimen als auch unter den Christen – Stichwort: Alhambra-Edikt – die Juden. Warum dies so war, das wäre Stoff für einen eigenen Essay.

alfonsoviiiDurch dieses Edikt wurden die Juden aus allen Territorien der spanischen Krone vertrieben. Wer bis zum 31. Juli 1492 nicht zum Christentum übergetreten war, musste Spanien verlassen. Im Gegensatz zu den Muslimen hatten die spanischen Juden nur vier Monate Zeit eine Entscheidung zu treffen und wenn sie nicht konvertieren wollten, ihr Hab und Gut zu verkaufen und das Land zu verlassen. Dies führte zu einer Welle von Konvertierungen zum christlichen Glauben. Allerdings standen diese neuen Christen im Generalverdacht der Inquisition. Dies führte zu einer tiefen Spaltung der spanischen Gesellschaft. Viele Juden flüchteten aber auch ins benachbarte Portugal. Hier wurden sie zunächst mit offenen Armen empfangen.

Aus ökonomischer Sicht war das Alhambra-Edikt verheerend für Spanien. Zum einen mussten die vor der Vertreibung stehenden Juden ihr Hab und Gut in Windeseile verkaufen. Dies führte zu einer Überschwemmung des Marktes. Die Preise gerade im Immobiliensektor fielen drastisch. Noch schlimmer, ganze Wirtschaftssektoren, die zuvor fest in der Hand der spanischen Juden waren, waren nun verweist. Da Christen der Geldverleih verboten war, fehlte das Kapital. Auch Ärzte und Handwerker, die vertrieben wurden, fehlten nun. Während sich in anderen europäischen Ländern eine Mittelschicht bildete, blieb es in Spanien bei Oberschicht und Unterschicht. Ebenso verheerend war die Verreibung der Juden für Kultur und Wissenschaft. Viele Universitäten hatten Probleme die Lehrer zu ersetzen.

Insgesamt sollte sich im Europa der Neuzeit eine weltweit einmalige Erfolgsgeschichte entwickeln, die im Laufe der kommenden Jahrhunderte von vielen, die dazu imstande waren, kopiert und imitiert wurde: USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Japan, Südkorea, Taiwan, inzwischen auch in Ansätzen von Indien und China. Weniger Rußland und gar nicht Afrika und die gesamte islamisch dominierte Welt. Letztere Zwei ziehen es inzwischen massenweise vor, statt selbst etwas aufzubauen, dorthin zu immigrieren, wo andere schon etwas aufgebaut haben und sich dort ins gemachte Nest zu setzen. Doch zurück zum einmaligen europäischen Erfolgsmodell.

Indem die religiösen Fesseln, auch die des Christentums, immer mehr gelockert wurden, die Rationalität Raum gewinnen konnte, eine Rückbesinnung auf die griechisch-römische Antike mit ihrer einmaligen kulturellen Höhe stattfand (Renaissance), die Wissenschaften einen neuen Aufschwung nahmen, die Aufklärung sich ihren Weg bahnte, wurde das tausendjährige Mittelalter überwunden, die Neuzeit begann mit all ihren Errungenschaften, die schließlich in die Moderne mündete. Mit diesem Essay möchte ich das Augenmerk aber auf einen bestimmten Punkt richten:

Wer von den Muslimen sofort abziehen wollte, konnte das ungehindert tun und seinen Besitz mitnehmen oder aber ihn innerhalb von zwei (oder drei) Jahren ohne Einschränkungen veräußern.

Europa steht erneut vor einer Epochenwende oder befindet sich vielmehr schon mitten darin. Es sollte sich wiederum von jeglicher Fremdherrschaft, von feindlichen Bündnissen auf eigenem Territorium, von Untergrabung und Unterwanderung befreien. Und es sollte dies erneut in dieser generösen Art tun, wie es Ferdinand Ende des 15. Jahrhunderts getan hat, damit Rolf Peter Sieferles, Michael Leys oder Michel Houellebecqs düstere Aussicht vom völligen Untergang Europas nicht wahr wird. Denn unser Erdteil, unsere einmalige Kultur, unsere Gesellschaft, unsere Errungenschaften, vor allen Dingen die bedingungslose Gewährung der Menschenrechte für alle auf unserem Territorium, unsere Sicherheit, unser Wohlstand, unsere Freiheit sind sehr viel fragiler als es die meisten vermuten.

Wer von den Muslimen sofort abziehen wollte, konnte das ungehindert tun und seinen Besitz mitnehmen oder aber ihn innerhalb von zwei (oder drei) Jahren ohne Einschränkungen veräußern. Good bye Mohammed.

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Literaturempfehlungen:

„Good bye Mohammed – Das neue Bild des Islam“ (Archäologie und neueste Quellenforschung widerlegen wesentliche Punkte der islamischen Tradition: Es war ganz anders) von Norbert G. Pressburg, hier speziell das vorletzte Kapitel „Die tausendundzweite Nacht: Die Märchen von al-Andalus“

„Der Selbstmord des Abendlandes – Die Islamisierung Europas“ von Michael Ley, hier speziell erster Teil, I. Kapitel „Das Märchen von al-Andalus“

„Der Mythos vom toleranten Islam“ von Hans-Peter Raddatz in DIE WELT vom 11.09.2002

„Islamisches Spanien – Das Land, wo Blut und Honig floss“ von Eugen Sorg in DIE WELTWOCHE, Ausgabe 35/2005

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Zum Autor: Jürgen Fritz studierte Philosophie, Erziehungswissenschaft, Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt). Für seine philosophische Abschlussarbeit wurde er mit dem Michael-Raubal-Preis für hervorragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Inzwischen ist er als freier Autor tätig.