(David Berger) Unter dem harmlos klingenden Titel „Jugend, Islam und Medienkompetenz“ finanziert das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ ein Berliner Projekt mit fast einer Viertelmillion Euro jährlich. Doch es geht dort keineswegs nur um TikTok, Fake News und den Schutz Jugendlicher vor extremistischen Influencern. Islamische Theologen vermitteln jungen Muslimen Kriterien religiöser Autorität, diskutieren mit ihnen das Verhältnis von Islam, Demokratie und Kalifat und leiten sie zur Produktion eigener islambezogener Inhalte an. Besonders spannend wird dies, wenn man das theologische Umfeld des Trägers betrachtet: Dort wird die Scharia ausdrücklich als weiterhin relevante ethisch-religiöse Ordnung verstanden und eine Wiederbelebung islamischer Gelehrsamkeit für die Gegenwart angestrebt.
Wer derzeit durch Berliner U-Bahnhöfe fährt, kann auf großformatige Plakate stoßen, die zunächst wenig Anlass zu besonderer Aufmerksamkeit geben. „Islamischer Content auf TikTok“ steht dort über einem Angebot kostenloser Online-Seminare für Eltern. Zwischen „Inspiration, Orientierung & problematischen Einflüssen“ soll unterschieden werden; Eltern empfiehlt das Plakat, gegenüber ihren Kindern auf „Vertrauen statt Druck“, „Orientierung statt Angst“ und „Verstehen statt Verurteilen“ zu setzen. Hinter dem Plakat steht das Projekt J.I.M. – „Jugend, Islam und Medienkompetenz“, durchgeführt vom Berliner Kompetenzzentrum für Wertekonsens e. V. und finanziert über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums. Die Größenordnung ist beachtlich: Für 2026 weist die offizielle Förderliste eine Bundeszuwendung von 248.646,49 Euro aus; bereits 2025 waren es 249.756,50 Euro. In zwei Jahren sind damit knapp eine halbe Million Euro Bundesmittel in das Projekt geflossen.
Das wäre kaum berichtenswert, wenn es tatsächlich nur darum ginge, Jugendlichen zu erklären, wie Algorithmen funktionieren oder wie man manipulierte Videos erkennt. J.I.M. hat sich jedoch eine anspruchsvollere Aufgabe gestellt. Das Projekt richtet sich insbesondere an muslimische Jugendliche und junge Erwachsene sowie an Konvertiten, die religiöse Informationen in sozialen Medien konsumieren. Die Antwort auf die dort lauernde Gefahr extremistischer Inhalte besteht nicht nur in allgemeiner Medienkompetenz, sondern ausdrücklich in religiöser Orientierung.
Vom „Sheikh TikTok“ bis zum Kalifat
Wie weit diese reicht, zeigt ein Blick auf die Workshops. Einer trägt den Titel „Was kann Sheikh TikTok?“ und beschäftigt sich mit der Frage, wem Jugendliche in religiösen Angelegenheiten überhaupt Glauben schenken sollen. Sie sollen lernen, die „Authentizität von islamischen Inhalten“ zu beurteilen und zwischen Popularität und tatsächlicher religiöser Kompetenz zu unterscheiden. Religiöse Autorität, so die Botschaft des Projekts, entstehe nicht durch Reichweite, sondern durch fundiertes Wissen, methodische Schulung und die Fähigkeit, religiöse Aussagen in ihren gesellschaftlichen Kontext einzuordnen. Das ist angesichts der Fülle islamischer Prediger im Netz zunächst nachvollziehbar. Dennoch wird hier die Grenze gewöhnlicher Medienpädagogik überschritten, denn die Frage, wer über religiöse Autorität verfügt und welche Interpretation einer Offenbarungsreligion als authentisch gelten darf, ist selbst eine theologische Frage.
Noch deutlicher wird dies bei einem Workshop mit dem Titel „Warum redet jeder über Islam, Demokratie und Kalifat?!“. Jugendliche sollen verschiedene religiöse und politische Narrative kennenlernen, demokratische und autoritäre Systeme vergleichen und unterschiedliche Positionen zum Verhältnis von Islam, Demokratie und Kalifat diskutieren. Das kann sinnvolle Extremismusprävention sein. Es handelt sich aber nicht mehr um eine weltanschaulich neutrale Schulung über soziale Medien, sondern um die Vermittlung einer bestimmten Einordnung von Religion und politischer Ordnung. Deshalb ist von erheblichem Interesse, welches Islamverständnis diejenigen vertreten, denen der Staat diese Aufgabe anvertraut.
Die theologische Welt hinter J.I.M.
Der Träger von J.I.M., das Kompetenzzentrum für Wertekonsens e. V., betreibt auch HIKMA, ein Zentrum, das sich mit islamischer Theologie, Philosophie, Scharia und dem Verhältnis des Islam zur Moderne beschäftigt. Beide Einrichtungen sind personell miteinander verbunden. Der islamische Theologe Samet Balci, der bei J.I.M. mitarbeitet, gehört zur fachlichen Leitung von HIKMA; Abbas Ramadan wiederum arbeitet bei J.I.M. im Bereich Content und veröffentlicht bei HIKMA Beiträge zu Scharia, Säkularisierung, Fundamentalismus und Extremismus.
Diese Texte zeigen, dass hier keineswegs ein Islam vertreten wird, der Religion möglichst weitgehend privatisieren und an die Normen der säkularen Mehrheitsgesellschaft anpassen möchte. Vielmehr soll die klassische islamische Tradition in der Moderne neu zur Geltung gebracht werden, wobei fundamentalistische und literalistische Interpretationen zurückgewiesen werden, ohne den normativen Anspruch der islamischen Offenbarung aufzugeben. Besonders deutlich wird dies in Ramadans Beitrag über die Scharia. Sie wird dort als „umfassendes ethisch-religiöses Lebensmodell“ bezeichnet, das in seiner klassischen Gestalt neben religiösen Ritualen und moralischen Normen auch Familien-, Erb-, Wirtschafts-, Vertrags- und Strafrecht umfasste und das individuelle wie kollektive Leben der Gläubigen strukturiere. Daraus kann man nicht unbedingt ableiten, Ramadan oder HIKMA forderten die Einführung islamischen Rechts in Deutschland. Dafür gibt es keinen Beleg. Im Gegenteil wird die Notwendigkeit einer Kontextualisierung betont und anerkannt, dass religiöses Recht im säkularen Staat nicht als allgemeines staatliches Recht gelten kann. Die Scharia soll jedoch keineswegs für theologisch bedeutungslos erklärt, sondern unter den Bedingungen einer modernen demokratischen Gesellschaft neu interpretiert werden. Ramadan fordert, auch ihren „intrinsischen Wert“ als religiös-ethische Ordnung wahrzunehmen, und bezeichnet sie an anderer Stelle als jene „herrschende Kraft“, die den Islam antreibe und seine Angehörigen in einem gewissen Grade binde.
Das dahinterstehende Programm lässt sich deshalb weder sinnvoll als islamistisch noch einfach als liberal bezeichnen. HIKMA selbst beschreibt sein Vorgehen mit den Begriffen „Wiederbelebung“, „Adaption“ und „Implementierung“: Die islamische Quellentradition soll neu erschlossen, auf die Bedingungen der Gegenwart bezogen und ihre Botschaft schließlich in den modernen Kontext übertragen werden. Das Zentrum beklagt dabei den Verlust religiöser „Deutungshoheit“ und möchte die „intellektuelle und spirituelle Kraft der islamischen Religion“ wieder gesellschaftlich anschlussfähig und ausdrücklich „salonfähig“ machen.
Mit Steuergeld produzierte Gegennarrative
Für das Verständnis von J.I.M. aufschlussreich ist auch Ramadans Unterscheidung zwischen Fundamentalismus und Extremismus. Nicht jeder Muslim, der heilige Texte wörtlich versteht, moderne gesellschaftliche Entwicklungen ablehnt oder ausgesprochen konservativ lebt, gilt danach bereits als Extremist. Die entscheidende Grenze wird dort gezogen, wo aus religiöser Überzeugung ein politischer Herrschaftsanspruch gegen die demokratische Ordnung entsteht. „Die Gefahr geht nicht von der Religion selbst aus“, schreibt Ramadan, „sondern von jenen, die sie missbrauchen, um politische oder gesellschaftliche Machtansprüche durchzusetzen.“
Die Konsequenz ist folgerichtig: Gegen religiösen Extremismus soll nicht weniger, sondern bessere religiöse Bildung helfen. Der Gegenentwurf zum salafistischen TikTok-Prediger ist nicht der religionslose Jugendliche, sondern der theologisch gebildete Muslim, der seine Tradition kennt und zugleich die demokratische Ordnung akzeptiert. J.I.M. bleibt dabei allerdings nicht bei der Analyse fremder Inhalte stehen. Im „TikTok Creator Lab“ sollen Jugendliche selbst aktiv werden, verbreitete Erzählungen und Klischees über den Islam hinterfragen, alternative Sichtweisen entwickeln und daraus eigene Videos produzieren. Das Projekt beschreibt die Arbeitsteilung selbst recht deutlich: Die Jugendlichen verfügen über ihre digitale Erfahrung, J.I.M. über das „Fachwissen“.
Damit stellt sich die entscheidende Frage: Wenn ein vom Bundesfamilienministerium finanziertes Projekt nicht nur islamistische Propaganda analysiert, sondern muslimischen Jugendlichen religiöse Kriterien vermittelt und sie anschließend dabei unterstützt, alternative islambezogene Inhalte zu produzieren, dann finanziert der Staat zumindest mittelbar auch die Verbreitung einer bestimmten Interpretation des Islam.
Wer entscheidet, welcher Islam der „richtige“ ist?
Man sollte dabei präzise bleiben. Unsere bisherige Recherche hat keinen belastbaren Nachweis dafür erbracht, dass das Kompetenzzentrum für Wertekonsens, J.I.M. oder HIKMA einer islamistischen Organisation zuzurechnen wären oder Verbindungen zu salafistischen Gruppen, zur Muslimbruderschaft oder anderen einschlägigen Organisationen unterhielten. Wer daraus eine Geschichte nach dem Muster „Bund finanziert Islamisten“ machen wollte, würde mehr behaupten, als die Quellen hergeben. Der tatsächlich belegbare Vorgang ist subtiler, aber deshalb nicht weniger diskussionswürdig. Der Bund finanziert mit jährlich annähernd 250.000 Euro ein Projekt eines islamisch-theologisch profilierten Trägers, in dessen Rahmen jungen Muslimen vermittelt wird, woran sie religiöse Autorität erkennen können und wie Islam, Demokratie und Kalifat zueinander stehen. Maßgebliche Mitarbeiter im Umfeld desselben Trägers vertreten zugleich ein Islamverständnis, das die Scharia weiterhin als umfassende ethisch-religiöse Ordnung begreift und die klassische islamische Gelehrsamkeit unter modernen Bedingungen wiederbeleben möchte.
Man kann diesen Ansatz durchaus für erfolgversprechender halten als eine Islamismusprävention, die von der religiösen Lebenswelt muslimischer Jugendlicher nichts versteht. Wer einen Jugendlichen davon überzeugen will, dass ein salafistischer Influencer den Koran falsch interpretiert, wird schließlich selbst darüber sprechen müssen, wie der Koran richtig auszulegen ist. Genau darin liegt jedoch das politische Dilemma: Sobald der Staat einen bestimmten religiösen Akteur dafür auswählt und mit erheblichen Mitteln ausstattet, fördert er nicht mehr nur die Abwehr einer politischen Gefahr, sondern begünstigt zwangsläufig eine bestimmte innerislamische Antwort auf die Frage, was authentischer und demokratieverträglicher Islam sein soll.
Angesichts von knapp einer halben Million Euro Bundesförderung in nur zwei Jahren sollte das Familienministerium deshalb erklären, nach welchen fachlichen und theologischen Kriterien der Träger ausgewählt wurde, wer die Inhalte der Workshops kontrolliert und wie dort jene Fragen behandelt werden, an denen sich die Vereinbarkeit traditioneller islamischer Normen mit der freiheitlichen Gesellschaft besonders deutlich entscheidet: Religionswechsel und Apostasie, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Homosexualität, Antisemitismus, das Existenzrecht Israels sowie der Vorrang des Grundgesetzes gegenüber religiösen Normen.
Das Plakat im Berliner U-Bahnhof stellt die sympathische Frage: „Wie bleiben Eltern im Gespräch?“ Nach fast einer halben Million Euro Bundesförderung wäre eine zweite Frage mindestens ebenso angebracht: Wie bleibt eigentlich der Steuerzahler im Gespräch, wenn der Staat beginnt, die Suche nach dem „richtigen“ Islam zu finanzieren?
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