Dänemark entdeckt den Neonazi-Stress

(David Berger) Jahrelang galt in Europa eine einfache Regel: Wer vor Krieg, Bomben und Zerstörung flieht, verdient Mitgefühl. Nun scheint man in Dänemark einen bahnbrechenden wissenschaftlichen Durchbruch erzielt zu haben: Krieg macht nicht nur traumatisiert – Krieg macht offenbar auch rechts.

Wie das dänische Zentrum für Dokumentierung und Bekämpfung von Extremismus (CDE) feststellt, häufen sich die Fälle junger Ukrainer, die verdächtige Symptome zeigen. Kenneth Schmidt Hansen erklärte dazu:

„Seit Frühling erhalten wir viele Anfragen über junge Menschen ukrainischer Abstammung, die als Rechtsextreme bezeichnet werden können. Dabei kann es sich um minderheitenfeindliche Äußerungen, Tätowierungen, Kleidungsstil oder sonstige Elemente von Rechtsextremismus handeln.“

Man muss sich das vorstellen. Drei Jahre lang erzählte man Europa, die Ukraine verteidige nicht nur ihr eigenes Land, sondern zugleich Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und die europäische Zivilisation. Ukrainische Soldaten wurden als Helden gefeiert, ihre Fahnen wehten vor Rathäusern, ihre Nationalhymne erklang auf öffentlichen Plätzen. Im Bundestag wurde eifrig „Slava Ukraini!“ gerufen. Und nun stellt sich heraus: Manche dieser Menschen kommen tatsächlich aus der Ukraine.

Spontane Kreislaufproblemen in westeuropäischen Diversity-Seminaren

Offenbar hat man entdeckt, dass junge Männer, die aus einem Krieg stammen, in dem Patriotismus, nationale Identität, militärische Symbolik und die Verehrung historischer Nationalhelden zum Alltag gehören, gelegentlich Ansichten vertreten, die in einem westeuropäischen Diversity-Seminar zu spontanen Kreislaufproblemen führen können.

Die neue Theorie lautet deshalb sinngemäß: Nicht etwa die ukrainische Gesellschaft, die für von der Leyen das Herz der Werte der EU repräsentiert, könnte gewisse nationalistische, neofaschistische Bandera-Traditionen besitzen. Nein, verantwortlich ist der Stress. Der Krieg. Das Trauma. Und damit am Ende natürlich wieder Putin und der Russe ganz allgemein.

Das eröffnet faszinierende Perspektiven. Vielleicht waren auch die Spartaner nur überarbeitet. Vielleicht litt Arminius unter akutem Waldstress. Und womöglich war sogar Winston Churchill ein Fall für die psychologische Betreuung, weil er ständig von Nation, Freiheit und Vaterland sprach.

Psychiatrie für Rechte?

Der eigentliche Charme der Theorie besteht jedoch darin, dass sie zwei politische Bedürfnisse gleichzeitig befriedigt. Erstens darf niemand zugeben, dass einige der jahrelang gefeierten Flüchtlinge politische Ansichten mitbringen könnten, die vom westeuropäischen Mainstream abweichen. Zweitens kann man weiterhin jede unerwünschte Meinung als eine Art psychologische Störung behandeln. Der Betroffene ist dann nicht rechts. Er ist lediglich belastet. Früher nannte man so etwas politische Überzeugungen. Heute spricht man von Symptomen.

Man darf gespannt sein, wohin die Forschung führt. Vielleicht entdeckt man demnächst, dass konservative Familienwerte durch Vitaminmangel entstehen. Oder dass Kritik an der Masseneinwanderung eine seltene Form von Schlafmangel ist. Bis dahin bleibt die Erkenntnis des Jahres bestehen: Wenn ein Ukrainer rechten Nationalismus zeigt, liegt das nicht an seiner Kultur, seiner Geschichte oder seinen Überzeugungen. Es ist der Stress. Und wenn derselbe Ukrainer gestern noch als Verteidiger europäischer Werte gefeiert wurde, dann ist das selbstverständlich etwas völlig anderes.

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David Berger
David Bergerhttps://philosophia-perennis.com/
David Berger (Jg. 1968) war nach Promotion (Dr. phil.) und Habilitation (Dr. theol.) viele Jahre Professor im Vatikan. 2010 Outing: Es erscheint das zum Bestseller werdende Buch "Der heilige Schein". Anschließend zwei Jahre Chefredakteur eines Gay-Magazins, Rauswurf wegen zu offener Islamkritik. Seit 2016 Blogger (philosophia-perennis) und freier Journalist (u.a. für die Die Zeit, Junge Freiheit, The European).

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