(David Berger) Vor zwei Jahren startete die mit öffentlichen Geldern reichlich bezuschusste „Deutsche Aidshilfe“ eine Aktion, die Homosexuelle zur politischen Korrektheit erziehen wollte. Unter anderem forderte der umstrittene Verein von seiner Hauptzielgruppe, femininer zu sein. Zum zweijährigen Jubiläum einer Kampagne, die lächerlicher nicht sein konnte, hier noch einmal der Text, den ich damals veröffentlichte.

Die „Deutsche Aidshilfe“ bzw ihre noch schwulere Filiale, die Kampagne „Ich weiß, was ich tu“, weiß vor allem eines: worunter die Homo-Welt auch hierzulande wirklich leidet.

Alles voll mit Testosteron-satten Straight-Acting guys, die keiner wirklich haben will: weder im Bett noch zuhause vor dem TV beim Bier saufen und Fußball schaun mit den Kumbels! So kann das nicht weitergehen und es ist gut, dass bereits erste Pioniere – mit Hilfe des Steuerzahlers und in mutiger Frontstellung gegen den Zeitgeist – gegen diese katastrophalen Zustände kämpfen.

Langweilige Normalos, wohin man sieht. Zunehmend artet dieser Prozess gar in eine auffällige Maskulinisierung schwuler Männer aus. Verzweiflung machte sich angesichts dieser Tatsache schon in der CSD-Saison in vielen Lokalredaktionen in Deutschland breit.

Wo früher „Schrill und bunt durch die Mainfrankenmetropole“ getitelt wurde, sah sich dieses Jahr etwa die Würzburger „Mainpost“, die jährlich über den wichtigsten Pride Deutschlands berichtet, zu der langweiligen Schlagzeile genötigt: „CSD Würzburg: Schwule und Lesben fordern gleiche Rechte und Pflichten für alle“.

Bilder von bunt und phantasievoll aufgetransten Teilnehmern: Fehlanzeige! Obwohl der Hype um Conchita Wurst zu diesem Zeitpunkt doch noch irgendwie präsent war und so eine auffallende Verkleidungsmöglichkeit geboten hätte.

Stattdessen langweilige, nüchterne Lesben, wie nette Frauen aus der Nachbarschaft aussehend. Von den Schwulen ganz zu schweigen: das ganze Spektrum zwischen Normalo und Macho, zwischen Bierbauch und Muskeln.

Man wagt es kaum zu schreiben: Die Seuche des „normalen Homos“ greift immer mehr um sich. Da stöhnen nicht nur queere Seelen aus grauer Vorzeit in üblicher Veteranensentimentalität und doch in immer wieder neu Mitleid erregender Weise. 

Bei den ganz Ängstlichen sieht man sich gar durch den schwulen Spießer schwer bedroht. Und fragt sich angesichts der langweilig-friedlichen Stimmung etwa in der Berliner Community: „Wo bleibt der gute alte Tuntenstreit?“ Alle Versuche eines damendarstellenden Anzeigenverkäufers aus Schöneberg, diesem wieder seinen Ehrenplatz zurückzugeben, wollten bislang nicht so recht greifen.

Auch Heteros zeigen sich zunehmend verunsichert. Die Gefahr, dass der langweilige Mann, den man seit Jahren aus dem Fitnessstudio, dem Fußballstation und der Eckkneipe kennt, und neben dem man bislang nichtsahnend am Pissoir stand, ein getarnter Homo auf Missionierungskurs sein könnte, ist all gegenwärtig. Diese Seuche richtet eben ein Chaos in allen bislang so hilfreichen Schubladen an.

Seuche“? Dagegen gibt’s nicht nur etwas von ratiopharm, sondern in der schwulen Welt ist dafür IWWIT („Ich weiß was ich tu“) zuständig: ob Tripper, Chlamydien – anal und in der Harnröhre – oder härtere Sachen wie HIV und eine Syphilis: Die Herren von IWWIT wissen Bescheid.

Kein Wunder, dass sich nun IWWIT auch dieses viel gravierenderen Problems annimmt. Ärger mit HIV oder anderen Kleinseuchen? Das war gestern. Viel wichtiger ist jetzt doch: Gerade die Schwulen müssen endlich das nachholen, was sie anscheinend über Jahrzehnte versäumt haben: ihre feminine Seite entdecken.

„Seid tuntig!“ ist der Aufruf, der eines der Werbeplakate schmückt, die in Zukunft in der Homo-Welt breit gestreut werden. In der Testosteron gesättigten, rauen und viel zu männlichen Atmosphäre vieler Schwulenkneipen eine echte Zumutung.

Schon jetzt ist abzusehen, dass der unzweideutige Aufruf etwa in Kölns Szenelokalen „Mumu“ oder „Clit“ wie eine Bombe einschlagen wird. Das aus strammen, hetero-liken Kerlen bestehende Stammpublikum wird langsam üben müssen, wie ein femininer Gang, ein abgebrochenes Handgelenk und Gekreische geht.

Statt fiesem Schweißgeruch wie in einer anständigen Umkleidekabine, sollen von nun an sanfte Parfümdüfte das rustikale Ambiente erfüllen. Und beim Karaoke werden ab sofort alle statt Bushido nachzurappen, Lady Gaga imitieren müssen.

Fußballschaun mit viel Bier und derbem Gegröle? Vorbei! Ab heute sind Nagelstudio, Analbleaching und Epilier-Fachleute gefragt.

Aber um den neuen Schlachtruf kommt keiner mehr herum: „Seid tuntig! Mehr feminine Schwule!“ Das wird ein harter Kampf, den IWWIT sich da vorgenommen hat. Aber Eulen nach Athen tragen, kann schließlich jeder!

Foto: Auch auf den „CSD“s werden solche Bilder immer seltener © David Berger