Jüngst hat Margot Käßmann wissen lassen, dass wir uns damit abzufinden hätten, Weihnachten aufgrund der coronabedingten Kontaktsperren allein zu verbringen. Auch Maria und Josef wären in der Heiligen Nacht einsam gewesen. Frank Steinkron kommentiert

Dass Politiker die Religion für ihre eigenen Interessen instrumentalisieren, ist nicht neu. Vor einigen Jahren reklamierten offizielle türkische Stellen den heiligen Nikolaus von Myra als ihren Landsmann. Es galt, den Tourismus, der infolge des diktatorischen Gebarens von Präsident Erdogan stark eingebrochen war, durch Pilgerreisen wieder anzukurbeln. Dass Nikolaus in Wahrheit Griechisch sprach (Νικόλαος bedeutet „Sieg des Volkes“) und römischer Bürger war (sein Bischofssitz Myra, das heutige Demre, lag in der Teilprovinz Lycia), schien niemanden zu interessieren.

Religion für politische Zwecke missbrauchen

Noch gewöhnungsbedürftiger ist es, wenn Theologen die Religion für politische Zwecke missbrauchen, beispielsweise Pfarrer, die an Weihnachten die Aufnahme illegaler Migrantenströme mit der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten rechtfertigen. Weit mehr als die türkische Tourismusbehörde lassen sie wesentliche Tatsachen außer Acht. Denn erstens machten Maria und Joseph sich nicht wie die meisten Migranten aus wirtschaftlichen Gründen auf den Weg, sondern aufgrund einer realen Bedrohung von Leib und Leben ihres Kindes (immerhin hatte Herodes die Ermordung aller Erstgeborenen in Bethlehem befohlen). Zweitens ließen sie sich nicht illegal in ein fremdes Staatsgebiet einschleusen, sondern siedelten ganz offiziell innerhalb des Imperium Romanum von einer Provinz in eine andere über. Drittens lebten sie in Ägypten nicht von staatlichen Zuwendungen: zum einen, weil es diese nicht gab, zum anderen, weil sie aufgrund der Geschenke, die sie von den drei Weisen erhalten hatte, über ein gewisses Vermögen verfügten. Außerdem dürfte Joseph als Zimmerman Arbeit gefunden haben. Und viertens kehrten sie nach Beendigung ihrer Fluchtursache, also dem Tod des Herodes, wieder in ihre Heimat zurück.

Besonders peinlich wird es jedoch, wenn gesellschaftspolitische Interventionen dieses Niveaus aus dem Mund einer ehemaligen Bischöfin und offiziellen Lutherbeauftragten kommen. Jüngst hat Margot Käßmann wissen lassen, dass wir uns damit abzufinden hätten, Weihnachten aufgrund der coronabedingten Kontaktsperren allein zu verbringen. Auch Maria und Josef wären in der Heiligen Nacht einsam gewesen. Dieses Ereignis sei daher alles andere als ein Fest von Glanz und Gloria. Indes müsse man keine Angst vor der Isolation haben. Schließlich habe der Engel die Menschen dazu aufgerufen, sich nicht zu fürchten.

Glaubt Käßmann wirklich an die Existenz von Engeln?

Zunächst mag man darob erstaunen, dass Frau Käßmann tatsächlich an die Existenz himmlischer Wesen wie Engel glaubt. Doch ergeben sich gerade daraus weitere Fragen: Wie deutet Frau Käßmann das Erscheinen des Engels und seine vollständige Botschaft? Immerhin lesen wir Lukasevangelium: „Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. Da sprach der Engel: ‚Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.’.“

Wenn der Engel von der „Herrlichkeit (lat. = gloria) Gottes“ umstrahlt wird und die himmlischen Heerscharen die „Ehre (gloria)“ des Höchsten preisen, ist Weihnachten dann kein Fest der Glorie und hat es wirklich nichts Glanzvolles? Und wenn der Engel das Neugeborene als den Christus, also den langerersehnten Messias, verkündete, darf man dann nicht annehmen, dass Gott in Bethlehem auch gegenwärtig war – zusammen mit den übrigen Engeln und den Hirten, denen befohlen war, das Kind zu besuchen? Wie also kann man da von einem Alleinsein der Heiligen Familie sprechen?!

Kirchenleute prostituieren sich dem Zeitgeist

In früheren Zeiten bestand das Ideal einer fortschrittlichen Theologie darin, sich von säkularen Denkmustern und politischer Vereinnahmung zu emanzipieren. Dies gelang – man denke an den heiligen Thomas von Aquin und die scholastische Theologie –  durch die großartige Synthese von Spiritualität, Logik und Bildung. Von den Vertretern des heutigen Staatskirchentums ist derlei nicht mehr zu warten.

Statt wie Nikolaus von Myra sein Vermögen wegzugeben, um Frauen vor der Prostitution zu bewahren, leben die heutigen Bischöfe, Pastoren und Universitätstheologen von Steuergeldern und prostituieren sich selbst dem Zeitgeist. Statt vor Herodes zu fliehen, verbünden sie sich mit den Machthabern unserer Tage. Statt Christus zu suchen, um sich vom seinem Glanz erleuchten zu lassen, verkriechen sie sich ins Halbdunkel selbstgefälliger Ignoranz. Statt die Menschwerdung des Logos und das damit verbundene Hereintreten der göttlichen Vernunft in die Welt zu feiern, geben sie sich einer irrationalen Gefühligkeit hin. Eine wahrhaft einsame, wahrhaft trostlose Kirche – gerade an Weihnachten!

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