(Rainer Buck) Im kommenden Jahr würde einer der ganz Großen der Weltliteratur 200 Jahre alt: Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Kaum ein Klassiker ist so zeitlos und aktuell wie er, denn seine Themen unterliegen nicht dem Zeitgeist. Sie schmiegen sich nicht eng an vorherrschende polit-ideologische Strömungen. Er ist der große Erforscher der Menschenseele, der unbequeme Fragesteller nach Gott, hochverehrt von Tiefgläubigen und Ungläubigen.

Und – wie im neuen Buch „Dostojewski und die Liebe“ von Klaus Trost eindrucksvoll dargestellt – ein Mensch, der zeitlebens unter dem Einfluss der Frauen stand.

Dostojewski und die Frauen… Eine außergewöhnliche Affinität

Klaus Trost ist mindestens im deutschsprachigen Raum der erste Dostojewskij-Biograph, der sich umfassend und bewusst kritisch dem Verhältnis des russischen Dichters zu den Frauen widmet. Der Autor stammt nicht aus akademischen Kreisen, könnte aber als Betreiber der ebenso informativen wie unterhaltsamen Website dostojewski.eu allen ein Begriff sein, die im Netz schon nach dem russischen Dichter geforscht haben.

Nicht in Ehrfurcht erstarrt

Ein Verdienst von Trost ist es, dass er den Verfasser vieler überlebensgroßer Werke wie „Schuld und Sühne“, „Der Idiot“, „Die Dämonen“ und „Die Brüder Karamasow“ auf normales Menschenmaß zurechtstutzt. Dostojewski, dem wir so große Kunst verdanken, war alles andere als ein Lebenskünstler und der vielleicht größte christliche Autor des 19. Jahrhunderts war kein Familienvater nach dem Ideal der katholischen Morallehre. Nein: Trosts Buch ist trotzdem keine Skandalchronik, sondern erschüttert eher durch Offenlegungen, wie hilflos und ungeschickt Dostojewski bisweilen auf den Pfaden der Liebe wandelt.

Unbeholfene Verehrung und käufliche Liebe

In seiner Ausbildungszeit in Sankt Petersburg ist Dostojewski ein vereinsamter Stubenhocker, ehe er ihm als hoffnungsvollem Jungschriftsteller nach ersten Erfolgen Zutritt in die Salons gewährt wird. Aber er bleibt ein Außenseiter und die frühe Liebe zu einer unglücklich verheirateten Frau gerät zum Fiasko, weil ihm die Reife für eine ernsthafte Beziehung fehlt. So ist anzunehmen, dass Dostojewski erste sexuelle Erfahrungen in Petersburger Freudenhäusern sammelt. Nichtsdestotrotz bewahrt sich Dostojewski als Dichter ein Mitgefühl für die Erniedrigten und Gefallenen. Im wahren Leben schwankt er zwischen eingebildeten Idealen und Getrieben sein.

Aus der Spur geworfen

Weil man Dostojewski zur falschen Zeit am falschen Ort in ungünstiger Gesellschaft aufgreift, wird aus dem hoffnungsvollen Dichter ein verurteilter Revolutionär und ein Todeskandidat. Er wird sogar zu einer Scheinhinrichtung geführt, aber in letzter Sekunde begnadigt.  Es geht nach Sibirien ins Straflager; nach der Zwangsarbeit in schweren Ketten folgen weitere Jahre der Verbannung. Dostojewskis Gesundheit ist zerrüttet, sein Nervenkostüm angefressen. Die Ehe mit einer totkranken Witwe wird zum Fiasko und teilweise zur Demütigung.

Doch in die Heimat zurückgekehrt, kommt er wieder auf die Beine. Als zwar immer finanziell klammer, aber in gewissem Sinne anerkannter Literat, kann er auch wieder das Interesse von Frauen auf sich lenken. Trost stellt auch Episoden mit Frauen dar, die in anderen Biografien kaum erwähnt werden.

Die „Femme Fatale“ und die „Retterin“

Noch zu Lebzeiten seiner ersten Ehefrau hat er eine Affäre mit der jungen Polina Suslowa, die den 20 Jahre Älteren wiederum mit einem Studenten betrügt und seine Eifersucht reizt. Die Beziehung lässt beide Partner gleichermaßen leiden. Dostojewski schwankt zwischen Dominanz und Entsagung. Eine noch jüngere Frau bewahrt Dostojewski, inzwischen Witwer, vor dem finanziellen Ruin: Die erst 20jährige Stenotypistin Anna Snitkina verhilft dem 45jährigen Dichter zur rechtzeitigen Fertigstellung eines zur Abgabe fälligen Skriptes. Aus der gegenseitigen Skepsis wird Zuneigung, und die tatkräftige und im Vergleich zu Dostojewski lebenstüchtige junge Frau wird die Stütze seines Alters und Mutter seiner Kinder. Doch aus dem spielsüchtigen Epileptiker wird deshalb noch lange kein Mustergatte.

Ein Dichter aus Fleisch und Blut

Klaus Trost stellt Dostojewski als Menschen mit Fleisch und Blut dar, hin und her gerissen zwischen patriarchalischen und fast schon feministischen Vorstellungen. Einer, der sich Frauen als Liebender opfern möchte und sie dann doch wieder schamlos ausnutzt. Die Witwe und die älteste Tochter zeichnen im Rückblick idealisierte Bilder von ihm, bei denen man aber gleichwohl das Gefühl hat, dass sie zutiefst ernst gemeint sind und in Rechnung stellen, dass Dostojewski mit schwerem Gepäck durchs Leben ging. „Unter Verzicht auf philologische Rituale, gelingt es dem Autor, eine Forschungslücke zu schließen“, schreibt Prof. Dr. Andreas Guski zu diesem über 400 Seiten starken Werk.

Bewusst verzichtet Trost weitgehend auf Werkverweise, denn es ist klar: Als Dichter hat Dostojewski zwar dem Leben vieles abgelauscht und in seine Romane ist manches Biografische eingeflossen, aber der Schöpfer-Genius hat die Ketten aus Dostojewskis realer Existenz weitgehend abgestreift. Der eine oder andere wird vielleicht sogar den Stoff aus Dostojewskis wahrem Leben spannender finden. Dem Autor Klaus Trost, der mit diesem Buch sein literarisches Debüt feiert, ist diese Faszination anzumerken.

 

 

 

 

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