
„In Sachsen-Anhalt zeigt sich der desolate Zustand der CDU“, so Alexander Kissler. Im Mittelpunkt steht Ministerpräsident Sven Schulze, dessen Wahlkampf Kissler inzwischen eher für einen „Krampf“ hält. Seine Diagnose: „Sven Schulze, das ist die CDU im Stadium ihrer Abwicklung.“
Anlass ist ein Spaziergang Schulzes mit dem „Politico“-Journalisten Gordon Repinski. Kissler hat sich die 45 Minuten angesehen und drei Stellen herausgegriffen, die für ihn einen Blick hinter die Fassade erlauben. Sie zeigten eine Partei, „die von ihrer Orientierungslosigkeit zusammengehalten wird“. Das beginnt bei den Umfragen. Nach den von Kissler genannten Zahlen steht die AfD bei 42 Prozent, die CDU bei 22 Prozent. „Wo soll da ein Umschwung herkommen?“, fragt Kissler. Schulze setzt offenbar auf die Briefwahl: „Ich schaue gerade, wir haben gerade Riesenanmeldungen für die Briefwahl zum Beispiel. Das ist auch ein Zeichen, dass die Menschen diese Wahl sehr wahrnehmen.“
Kissler wundert sich: „Warum soll das ein Hoffnungsschimmer für die CDU sein?“ Seine Antwort: „Schulze geht offenbar davon aus, dass die Briefwähler der AfD die Suppe versalzen und die absolute Mehrheit verhindern.“ Briefwähler, so Kissler, gelten als „eher regierungsfreundliche, AfD-skeptische Gruppe“. Dass Schulze gerade auf sie verweist, hält er deshalb für bemerkenswert: „Ein Regierungschef setzt auf Briefwähler als natürliche Verbündete.“ Allein Magdeburg rechne mit rund 55.000 Briefwählern bei etwa 180.000 Wahlberechtigten.
„Ich krieg viel Zuspruch von den Menschen“
Schulzes zweite Hoffnung ist die Stimmung, die er selbst im Land wahrnimmt. Der Ministerpräsident sagt: „Ich krieg viel Zuspruch von den Menschen.“ Für Kissler ist das der „billigste aller Versuche, im Wald zu pfeifen“. Denn irgendwo müssten diese Menschen auch in den Umfragen auftauchen. Diejenigen, die Schulze so viel Zuspruch geben, müssten, spottet Kissler, „eine ganz eigene Spezies sein“. Offenbar machten sie „einen Bogen um jede Meinungsumfrage“. Natürlich könne es diese Menschen geben. Nur: „Wenn sie auch nur annähernd einen Querschnitt der Bevölkerung von Sachsen-Anhalt abbilden, dann müssen sie sich in der Minderheit befinden.“ Kisslers Fazit: „Herr Schulze von der CDU setzt auf eine Fata Morgana oder auf den Gott aus der Maschine.“
Noch interessanter wird es, als Repinski Schulze auf die Linkspartei anspricht. Soll sich die CDU nach der Wahl irgendwie in der Staatskanzlei halten, rechnet Kissler vor, müssten die anderen im Landtag vertretenen Parteien zusammen stärker sein als die AfD. Damit könnte die Linkspartei plötzlich gebraucht werden. Doch da gibt es den Unvereinbarkeitsbeschluss der CDU. Schulze sagt dazu: „Natürlich ist das ein Parteibeschluss.“ Repinski hakt nach und will wissen, ob dieser Beschluss überholt sei. Schulzes Antwort: „Das kann ich so nicht bewerten, weil die Thematik hat sich doch verändert. Ich sag mal, man muss sich die Zeiten angucken. Als der Beschluss gefasst war, hat man eine ganz andere Zeit.“
CDU eine Partei im Zustand der vollendeten Orientierungslosigkeit
Kissler lässt ihm das nicht durchgehen: „Einen Parteitagsbeschluss als Produkt vergangener Zeiten darzustellen, heißt ihn für nicht mehr bindend zu erklären.“ Und er wird noch deutlicher: „Schulze bereitet eine wie auch immer geartete Unterstützung der CDU durch die Linkspartei vor.“ Dann stellt Kissler die Frage, die sich daraus zwangsläufig ergibt: „War es aber nicht auch eine ganz andere Zeit, als die Anti-AfD-Brandmauer bekräftigt wurde?“ Damals, Ende 2018, habe die AfD bei 15 Prozent gelegen, die Union bei 30 Prozent. Heute haben sich die Verhältnisse in Sachsen-Anhalt dramatisch verschoben.
Für Kissler passen die drei Szenen zusammen: Ein Ministerpräsident, dessen Partei rund 20 Punkte hinter der AfD liegt, hofft auf die Briefwähler, beruft sich auf persönlichen Zuspruch und erklärt beim Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Linkspartei, man müsse eben berücksichtigen, dass damals „eine ganz andere Zeit“ gewesen sei. Sein Urteil lässt wenig Raum für Missverständnisse: „Im Spätsommer 2026 ist die CDU eine Partei im Zustand der vollendeten Orientierungslosigkeit und Sven Schulze ihr erster Abwickler.“
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