Geheimakten im Darknet: Wegners Entwarnung erweist sich als falsch

10

(David Berger) Nach dem massiven Cyberangriff auf die Berliner Verwaltung werden immer neue Details über das Ausmaß des Datenabflusses bekannt. Verteidigungspläne, Informationen über kritische Infrastruktur und Daten von Rüstungsunternehmen sollen im Darknet gelandet sein. Besonders brisant: Die Verwaltung wusste offenbar schon Monate zuvor, dass sie digitale Verschlusssachen nicht ausreichend schützen konnte. Damit gerät auch Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) unter Druck, der zunächst ausdrücklich erklärt hatte, sensible Daten seien nicht abgeflossen.

Der Hackerangriff auf die Berliner Landesverwaltung entwickelt sich zu einem der schwersten IT-Sicherheitsvorfälle der Hauptstadt. Rund 1,44 Millionen erbeutete Dateien mit einem Gesamtvolumen von 5,26 Terabyte sollen inzwischen im Darknet veröffentlicht worden sein. Hinter dem Angriff steht nach bisherigen Erkenntnissen die Ransomware-Gruppe Rhysida. Die Hacker sollen mehrere Tage unbemerkt Zugriff auf Systeme der Senatsverwaltungen für Bauen und Verkehr gehabt haben. Nachdem Berlin eine Lösegeldforderung von 30 Bitcoin – rund zwei Millionen Euro – nicht erfüllte, wurden die Daten zum Download angeboten.

Verteidigungspläne und kritische Infrastruktur betroffen

Wie der „Tagesspiegel“ berichtet, befinden sich darunter Dokumente, die für den Spannungs- und Verteidigungsfall von erheblicher Bedeutung sind. Genannt werden Kraftwerke, Tanklager, Umspannwerke, Notstromanlagen und weitere Einrichtungen der kritischen Infrastruktur. Auch Unterlagen von Bundeswehr und Berliner Innenverwaltung zum „Operationsplan Deutschland“ sollen betroffen sein. Weitere Dokumente beschreiben dem Bericht zufolge mögliche Folgen des Ausfalls bestimmter Anlagen für Bundestag, Polizei, Justizvollzugsanstalten und Krankenhäuser.

Veröffentlicht worden sein soll zudem ein Entwurf des als geheim eingestuften Leitfadens „Zivile Verteidigung im Land Berlin“ aus dem August 2025. Hinzu kommen Unterlagen zur Wasserversorgung sowie Angaben über besonders gefährdete Rüstungsunternehmen. In diesen Dateien sollen sich unter anderem Informationen über Betriebszeiten und Wachschutz sowie Kontaktdaten von Notfallverantwortlichen befinden. Der Datenabfluss betrifft offenbar auch zahlreiche Beschäftigte der Berliner Verwaltung. Unter den erbeuteten Dokumenten befinden sich demnach Personalakten, Gehaltsabrechnungen und Unterlagen zu Disziplinarverfahren. In einzelnen Dateien sollen sogar Passwörter unverschlüsselt gespeichert worden sein.

Verwaltung kannte das Problem offenbar längst

Für den schwarz-roten Senat besonders unangenehm ist ein interner Vermerk aus dem Februar 2026. Darin hielten Mitarbeiter der Bau- und Verkehrsverwaltung unmissverständlich fest: „Kein digitaler Geheimschutz (im strengen Sinne) in der Berliner öffentlichen Verwaltung möglich.“ Die Schwachstelle war damit innerhalb der Verwaltung offenbar bekannt. Trotzdem befanden sich weiterhin Verschlusssachen und hochsensible Unterlagen in den betroffenen digitalen Systemen. Damit stellt sich nicht nur die Frage nach technischen Versäumnissen. Zu klären ist vielmehr, auf welcher politischen und administrativen Ebene entschieden wurde, sensible Dokumente trotz der bekannten Sicherheitsprobleme weiterhin auf diesen Systemen zu speichern.

Für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner wird der Vorgang auch persönlich unangenehm. Noch am 19. August hatte der CDU-Politiker öffentlich erklärt, bei dem Hackerangriff seien keine sensiblen Daten abgeflossen. Diese Entwarnung hat sich inzwischen als falsch erwiesen. Wenn Verteidigungsunterlagen, Informationen über kritische Infrastruktur, Daten zu Rüstungsunternehmen, Personalakten und Zugangsdaten zu den erbeuteten Dateien gehören, lässt sich schwerlich behaupten, es seien keine sensiblen Daten betroffen. Dabei stellt sich zwangsläufig die Frage, auf welcher Informationsgrundlage Wegner seine damalige Entwarnung abgab. Entweder war der Regierende Bürgermeister über das tatsächliche Ausmaß des Angriffs nicht ausreichend informiert – oder er vermittelte der Öffentlichkeit eine Sicherheit, für die es zu diesem Zeitpunkt keine ausreichende Grundlage gab. Beides wäre angesichts der Dimension des Vorfalls problematisch.

Senatskanzlei spricht von „höchst sensiblen“ Unterlagen

Inzwischen räumt selbst die Senatskanzlei ein, dass es sich bei den veröffentlichten Verteidigungsunterlagen um „höchst sensible“ Dokumente handelt. Nach Rücksprache mit Bundesbehörden seien diese allerdings nicht als sicherheitskritisch einzustufen. Damit steht diese Bewertung zumindest sprachlich in deutlichem Kontrast zu Wegners ursprünglicher Aussage, es seien keine sensiblen Daten abgeflossen.

Der Vorgang wirft deshalb zunehmend Fragen nach der politischen Verantwortung auf. Warum wurden geheime und sicherheitsrelevante Unterlagen in Systemen gespeichert, obwohl die eigene Verwaltung bereits festgestellt hatte, dass ein digitaler Geheimschutz dort nicht gewährleistet werden konnte? Seit wann wusste die politische Führung von dieser Einschätzung? Und warum erklärte Wegner anschließend öffentlich, sensible Daten seien nicht abgeflossen?

Der Cyberangriff ist damit längst nicht mehr nur ein technisches Problem der Berliner Verwaltung. Er fügt sich vielmehr in eine inzwischen lange Reihe von Affären, Widersprüchen und Glaubwürdigkeitsproblemen ein, die Kai Wegners Amtszeit begleiten. Wieder steht der Regierende Bürgermeister vor der Frage, warum seine öffentlichen Darstellungen mit den später bekanntwerdenden Tatsachen nicht übereinstimmen. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem politische Verantwortung mehr bedeuten muss als nachträgliche Erklärungen und das Aussitzen der nächsten Affäre. Wegner sollte deshalb die politische Konsequenz ziehen und auch als Regierender Bürgermeister zurücktreten. Dass ein solcher Rücktritt angesichts der Mehrheitsverhältnisse und der bevorstehenden Wahlen zum Berliner Senat inzwischen womöglich nur noch symbolischen Charakter hätte, macht ihn nicht überflüssig. Im Gegenteil: Gerade ein weitgehend symbolischer Rücktritt wäre wenigstens noch das Zeichen, dass politische Verantwortung und persönliche Konsequenzen in Berlin nicht vollständig zu Begriffen aus einer vergangenen Epoche geworden sind.

Lesen Sie dazu auch den PP-Kommentar des Tages:

Berlins Daten-GAU: Erst Bürger durchleuchten, dann ihre Daten verlieren


Entdecke mehr von Philosophia Perennis

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.