Die deutschen Bischöfe geben sich im Berliner Kanzleramt die Klinke in die Hand und klingen danach so wie die Stimme ihrer Herrin. Nichts ist gut in diesem Absurdistan, in dem alles zu Moralpolitik und Erziehungsdiktatur gerinnt. Die neue Rechte fest im verdammenden Blick, erblindet der Sinn für das Totalitäre des Gutgemeinten und das wenig demütige der eigenen Ambitionen: es geht dem kirchlichen Spitzenpersonal um Deutungshoheit und die Nähe zur Macht. Ein Gastkommentar von Martina Rettul

Bei aller Liebe – ist es nicht traurig, wenn katholische „Laien“ wie Martin Mosebach den deutschen Klerus an elementare Voraussetzungen für die ganz persönliche Christusnachfolge erinnern müssen? Dass sie nicht Agenda-tauglich ist, nicht als „öffentliche Theologie“ dekretiert werden kann, dass Christentum keine Zivilreligion oder Moralveranstaltung ist, sondern dass das Kreuz, das jeder Christ und jede Christin zu schultern hat, individuell und in diesem Sinne „gottesunmittelbar“ ist.

Die Weigerung, zwischen Flüchtlingen und Migranten zu unterscheiden, ist ein Kategorienfehler, der eine „Unterscheidung der Geister“ unmöglich macht und alles über die rechtspopulistische Klinge springen lässt. 

Die symbolische Geste von Papst Franz, keine christlichen Familien aus dem Flüchtlingscamp auf Lesbos mit in den Vatikan zu nehmen, sondern ausschließlich drei muslimische, ist eine veritable „Bevorzugung“ und führt die Kritik der beiden Kirchen an der CSU-Position, sich besonders der christlichen Flüchtlinge anzunehmen, ad absurdum.
Papst Franz darf das, darf bevorzugen, der will nur spielen; den Seitenblick immer auf euphorisierte Medien gerichtet, die sich an solchen Bildern berauschen. – Die selbstgetragene Aktentasche und die ausgelatschten Schuhe des Pontifex haben ihre mediale Halbwertzeit schon lange hinter sich.)

Verlorenen Schafen nachzugehen, auch geistlich an die Peripherie zu gehen, wie es dieser Papst gerne vorgibt – was müsste das eigentlich für deutsche Christen im Bischofsamt bedeuten? Sind die Rechtspopulisten nicht genau die in die Irre gegangenen Schafe, denen nun nachzugehen wäre und die aufzusuchen sind; im Geiste Jesu, der mit den Sündern und Pharisäern bei Tisch sitzt und sie nicht moralisierend verurteilt?

Wo sind denn die Bilder, wo deutsche Hirten sich mit Frauke Petri, Beatrix von Storch, Alexander Gauland und mit vielen anderen neurechten Verirrten zwanglos und selbstverständlich an einen Tisch setzen und für diese Unbefangenheit Prügel beziehen – vom medialen Establishment? 

Nein, diese neutestamentliche, überraschende, selbstverständliche und dadurch verstörende Sünder-Nähe ist von diesen Hirten nicht zu erwarten. Vielmehr basteln sie sich ihre ideologische Nähe zur Obrigkeit als evangeliumsgemäß zurecht.

Das gab´s übrigens schon einmal in den 30er Jahren bei den protestantischen „Deutschen Christen“, die dem Rassenwahn der Nazis die höheren Weihen erteilten. Dämmert es eigentlich niemandem, dass ideologische Abstinenz und maximale geistliche Distanz zum Staat die Lehre aus der Vergangenheit wäre; nicht eine Rolle rückwärts im Vollwaschgang, bei der man sich – ganz reingewaschen – unter konvertierten Vorzeichen wiederum embedded vorfindet – als Büttel des Staates; daher spirituell entkernt und mittlerweile in Ökumene vereint.

Denn die protestantische Staatsnähe hat nun auch die katholischen deutschen Bischöfe ganz ergriffen und wird – seit diesem Pontifikat – durch keinerlei „antirömischen Affekte“ mehr überlagert. 

Die gemeinsamen Erklärungen zur Rechtfertigung des landesherrlichen Moralregiments der Kanzlerin zeigen an, dass man hier – Wilhelm II. nur unwesentlich abwandelnd – keine Konfessionen mehr kennt, sondern nurmehr deutsche Christen, die man aber nicht so nennen darf und die bei diesem Begriff rot sehen werden; sind sie ja gerade keine Nazis und haben auch mit „Deutschland“ und dem „Abendland“ überhaupt nichts mehr am Hut. – Geschenkt!

Wer den systemtheoretisch gnadenlosen Blick scheut, rekurriert auf die vermeintlich gute Gesinnung und findet es eben in Ordnung, wenn sich Bischöfe im Berliner Kanzleramt die Klinke in die Hand geben und danach so klingen, wie die Stimme ihrer Herrin.

Nichts ist gut in diesem Absurdistan, in dem alles zu Moralpolitik und Erziehungsdiktatur gerinnt. 

Die neue Rechte fest im verdammenden Blick, erblindet der Sinn für das Totalitäre des Gutgemeinten und das wenig demütige der eigenen Ambitionen: es geht dem kirchlichen Spitzenpersonal um Deutungshoheit, „Relevanz“ (EKD) und die Nähe zur Macht. Damals wie heute.

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