Das Angebot der türkischen Regierung, Aserbeidschan im Konflikt um die Region bzw. den Staat Berg-Karabach mit Truppen und Waffen zu helfen, erweckt den fatalen Eindruck, als wenn der Armenier-Genozid nach über 100 Jahren fortgesetzt werden sollte. Ein Gastbeitrag von Dr. Udo Hildenbrand

Nach dem Völkermord, den die Türkei in den Jahren 1915/16 am armenischen Volk begangen hat, bietet sie derzeit Aserbaidschan im Konflikt gegen Berg-Karabach militärischen Beistand an, einer Region, die zu über 90 % von Armeniern bewohnt wird und sich 1991 für unabhängig erklärt hat.

Auf das türkische Verhalten trifft m. E. folgender Vergleich eines Internetteilnehmers zu: „Es ist ein bisschen so, als würde Deutschland 80 Jahre nach dem Holocaust ein arabisches Land militärisch unterstützen, das gegen Israel in den Krieg ziehen würde.“ Angesichts der militärischen Auseinandersetzung ist es jedenfalls angezeigt, die Geschichte des Armenier-Genozids durch die Türkei, auch „Armenozid“ genannt, in Erinnerung zu rufen. Es ist eine Geschichte, die bis auf den heutigen Tag heftige Diskussionen auslöst.

Die Leugnung historischer Fakten: Islamische Tradition

In Gesprächen mit Muslimen wird das schuldhaft schwere Versagen von Christen in bestimmten historischen Situationen immer wieder betont und mit drastischen Worten geschildert. Die berühmt-berüchtigten „Kreuzzüge“ werden dabei natürlich nie vergessen. Kommt dann aber die Rede auf die islamischen Gewalttaten und Eroberungskriege mit zig Millionen von Toten, lehnen muslimische Gesprächsteilnehmer gewöhnlich eine Diskussion darüber vehement ab oder bagatellisieren die jahrhundertelangen Kriege und Raubzüge ihrer Vorfahren im Glauben. Dabei lassen sie anklingen: Die abendländische Bewertung islamischer Kriege sei falsch oder ungenau bzw. nicht vorurteilsfrei. Eine weitere Erörterung sei daher sinnlos und kontraproduktiv, andernfalls werde das Gespräch einfach abgebrochen. Diese Taktik findet leider auch bei „wohlmeinenden“ Nichtmuslimen allzu oft Akzeptanz und Zustimmung.

(Foto: In Nizza erinnert ein Gedenkstein an den Armeniergenozid)

Das Abstreiten und Tabuisieren historischer Tatsachen bezieht sich auch auf das Geschehen zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Im Jahr 1915 begann die Türkei die alteingesessenen Armenier unter dem Vorwand einer angeblichen Verschwörung gegen das Osmanische Reich systematisch auszurotten. Zahlreiche andere Christen wie Syrer, Assyrer, Chaldäer und Griechen wurden ebenfalls umgebracht. Schätzungsweise sind etwa 1,5 Millionen Christen durch Massaker, Hinrichtungen, Vertreibung, Todesmärsche, Hunger, Seuchen usw. getötet worden. Über das Eigentum der Vertriebenen bzw. Getöteten haben sich die muslimischen Mitbürger hergemacht. Außerdem sind hunderte Klöster und tausende Kirchen entweiht und zerstört und damit eine der eindrucksvollen christlichen Kulturlandschaften dem Untergang preisgegeben worden.

Der Armenier-Genozid: „Der Holocaust vor dem Holocaust“

Was Türken im Osmanischen Reich ihren christlichen Mitbürgern angetan haben, ist Völkermord: „Der Holocaust vor dem Holocaust“ (Elie Wiesel), die „größte Christenverfolgung der Neuzeit“ (Michael Hesemann). Denn als Völkermord (= Genozid) wird die vollständige bzw. teilweise Vernichtung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe bezeichnet. Dieser Straftatbestand des Völkerstrafrechts verjährt nicht. Mit seinem anhaltenden Verleugnen der Völkermordabsicht wehrt der türkische Staat Wiedergutmachungs- und Restitutionsansprüche der Armenier bis heute ab.

Außerdem ist eine „beinahe beispielslose historische Abwehrschlacht“ zu beobachten. Türkischerseits wird nämlich behauptet, es habe sich um kriegsbedingte Umsiedlungsmaßnahmen gehandelt. Zudem habe es eine armenische Kollaboration mit dem Feind, den Russen, sowie verschiedene Aufstände gegeben. Es seien auch nicht 1,5 Millionen Personen ums Leben gekommen, sondern nur 300.000, und zwar durch Krankheiten und Missstände bei der Versorgung. Die Deportationen seien zwar eine Tragödie gewesen, eine Vernichtungsabsicht habe aber nicht bestanden. Die Opfer werden gleichsam als „Kollateralschaden der Umsiedlungspolitik“ bezeichnet.

Trotz heftigster Ablehnung des Begriffes Völkermord wird in der heutigen offiziellen Türkei im Gegensatz zu früheren Zeiten das Leid der Armenier wenigstens in den Blick genommen und nicht geleugnet. Offensichtlich scheint allmählich auch eine öffentliche Diskussion über diese tragische Geschichte einzusetzen.

Staatliche und kirchliche Dokumente

Der Genozid an den Armeniern ist durch Berichte und Fotomaterial dokumentiert, nämlich durch Augenzeugenberichte und Berichte aus Konsulaten verschiedener Regierungen, durch Dokumente von Missionaren und Verantwortungsträgern mehrerer christlicher Konfessionen. In Berichten aus deutschen Konsulaten ist die Rede von der „Vernichtung oder der Islamisierung eines ganzen Volkes“, auch von der „Erledigung der armenischen Frage durch die Vernichtung der armenischen Rasse“ bzw. von der „Vernichtung der letzten Reste der Armenier“. I

n einer Anweisung der damaligen Pressezensur in Deutschland wird empfohlen: Über die „Armeniergräuel“ bzw. über „die armenische Frage wird am besten geschwiegen“ Es wird festgestellt, dass sich die Akten im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes wie ein Protokoll der Vernichtung lesen“ (Mihran Dabag).

Gescheiterte päpstliche Friedensbemühungen

Papst Benedikt XV. (1914-1922) hatte im September 1915 auf diplomatischem Weg versucht, das Massaker „des schwerbedrängten armenischen Volkes, das an den Rand der Vernichtung gebracht wurde“, zu beenden: „Doch trotz seines guten Willens und seiner unermüdlichen Bemühungen war die vatikanische Diplomatie in der Armenischen Frage bedauerlicherweise gescheitert“ (M. Hesemann).

In Deutschland versuchte der evangelische Pfarrer und Orientalist Dr. Johannes Lepsius in Konstantinopel vergeblich, weiteres Unheil von den Armeniern abzuwenden. Er wird als eine „deutsche Ausnahme“ bezeichnet.

Modell der nationalsozialistischen und kommunistischen „Endlösungen“

Adolf Hitler hatte sich 1939 bei seinen Plänen zur Vernichtung der Juden und anderer ihm missliebiger Volksgruppen auf die „Armenier- Endlösung“ berufen und gefragt: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“ Die „Armenier-Endlösung“ wurde gleichsam zum Modell für die „Endlösungen“, die durch die Nationalsozialisten und Stalinisten/Kommunisten ins Werk gesetzt wurden. „Die Idee, ein ganzes Volk auszurotten, wurde in der Türkei geboren.“ (M. Hesemann).

Die drei Genozide des 20. Jahrhunderts

Armenien hat heute rund 3 Millionen Einwohner. Seit 1700 Jahren ist die christliche Religion ein bedeutender Teil der armenischen Identität. Etwa 90% der Einwohner sind Mitglieder der Armenisch-Apostolischen Kirche. Die mit Rom unierte Armenisch-Katholische Kirche zählt insgesamt etwa 500.000 Gläubige, davon leben in Armenien etwa 325.000.

Papst Johannes Paul II. hat die Tragödie des armenischen Volkes bereits im Jahre 2001 als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet, dem ein zweiter Genozid durch den Nationalsozialismus und ein dritter durch den Stalinismus/Kommunismus gefolgt seien. „Die Türkei tobte.“ Eine türkische Zeitung attestierte dem Papst „senile Demenz“.

Vorwürfe, Proteste und Drohungen der türkischen Regierung

Im Jahre 2011 hat die Französische Nationalversammlung die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern unter Strafe gestellt. Die türkische Regierung reagierte mit einem heftigen Protest gegen den Vorwurf der Völkermordabsicht.

Als Papst Franziskus nach seinem Amtsantritt 2013 das Wort seines Vorgängers vom „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ aufgriff, hieß es aus Ankara: Diese Äußerung sei „absolut inakzeptabel“. In seiner Ansprache beim Empfang im Vatikan am 8. Mai 2014 sagte Papst Franziskus in Anwesenheit des armenisch-orthodoxen Katholikos Karkin II:

„Tatsächlich ist die Zahl der Jünger, deren Blut für Christus während der tragischen Ereignisse des letzten Jahrhunderts vergossen wurde, gewiss größer als die der Märtyrer der ersten Jahrhunderte und in diesem Martyrologium nehmen die Kinder der armenischen Nation einen Ehrenplatz ein. Das Mysterium des Kreuzes, das so kostbar in der Erinnerung ihres Volkes ist und sich ausdrückt in den wundervollen Steinkreuzen, die jeden Winkel ihres Landes schmücken, wurde von so vielen Söhnen und Töchtern ihres Volkes in der direkten Teilhabe am Leidenskelch des Herrn gelebt. Ihr Zeugnis, gleichermaßen tragisch und edel, darf nie vergessen werden.“

Trotz türkischer Interventionen hat sich Papst Franziskus nicht davon abhalten lassen, erneut am 12.4.2015 bei einem Gottesdienst im Petersdom vom Genozid zu sprechen: „Mit seiner Ansprache … hat Franziskus türkischen Protest in Kauf genommen“. Der Gottesdienst fand zur Erinnerung an den Beginn des Genozids an den Armeniern am 24.4.1915 statt. Der Papst zitierte dabei das Apostelwort: „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apostelgeschichte 4,2).

Nach diesen Äußerungen von Papst Franziskus kamen dann auch prompt die „ungehaltenen bis unverschämten Reaktionen“ türkischer Regierungsstellen und regierungsnaher Zeitungen: Der Papst verhalte sich wie ein Papagei. Seine Aussagen seien rassistisch und islamophob, unsachlich und falsch, Unsinn, haltlose Vorwürfe, eine Frechheit, eine Lüge, sie würden Feindschaft und Hass schüren und den Rassismus in Europa stärken. Auch würden sie den „Friedensbotschaften“ seines letzten Türkeibesuches widersprechen.

Zugleich würde er das türkische Volk der Kollektivschuld bezichtigen. Diese Beschimpfungen und Äußerungen der von der Regierung geschürten Empörung verbanden sich sogar mit einer offenen Morddrohung gegen den Papst. Darin wird Bezug genommen zum Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II. im Mai 1981 auf dem Petersplatz durch einen türkischen Attentäter.

Anerkennung des Völkermordes durch UN, Parlamente und Wissenschaftler

Drei Tage nach der Ansprache des Papstes am 12. April 2015 wurde die Türkei auch vom Europaparlament aufgefordert, den Völkermord endlich anzuerkennen, was erneut von Ankara in scharfer Form zurückgewiesen wurde. Den Abgeordneten des Europaparlaments wurden dabei religiöser und kultureller Fanatismus vorgeworfen. Deutsche Wissenschaftler forderten von der Bundesregierung, den Massenmord an den Armeniern deutlich als Völkermord zu benennen, wie es auch 22 nationale Parlamente tun. In einem UN-Dokument wird bereits im Jahre 1985 den Begriff „Armenische Völkermord“ verwendet.

Die Feststellung von Papst Franziskus zum Völkermord an den Armeniern – die seit 301 n. Chr. weltweit erste christliche Nation – ist mithin keine Einzelmeinung des Papstes, sondern eine Form der Solidarisierung mit den Opfern, aber auch ein Bekenntnis zur Gerechtigkeit und zur historischen Wahrheit, wie sie zwischenzeitlich von vielen Historikern, Politikern und Vertretern anderer Kirchen und gesellschaftlicher Gruppen zum Ausdruck gebracht wird.

Der lange Weg der Bundesregierung zur Anerkennung des Begriffes „Völkermord“

Die deutsche Bundesregierung weigerte sich bis ins Jahr 2015 hinein, den Begriff „Völkermord“ für das systematische Vernichten der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich zu verwenden. Offensichtliche Gründe für diese Verweigerung waren: Die Rücksicht auf „die guten Beziehungen zur Türkei“ bzw. auf die Empfindsamkeiten „des Bündnispartners am Bosporus“, vielleicht aber auch die Rücksicht auf die Millionen von möglicherweise sich beleidigt und provoziert fühlenden Türken in Deutschland, unter denen auch potentielle Wähler sind.

Wenige Tage vor der Gedenkfeier anlässlich des Beginns dieses Massenmordes vor 100 Jahren kritisierten dann doch Abgeordnete verschiedener im Bundestag vertretener Parteien diese Haltung. Die Vernichtung der Armenier sollte als das bezeichnet werden, was es ist: Völkermord. Ebenso sollte auch das Verhalten des Deutschen Kaiserreiches, im 1. Weltkrieg Hauptverbündeter des Osmanischen Reiches, angesprochen werden. Es habe nämlich zu den gezielten Vernichtungsmaßnahmen der Türken geschwiegen. „Moralische Ignoranz und Skrupellosigkeit sind Berlin auf jeden Fall vorzuwerfen.“ Die Frage der deutschen Mitschuld an diesem menschlichen, religiösen und kulturellen Verbrechen durch Schweigen und Dulden ist bis heute noch nicht deutlich genug erörtert worden. „Im Fall des Armenozids sind wir Deutschen zwar keine Mittäter, aber Augenzeugen und Mitwisser der ersten Stunde.“

Nach dem „Eiertanz des politischen Berlins um den Begriff ‚Völkermord’“ titelte vor Beginn der Gedenkfeiern am 24.4.2015 eine Tageszeitung: „Merkel nennt Massaker an Armeniern Genozid. Union und SPD sprechen erstmals von ‚Völkermord‘.

Der türkische Außenminister drohte dem Bundespräsidenten, dass das türkische Volk dessen Aussagen nicht verzeihen werde. Ohne Rücksicht auf diplomatische Erwägungen bezeichnen seit dem 24. April 2015 nun endlich alle Fraktionen des Deutschen Bundestages die Massaker am armenischen Volk als Völkermord. Solange aber der türkische Staat dieses Faktum bestreitet, fehlt bei ihm auch eine wesentliche Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Das türkische Tabu zum Völkermord an den Armeniern korrespondiert mit der muslimischen Ablehnung jener Schuld, die sich die Anhänger Mohammeds seit dem Bestehen des Islam durch eine Vielzahl von Eroberungskriegen aufgeladen haben. Bemerkenswert ist im Blick auf die Tragödie der Armenier der seit Jahren feststellbare „unerträgliche Versuch“ der türkischen Regierung, „auf demokratische Staaten und ihre unabhängige Gremien Druck auszuüben“ (M. Hesemann).

Das Angebot der türkischen Regierung, Aserbeidschan im Konflikt um die Region bzw. den Staat Berg-Karabach mit Truppen und Waffen zu helfen, erweckt den fatalen Eindruck, als wenn der Armenier-Genozid nach über 100 Jahren fortgesetzt werden sollte.

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