(David Berger) Obgleich er heute in Deutschland fast ganz der Vergessenheit anheim gefallen ist. – In den 40er und 50er Jahren unseres Jahrhunderts galt er einem Mann wie Marshall McLuhan als der „größte lebende französische Denker“. Und die renommierte amerikanische „Encyclopedia of Religion“ bemerkte 1987:

„Er wird als einer der Geistesriesen der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen in die Geschichte eingehen.“

Die Rede ist von dem 1973 verstorbenen französischen Philosophen Jacques Maritain.

Wer sich mit Maritain beschäftigt, dem fallen vor allem die vielen Wandlungen auf, die seine Biographie bestimmen:

Da ist zunächst das Studium der Philosophie an der Sorbonne, das geprägt ist vom Relativismus und Positivismus, dem sich der junge Mann zunächst anschließt. Die Vorlesungen von Henri Bergson am Collège de France, die er zusammen mit seiner Frau Raissa besucht, welche er bei einer sozialistischen Propagandaveranstaltung kennen gelernt hatte, führen jedoch dazu, dass er ein neues Vertrauen in die Wahrheit gewinnt. Letzteres findet seine Erfüllung in der Konversion des Ehepaares Maritain zum Katholizismus im Jahre 1906.

Unter dem Einfluss des Dominikanergelehrten Humbert Clérissac wendet sich Maritain immer mehr vom modernen Denken ab und der mittelalterlichen Philosophie zu. Er entdeckt die denkerische Synthese des Thomas von Aquin als das große Heilmittel der Aporien, in die sich die moderne Philosophie verfangen hat. Kein Werk jener Zeit spiegelt so eindrücklich die Einstellung Maritains wie sein 1929 auch in deutscher Sprache erschienenes Buch „Antimodern“. Es präsentiert den Thomismus als das Denken des Anti-modernismus, nicht weil er besonders konservativ wäre, sondern weil das Denken des Aquinaten „ein universales und zeitüberdauerndes Denken“ ist.

Es geht, wie Maritain gegen seine Kritiker einwendet, nicht um Reaktion um jeden Preis, nicht um eine Rückkehr in das Jahrhundert des heiligen König Ludwig von Frankreich, sondern um die einzige zukunftsweisende Alternative zur modernen Denkweise des Partikularismus mit seinen Folgen auf geistigem und moralischem Gebiet.

Überhaupt hat der Vorwurf an den Thomisten, er sei im Mittelalter hängen geblieben und so wie er könne man nach Kant, Descartes und Heidegger nicht mehr denken, ein äußerst naives Missverständnis zur Grundlage:

Die Verwechslung „zwischen der Kunst eines Philosophen und der eines Schneiders. Ein griechischer Mantel wird heute nicht mehr getragen, das alte Schwert noch viel weniger: Also schließt man: Aristoteles und Thomas dürften heute auch nicht mehr getragen werden.“ Dem ruft der junge Maritain ein entschiedenes „Nein“ entgegen:

„Die philosophische Wahrheit überragt die Zeit, und wenn eine Philosophie wirklichkeitsgemäß ist, so stammt sie weder aus dem Mittelalter noch aus der modernen Zeit, sie ist stets aktuell und letzte Mode.“

Wie viele andere französische Katholiken auch steht Maritain in jenen Jahren mit der „Action francaise“ Charles Maurras in einer „entente cordiale“. Unter dem Eindruck politischer Veränderungen – besonders der päpstlichen Verurteilung der Action francaise im Jahr 1926 und dem Erfolg des Faschismus in Europa, der ihn 1940 dazu zwingt, ins Exil in die USA zu gehen – entwickelt er seine eigene Auffassung von der Relation zwischen Natur und Übernatur, Person und Gnade, Philosophie und Theologie, Kultur und Religion, Staat und Kirche.

Jacques Maritain (c) david berger
Maritains Hauptwerk – es wurde in den 50er Jahren auch ins Deutsche übersetzt (c) Foto: David Berger

Den endgültigen Wendepunkt markiert in diesem Zusammenhang die 1936 erschienene Schrift „Humanisme intégral“ (dt. „Christlicher Humanismus“, 1950). In ihr setzt sich Maritain ganz bewusst von allen Versuchen, eine „theokratische Utopie“, eine mittelalterliche Identität von „imperium“ und „sacerdotium“, zu restaurieren, ab und sucht die Gleichzeitigkeit mit der demokratischen Idee.

Dies wird auch in seiner Schrift „Christianisme et démocratie“ aus dem Jahre 1943 deutlich. Diese wird von den Amerikanern in großen Mengen auf Dünndruckpapier vervielfältigt und mit dem Fallschirm über dem besetzten Teil Frankreichs abgeworfen.

Für seine neuen politischen Ideale ist Maritain sogar bereit, ein Stück weit den klassischen Thomismus aufzugeben. Er entwickelt eine neue Theorie von Natur und Gnade, die gleichsam die Gedanken des spanischen Jesuiten Luis de Molina extremisiert: Natürliches und übernatürliches Endziel des Menschen sind zwei Absoluta, die je eine eigene, eigenständige, autonome Ordnung begründen.

Strikt, ohne jede Konzession, mit allen Konsequenzen und in offensichtlicher Gleichzeitigkeit mit den realen Gegebenheiten sind die übernatürliche von der natürlichen Ordnung, das Erlösungswerk von der Zivilisation, das Christentum von der Kultur zu trennen. Die

„zwei Ebenen sind klar unterschieden, wie die Dinge, die des Kaisers sind und die Dinge, die Gottes sind … So wird die menschliche Geschichte groß … Sie wird groß wie ein Körper, der sich ausdehnt und seiner doppelten Vollendung nähert: im Absoluten hienieden, wo der Mensch Gott ohne Gott ist, und im Absoluten der Höhe, wo er Gott in Gott ist“.

Damit wird es Maritain möglich, über eine ganz bestimmte Interpretation des theologischen Paradigmas von Natur und Gnade, der de facto längst gegebenen „Autonomie des Zeitlichen“ bereitwillig auch auf der theoretischen Ebene zuzustimmen.

Während der damalige Hüter des Heiligen Offiziums, Kardinal Alfredo Ottaviani, 1953 in einer vielbeachteten Rede an der Lateranuniversität diese neuen Theorien strikt verurteilt und in dem katholischen Spanien Francos das katholische Staatsideal verwirklicht sieht, betrachtet Maritain die Abkoppelung des profanen Gemeinwesens von der direkten Einflussnahme der Kirche in der Neuzeit als einen „historischen Gewinn, den ein neues Christentum zu bewahren hätte“.

Das soziale und politische Handeln der Menschen wird auf diesem Wege frei von kirchlicher Bevormundung, wie sie etwa von einer katholischen Partei oder einem katholischen Staat, die in sich grundsätzlich eine „conception hypride“ darstellen, gegeben ist:

„Im Rahmen des streng zeitlichen, sozialen und politischen Handelns kommt die Initiative normalerweise von unten, ich meine von Laien, die auf eigene Gefahr handeln“.

Dies schafft die Voraussetzungen für den Aufbau eines integralen Humanismus, an dem sich Christen wie Nichtchristen, unbehindert von eventuellen Vorgaben durch die geistliche Ebene, in einem weltlichen Staat gleichermaßen beteiligen können.

Für die Christen bedeutet dies,

„dass sie jene unmenschliche Lebensordnung, die vor unseren Augen im Sterben liegt, durch eine neue Lebensordnung der Zivilisation ersetzen, die sich als integraler Humanismus kennzeichnen lässt …, der ein neues, nicht mehr sakrales, sondern säkulares oder profanes Christentum darstellen würde“.

Ein neues profanes Christentum, bei dem – entgegen dem Imperialismus der Rasse, der Klasse oder der Nation, gegen den Totalitarismus der kommunistischen und faschistischen Diktaturen, aber auch gegen jenen des Kapitalismus, der ebenfalls mit seinem Primat des Geldes einen totalitären Zug aufweist – die Rechte der Person beziehungsweise die Verwirklichung der „vollen Freiheit der menschlichen Autonomie“ letztes Ziel sind.

Die neue Heiligkeit des Christen besteht dann nicht mehr so sehr in der missionierenden Verkündigung, „sondern in der Erfüllung eines zeitlichen Werkes, im Dienst an einer zeitlichen Wahrheit, in der Sicherung eines irdischen Lebens“.

Die Kirche hat sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu beschränken und die Autonomie des Weltlichen, des Politischen zu respektieren, hat „überpolitisch“ zu sein.

Nur dort, wo es seine Kompetenzen im Hinblick auf das übernatürliche Absolutum überschreitet, wird die Kirche das natürliche Absolutum in seine Schranken weisen. –

Einen Grundsatz, den man den Hobby-Politikern im Bischofstalar vom Kölner Kardinal Woelki bis zu seinem Münchner Kollegen Marx, ganz dringlich ins Stammbuch schreiben möchte!

Der Einfluss war enorm, den das Denken Maritains auf die Politik im allgemeinen und die politische Aktivität bestimmter christlicher Kreise ausübte: Die Erklärung der Menschenrechte durch die UNO im Jahr 1948 ist stark von Maritain, der die französische Delegation auf der UNESCO-Vollversammlung 1947 leitete, inspiriert. Auch auf die umstrittene Lehre von der Religionsfreiheit, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) in „Dignitatis humanae“ entwickelte, ebenso wie auf das gesamte Denken Papst Pauls VI. hatte Maritain, der von 1946 bis 1948 auch Botschafter Frankreichs am Heiligen Stuhl war, starken Einfluss.

Wie viele andere auch, die vor dem Konzil dessen Reformen noch mit beeinflusst hatten, so wurde auch Maritain nach dem Konzil zu einem harten Kritiker vieler postkonziliarer Entwicklungen. Eigentlich hatte Maritain, nachdem er sich nach dem Tod seiner Frau zu den Kleinen Brüdern des Charles de Foucauld an die Garonne zurückgezogen hatte, nichts mehr schreiben wollen.

Doch dann bewegte den Fünfundachtzigjährigen das Umgehen des todbringenden „modernistischen Fiebers“, wie er es nannte, gegen den der Modernismus zur Zeit Pius X. nicht mehr als ein harmloser Heuschnupfen gewesen sei, dazu, noch einmal zur Feder zu greifen. Für das noch weithin im postkonziliaren Aufbruchstaumel befindliche katholische Frankreich war die Veröffentlichung seines Buches „Der Bauer von der Garonne“ im Jahre 1969 ein Schock.

Der stets zur geistigen Avantgarde der französischen Katholiken gerechnete Maritain ging nun in seinem in zahlreiche anderen Sprachen übersetzten Buch, kämpferisch mit den neumodischen Exegeten, den klerikalen Anhängern Sigmund Freuds, den fortschrittsbesessenen Teilhardianern und Phänomenologen, die die Philosophie des hl. Thomas innerhalb weniger Jahre in die Rumpelkammern der Lehranstalten verbannt haben, hart ins Gericht.

Mit beißenden Worten kritisierte er den Kniefall vor der Welt, die Chronolatrie, der sich nun die meisten Katholiken hingaben.

Doch der Zug, dessen Abfahrt Maritain mitangestoßen hatte, hatte bereits ein Tempo erreicht, so dass ihn auch ein Geistesriese wie er nicht mehr aufhalten konnte.

Wie man auch die vielen Wandlungen Maritains einschätzen wird, welchem Maritain man letztlich seine Sympathie schenkt:

Über allem Wandel, über zahlreichen von Maritain diskutierten Fragen, die heute nicht weniger aktuell sind als damals, begegnet uns eine denkerische Gestalt, ein hervorragender Vertreter der großen Tradition der Philosophia Perennis – auf der Suche nach der ewigen unwandelbaren Wahrheit, deren Wiederentdeckung eine spannende Sache werden könnte.