
Politische Wahlergebnisse werden gewöhnlich mit demoskopischen Daten, gesellschaftlichen Verschiebungen und strategischen Entscheidungen erklärt. Der folgende Gastbeitrag wählt einen gänzlich anderen Zugang. Sein Autor (der seit vielen Jahren als Kopekenstudent regelmäßig für PP schreibt) liest das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vor dem Hintergrund der religiösen und politischen Geschichte des Landes und fragt, ob sich geschichtliche Ereignisse – in einer heute ungewohnten, ausdrücklich theologischen Perspektive – auch als „Zeichen“ verstehen lassen. Dabei verbindet er die Reformationsgeschichte Mitteldeutschlands, die Erinnerung an das ottonische Magdeburg und biblische Motive mit dem gegenwärtigen politischen Aufstieg der AfD und ihres Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Das Ergebnis ist keine politikwissenschaftliche Wahlanalyse, sondern ein bewusst spekulativer geschichtstheologischer Deutungsversuch, den wir unseren Lesern als solchen zur Diskussion stellen. (D.B.)
Betrachten wir den Wahlausgang in Sachsen-Anhalt einmal aus einer etwas aus der Mode gekommenen Perspektive: jener der Interpretation von Zeit-Ereignissen als prophetische Zeichen. Was fällt uns zu Sachsen-Anhalt ein? Es ist das Land der Reformation. Eisleben, Wittenberg, die Zurückweisung eines bis zur Unkenntlichkeit entstellten Gottesbildes, mit welchem dem Volk damals die Hölle gepredigt und extreme Finanzlasten abgezwungen wurden… Dann eine Erkenntnis, ein Gedanke, ein Wort, so klar wie eindeutig: der Mensch wird errettet durch Gottes Gnade, nicht durch eigenen Verdienst. Dieses Wort zuerst auf deutsch tausendfach gedruckt, verbreitet… Ein Funke, der ein Feuer wurde, der die halbe Christenheit erfasste und die halbe Welt veränderte – ausgegangen von der Region, die heute Sachsen-Anhalt heißt…
Im Römerbrief, Kapitel 11, Vers 29 heißt es: „Gottes Gaben und Berufungen können ihn nicht gereuen“. Mit anderen Worten: wem Gott eine Berufung gibt, der behält diese. Da Römer 11 von Israel handelt, gilt dieser Vers folglich nicht nur einzelnen Menschen. Nach Mark Twain soll sich Geschichte zwar nicht wiederholen, aber reimen. Zählt man beides zusammen, könnte Sachsen-Anhalt durchaus die Berufung haben, wieder der Funke zu sein, der ein geistiges Feuer auslöst, das – diesmal politische – Irrlehren und üble kulturelle Kulte verzehrt. (Wobei die bisherigen Erfolge der AfD in keiner Weise geschmälert werden sollen!)
600 Jahre vor der Reformation – im 10. Jahrhundert – machte Otto I. Magdeburg, die heutige Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, zu seinem geistlich-politischen Machtzentrum. Diese Periode war so strahlend, dass Magdeburg damals mit Rom und Konstantinopel in einem Atemzug genannt worden sein soll. Otto gilt als der deutsche Kaiser, der das Reich einte und ihm Frieden brachte. Somit mag auch Magdeburg eine „Berufung“ für ganz Deutschland haben.
Trotz dieses Hintergrundes rangierte Sachsen-Anhalt von den 1990 hinzugekommenen Bundesländern stets am Ende der bundesrepublikanischen Aufmerksamkeits-Skala. Brandenburg wurde wegen Berlin, Sachsen aufgrund seiner Bedeutung als Kulturraum (und weil es wegen der Renitenz seines Völkchens als brauner Sumpf verunglimpft wurde), Thüringen wegen Weimar und Höcke und Mecklenburg-Vorpommern als Urlaubsregion vom politisch-medialen Mainstream mehr Beachtung geschenkt, als Sachsen-Anhalt. Dass die Region noch einmal ein Gravitationszentrum werden könnte, weil sie eine Berufung hat, konnte dieser sich nicht einmal in seinen Träumen vorstellen. So wuchs dort in aller Stille etwas heran, das er nun nicht mehr kontrollieren kann. Wenn das nicht die Handschrift Gottes ist – was dann?
Gehen wir weiter. Ulrich Siegmund. Zwei alte deutsche Namen. Ulrich bedeutet „Bewahrer des Erbes“; Siegmund bedeutet „Sieg und Schutz“. Nach der Umkehr zu Gott – also einer kollektiven Rückbesinnung auf den christlichen Rettungsglauben – braucht unser Land nichts dringender, als Bewahrung unseres Erbes, Sieg und Schutz.
Falls so etwas wie nomen est omen tatsächlich existiert – bei Putin und Trump hat es durchaus den Anschein: der eine fand Wege (russisch: puti), die Russland nach den chaotischen 1990ern gehen konnte; der andere trompetet sehr viel und sehr laut herum; Merz wiederum scheint Deutschland auszumerzen zu wollen – dann gäbe auch der Name Ulrich Siegmund Anlass zur Hoffnung. Genauer gesagt: nicht der Mensch selbst (denn Deutschland machte keine guten Erfahrungen damit, seine Hoffnung auf einen Menschen zu setzen), sondern das, was Gott an Deutschland möglicherweise zu tun gedenkt und was er den Deutschen zeichenhaft mitteilt.
Drittens das Momentum – die Beschreibung also, dass etwas unaufhaltsam in Bewegung gekommen ist. Natürlich hat es mit Ulrich Siegmunds charismatischem Auftreten und seiner optimistischen Art zu tun, gegen die sich kein giftig Kräutlein fand. Doch dahinter steht – sollte der AfD-Erfolg unserem Land tatsächlich zum Guten dienen – Gott. Denn es liegt in keines Menschen Macht, ob jemand zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, inwieweit er bewahrt bleibt und ihm Gelingen geschenkt wird. Siegmunds medialer Triumphzug ist weder eine Folge von Zufall noch von Zwangsläufigkeit; dass seine Beiträge geteilt wurden, konnte er selbst nicht steuern. Damit Momentum entsteht müssen zu viele Faktoren komplex zusammen wirken. Menschliche Kontrolle ist somit de facto ausgeschlossen. Die Mainstream-Medien versuchen fortwährend mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln – und diese sind enorm – Momentum zu erzeugen. Trotzdem gelang ihnen nicht, was Siegmund gelang. Siegmund war nur eines: aufrichtig. Und Gott „lässt es den Aufrichtigen gelingen.“ (Sprüche 2,7)
Ein westlicher Politiker, der ein meiner Ansicht nach vergleichbares Momentum lostrat – wenngleich auf einer größeren Ebene – war Barack Obama. Siegmund ist nicht Obama. Zum Glück. Denn Obama verließ die Bühne weniger glanzvoll, als er sie betrat. Möge Gott schenken, dass es bei Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt anders sein wird. Das Land braucht es.
Wie müsste man also das Zeichen Sachsen-Anhalt deuten?
Meines Erachtens so: Gott hat Deutschland nicht aufgegeben. Das Land wird noch einmal eine Reformation zum Guten erleben. Sie nimmt dort unaufhaltsam Fahrt auf, wo keiner sie vermutet hatte. Aber man soll ihn suchen, weil man ihn mehr braucht, als alles andere. Darum auch nicht die absolute Mehrheit für die AfD, die ein Zeichen für Abhängigkeit ist -> dafür, dass der Mensch es aus eigener Kraft allein nicht schafft.
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