Lars Wienand und die 283 Gigabyte: Wenn der Datenjäger selbst zum Datenverteiler wird

Hunderttausende E-Mails, persönliche Dokumente und Mitgliederlisten: Ein Hackerangriff auf die AfD sorgt für Aufregung. Während die Partei versucht, den Schaden zu begrenzen, beschäftigt sich auch der t-online-Rechercheur Lars Wienand mit dem gewaltigen Datenbestand. Ein von ihm veröffentlichter Screenshot zeigt allerdings einen gleichzeitig laufenden Upload, der höchst problematisch sein könnte. Auf diesen Vorgang hat der Netzwerkjournalist Frank Steppat aufmerksam gemacht.

Die AfD ist Opfer eines umfangreichen Hackerangriffs geworden. Wie die Bild-Zeitung berichtet, sollen Unbekannte insgesamt 421.179 E-Mails mit einem Datenvolumen von rund 281 Gigabyte erbeutet haben. Betroffen sein sollen unter anderem Nachrichten aus dem Umfeld prominenter AfD-Politiker wie Alice Weidel und Alexander Gauland. Die Partei bestätigte, dass im September ein von ihr genutzter Hosting-Dienstleister angegriffen worden sei. Dabei seien überwiegend ältere E-Mail-Postfächer kopiert worden.

Die Authentizität und der vollständige Umfang des veröffentlichten Materials sind noch nicht abschließend geklärt. Allerdings berichtet Bild bereits über Ausweiskopien, Kontoauszüge, Mitgliedsanträge und Mitgliederlisten aus nordrhein-westfälischen Kreisverbänden. Sollten solche Unterlagen in größerem Umfang verbreitet werden, könnten nicht nur Funktionäre, sondern auch einfache Parteimitglieder und unbeteiligte Dritte betroffen sein. Gerade angesichts politisch motivierter Einschüchterungen und Übergriffe ist die mögliche Veröffentlichung privater Adressen und anderer persönlicher Informationen besonders brisant.

Über den journalistischen Wert des Materials lässt sich bislang wenig Verlässliches sagen. Nach ersten Einschätzungen besteht ein beträchtlicher Teil aus gewöhnlicher Korrespondenz, darunter offenbar zahlreiche unaufgefordert zugesandte Nachrichten. Jeder Journalist kennt jene Absender, die ihre politischen Theorien, Beschwerden und abenteuerlichen Behauptungen wahllos an große Verteiler schicken. Aus dem Eingang einer solchen Nachricht lässt sich selbstverständlich keine politische Position des Empfängers ableiten. Aufschlussreicher dürfte die interne Korrespondenz zwischen Parteifunktionären sein, wobei vor den bereits kursierenden KI-Zusammenfassungen ohne Prüfung der Originalnachrichten zu warnen ist. Die AfD bemüht sich unterdessen um Schadensbegrenzung. Eine interne Mitteilung an die Landesverbände, über die die B.Z. berichtet, spricht von einem begrenzten Angriff auf ältere Postfächer. Die Prüfung des Materials dauert an.

Lars Wienand und sein unfreiwillig aufschlussreicher Screenshot

Man schaut dem investigativen Journalismus ja gerne ehrfürchtig bei der Arbeit zu. Besonders dann, wenn seine Vertreter mit jenem Selbstbewusstsein auftreten, das ihnen erlaubt, die digitalen Spuren anderer Menschen bis ins kleinste Detail zu untersuchen. Lars Wienand, Rechercheur bei t-online, beschäftigt sich intensiv mit der AfD und dem rechten politischen Spektrum. Nun allerdings hat er selbst einen Einblick in seine Recherchewerkstatt gewährt: „283 GB und mein heimisches Internet sind keine Freunde“, schrieb Wienand auf X und bedankte sich für die zahlreichen Hinweise seiner Leser. Dazu veröffentlichte er einen Screenshot seines laufenden Downloads, der erheblich mehr verriet als die Schwierigkeiten seiner heimischen Internetverbindung.

Der Netzwerkjournalist und politische Kommentator Frank Steppat machte auf einen technischen Umstand aufmerksam, der bei oberflächlicher Betrachtung leicht übersehen werden konnte: Wienand benutzte offenbar das Filesharing-Programm qBittorrent. Anders als bei einem gewöhnlichen Download werden bei BitTorrent Daten zwischen den Teilnehmern ausgetauscht. Wer eine Datei herunterlädt, kann gleichzeitig bereits empfangene Teile an andere Nutzer weitergeben. Genau das zeigte Wienands Screenshot. Neben einer Downloadgeschwindigkeit von 2,5 MiB/s war eine Uploadgeschwindigkeit von 2,2 MiB/s zu erkennen. Sein Rechner empfing also nicht nur Daten, sondern verschickte gleichzeitig welche. Welche konkreten Informationen dabei übertragen wurden, lässt sich aus der Anzeige nicht rekonstruieren.

Wenn aus Recherche unkontrollierte Verbreitung werden kann

Sollte es sich bei der heruntergeladenen Datei tatsächlich um den bekannt gewordenen AfD-Datensatz handeln, ist der Vorgang besonders erklärungsbedürftig. Denn nach den bisherigen Medienberichten befinden sich darunter auch personenbezogene Informationen. Gerade Mitgliederlisten gehören zu jenen Dokumenten, deren Verbreitung schwerwiegende Folgen für die Betroffenen haben kann. Nach Angaben aus sozialen Netzwerken sollen zeitweise etwa 150 bis 200 Teilnehmer gleichzeitig mit dem Herunterladen des Archivs beschäftigt gewesen sein. Unabhängig bestätigt ist diese Zahl bislang nicht. Das verwendete BitTorrent-Verfahren verdeutlicht jedoch das grundsätzliche Problem: Ein einmal breit verteilter Datensatz lässt sich kaum wieder vollständig aus dem Internet entfernen.

Investigativer Journalismus darf grundsätzlich auch rechtswidrig beschaffte Informationen entgegennehmen und auswerten. Daraus ergibt sich jedoch keine uneingeschränkte Berechtigung, vertrauliche Daten weiterzugeben. Wer möglicherweise sensible Unterlagen recherchiert, muss deren Schutz berücksichtigen. In sozialen Netzwerken wurde bereits der Vorwurf der Datenhehlerei nach § 202d StGB erhoben. Für eine solche Schlussfolgerung reicht der Screenshot allerdings nicht aus. Das Gesetz enthält ausdrücklich Ausnahmen für rechtmäßige journalistische Tätigkeiten. Auch das Datenschutzrecht kennt besondere Schutzbestimmungen für die Presse. Ob im konkreten Fall geschützte Informationen an Dritte gelangten und ob eine solche Übertragung rechtlich gedeckt wäre, bedarf einer gesonderten Prüfung.

Unabhängig davon bleiben konkrete Fragen an Wienand: Wusste er, dass sein Computer während des Downloads Daten an andere Teilnehmer verschickte? Welche Schutzvorkehrungen hatte er getroffen? Hat er überprüft, ob darunter persönliche Informationen waren, die ihm im Vertrauen Informanten zugeschickt haben? Eine Erklärung des Rechercheurs oder seiner Redaktion wäre angebracht.

Wenn der Rechercheur selbst zum Gegenstand der Recherche wird

Die Ironie dieser Episode liegt in der unfreiwilligen Umkehrung der Rollen. Normalerweise ist Wienand derjenige, der Informationen zusammenträgt, digitale Spuren verfolgt und daraus kritische Veröffentlichungen über andere Menschen entwickelt. Diesmal genügte ein Screenshot aus seiner eigenen Recherche, um Zweifel an seiner Arbeitsweise auszulösen. Frank Steppat hat mit seinem Hinweis genau jene Aufmerksamkeit für technische Details bewiesen, die investigative Journalisten für sich selbst in Anspruch nehmen. Er betrachtete eine öffentlich zugängliche Information genauer und machte auf einen Vorgang aufmerksam, der angesichts der möglicherweise sensiblen Daten einer Erklärung bedarf. Wienand hat nun nach eigenen Informationen die Datenverteilung gestoppt. Auf X lässt er wissen: „Und noch mal vielen Dank für Hinweise und Hilfsangebote. Deshalb habe ich bei knapp 4 Prozent abgebrochen und einen anderen Weg gefunden.“ Professionalität sieht freilich anders aus.

Wer andere regelmäßig öffentlich kritisch durchleuchtet, muss sich gefallen lassen, dass auch seine eigenen Methoden geprüft werden. Das gilt besonders für Journalisten, die ihre Arbeit mit dem Anspruch gesellschaftlicher Verantwortung verbinden. Für Lars Wienand dürfte diese Erfahrung ungewohnt sein. Diesmal stand nicht einer seiner üblichen Recherchegegenstände im Mittelpunkt, sondern die Arbeitsweise des Rechercheurs selbst. Wer anderen mit digitaler Recherche auf die Finger schaut, sollte gelegentlich auch einen Blick auf die Upload-Anzeige des eigenen Computers werfen. Denn manchmal beginnt die aufschlussreichste Recherche mit dem Screenshot, den der Rechercheur selbst veröffentlicht hat.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Philosophie und Theologie des Mittelalters. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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