(David Berger) Die Berliner CDU hat am Konrad-Adenauer-Haus das größte Plakat der Hauptstadt entrollt. Darauf lächelt Stefan Evers dem Betrachter entgegen und verkündet selbstbewusst: „Ich bin konservativ. Und das ist auch gut so.“ Eine Satire? Eine Kunstinstallation über den Identitätsverlust der Union? Vielleicht eine ironische Hommage an Loriot oder ein verspäteter Aprilscherz?
Doch nein – die CDU meint es tatsächlich ernst. Natürlich kann jeder von sich behaupten, konservativ zu sein. Ich kann mich schließlich auch als olympischen Zehnkämpfer vorstellen. Das macht mich allerdings noch lange nicht zum Goldmedaillengewinner. Stefan Evers nennt sich konservativ – ähnlich wie auf das „Christlich“ in seiner Partei gibt es darauf aber keinen Patentschutz. Die Frage lautet daher: Was versteht die Berliner CDU überhaupt noch unter konservativ?
Ist konservativ heute, jede zweite grüne Forderung mit einem halben Jahr Verzögerung zu übernehmen? Ist konservativ, den kulturpolitischen Zeitgeist höflich zu begleiten, solange er das Tempolimit nicht überschreitet? Ist konservativ, entschlossen aufzutreten – unmittelbar bevor der nächste Kompromiss unterschrieben wird?
Traditionelle Tiefkühlpizza?
Man gewinnt den Eindruck, die CDU benutzt das Wort inzwischen ähnlich wie Lebensmittelhersteller den Begriff „traditionell“. Er klingt gut, verpflichtet aber zu nichts. Früher war Konservatismus eine politische Haltung. Heute scheint er bei der CDU vor allem eine Werbebotschaft zu sein. So wie auf Tiefkühlpizza „nach italienischer Art“ steht oder auf Fertigsoßen „hausgemacht“, obwohl das einzige Haus, das daran beteiligt war, die Fabrikhalle ist.
Man schreibt einfach „konservativ“ drauf – in der Hoffnung, der Wähler möge nicht genauer hinschauen. Das Bemerkenswerte ist dabei weniger die Aussage als ihre Selbstverständlichkeit. Niemand käme auf die Idee, ein riesiges Plakat aufzuhängen mit der Aufschrift: „Ich bin ehrlich.“ Oder: „Ich halte meine Versprechen.“ Denn Eigenschaften, die tatsächlich vorhanden sind, müssen gewöhnlich nicht in 20 Meter hohen Lettern verkündet werden. Das wissen wir von denen, die derzeit den Begriff „UnsereDemokratie“ wie eine Monstranz an Fronleichnam vor sich hertragen.
Besonders reizvoll ist der Ort. Das Banner hängt am Konrad-Adenauer-Haus. Man fragt sich unwillkürlich, was der erste Bundeskanzler wohl gedacht hätte, wenn er unter diesem Plakat hindurchgegangen wäre. Vielleicht hätte er zunächst nach dem Gebäude geschaut, sich vergewissert, dass er tatsächlich vor der CDU-Zentrale steht, und anschließend höflich gefragt: „Verzeihung – welche Partei residiert hier eigentlich heute?“ Denn vieles, was die Union in den vergangenen Jahren vertreten oder mitgetragen hat, hätte Adenauer vermutlich eher bei ihren politischen Gegnern vermutet.
Werbung gegen die Wirklichkeit
Das Beeindruckendste an diesem Banner ist deshalb gar nicht seine Größe. Beeindruckend ist vielmehr die Distanz zwischen Selbstbeschreibung und öffentlicher Wahrnehmung. Während sich große Teile des konservativen Wählerpotenzials längst von der CDU verabschiedet haben, reagiert die Parteiführung nicht etwa mit einer Kurskorrektur, sondern mit einem XXL-Plakat. Offenbar gilt inzwischen der Grundsatz: Wenn die Wirklichkeit nicht überzeugt, muss wenigstens die Werbung größer werden.
Wahr ist: das Banner ist derzeit das größte Plakat Berlins. Vielleicht auch die größte unfreiwillige Satire, die die CDU seit Langem selbst produziert hat.
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