
(David Berger) Der Absturz der CDU in Schleswig-Holstein ist mehr als ein regionaler Denkzettel für Daniel Günther. Immer mehr Wähler scheinen der Union ihre gebrochenen Wahlversprechen, schamlosen Lügen, den Verlust ihres konservativen Profils und ihre Unterstützung weitreichender Überwachungspläne der EU nicht länger verzeihen zu wollen.
Noch vor wenigen Jahren galt Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther als einer der erfolgreichsten CDU-Landespolitiker Deutschlands. Nun erlebt seine Partei einen dramatischen Einbruch. Eine aktuelle INSA-Umfrage im Auftrag der Bild sieht die CDU nur noch bei 27 Prozent – ein Minus von zwölf Prozentpunkten gegenüber einer vergleichbaren Erhebung Anfang 2025. Zwar bliebe sie damit knapp stärkste Kraft, doch der Absturz ist unübersehbar. AfD und Grüne gewinnen jeweils deutlich hinzu, die AfD läge mit 18 Prozent inzwischen sogar auf Platz zwei vor den Grünen (17 Prozent). Die SPD käme lediglich auf 15 Prozent, Linke, FDP und SSW würden jeweils zwischen sechs und sieben Prozent erreichen. Die Landtagswahl findet im April 2027 statt; Umfragen sind Momentaufnahmen und keine Wahlergebnisse. Dennoch markieren sie einen politischen Trend, den die CDU kaum ignorieren kann.
Für Daniel Günther dürfte das Ergebnis besonders schmerzhaft sein. Bei der Landtagswahl 2022 hatte seine CDU noch 43,4 Prozent erzielt und die absolute Mehrheit nur um einen Sitz verfehlt. Seither präsentierte sich Günther als Vorzeige-Ministerpräsident eines schwarz-grünen Regierungsmodells und als einer der einflussreichsten Vertreter des liberalen Flügels der Union. Nun zeigt sich erstmals deutlich, dass dieses Modell offenbar erhebliche Erosionserscheinungen aufweist.
Gebrochene Wahlversprechen, würdeloses Lügen
Die Zahlen werfen allerdings nicht nur Fragen nach der Landespolitik auf. Sie spiegeln auch eine bundesweite Entwicklung wider, unter der die Union seit Monaten leidet. Immer mehr frühere CDU-Wähler haben den Eindruck, dass zwischen Wahlversprechen und Regierungshandeln eine immer größere Lücke klafft.
Vor der Bundestagswahl wurden weitreichende Kurskorrekturen in der Migrations-, Finanz- und Wirtschaftspolitik angekündigt. Nach der Wahl mussten zahlreiche Wähler jedoch erleben, dass zentrale Versprechen entweder abgeschwächt oder gar nicht umgesetzt wurden. Dieses Auseinanderklaffen zwischen Ankündigung und politischer Praxis hat das Vertrauen vieler Bürger nachhaltig beschädigt.
Hinzu kommt ein zweiter Punkt, der gerade im konservativen Milieu zunehmend für Unverständnis sorgt: die Entwicklung im Bereich der Meinungsfreiheit und der digitalen Überwachung. In den verschiedenen staatlichen Maßnahmen – von der Ausweitung digitaler Kontrollbefugnisse bis hin zu europäischen Vorhaben zur Chatkontrolle – wird eine Tendenz deutlich, die tief in die private Kommunikation eingreifen will. Die geplante EU-Chatkontrolle wird auf scheinheilige Weise von ihren Befürwortern mit dem Kampf gegen Kindesmissbrauch begründet, Gegner warnen hingegen vor einer anlasslosen Überwachung privater Kommunikation und einem erheblichen Eingriff in Grundrechte. Dass ausgerechnet eine Partei, die sich traditionell als Hüterin von Freiheit und Bürgerrechten verstand, solche Entwicklungen zumindest nicht nur nicht entschieden zurückweist, sondern fanatisch vorantreibt, lässt viele frühere Stammwähler entsetzt zurück.
Ehemalige CDU-Wähler wechseln zur AfD
Daniel Günther hat diesen Kurs nicht nur mitgetragen, sondern sich immer wieder als Vertreter einer CDU profiliert, die bewusst Distanz zum konservativen Markenkern sucht. Seine scharfe Abgrenzung gegenüber der AfD, seine Bereitschaft zu Bündnissen mit den Grünen und sein betont liberaler Kurs haben ihm zwar Anerkennung im politischen Establishment eingebracht. Offenbar wächst jedoch zugleich die Zahl der früheren CDU-Anhänger, die sich politisch nicht mehr vertreten fühlen. Und zur AfD wechseln, die in Schleswig-Holstein enorme Zuwächse in der Wählergunst verzeichnen kann.
Die neue Umfrage ist deshalb weit mehr sein als ein kurzfristiger Stimmungseinbruch. Sie ist – wie die anderen derzeitigen Umfragewerte – Ausdruck einer grundlegenden Vertrauenskrise. Viele Bürger scheinen den Eindruck gewonnen zu haben, dass die Union heute fast systematisch etwas anderes tut als das, was sie vor Wahlen verspricht. Und das Lügen und gefälschte Doktorarbeiten dort Partei-Räson geworden sind.
Ob sich dieser Trend bis zur Landtagswahl noch umkehren lässt, ist fraglich. Klar ist jedoch schon jetzt: Der Mythos von Daniel Günther als unantastbarem Wahlsieger ist zerbrochen. Sollte die CDU den Vertrauensverlust nicht aufhalten und einen deutlichen Richtungswechsel zurück zu ihren ursprünglichen, von Merkel weitgehend zerstörten Werten einschlagen, könnte Schleswig-Holstein zum nächsten Beispiel dafür werden, dass auch vermeintlich sichere Hochburgen der Union nicht mehr selbstverständlich sicher sind.
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