Igor Levit: Brief an einen Pianisten

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„Dass Bundespräsident Steinmeier Ihnen das Bundesverdienstkreuz verleiht, ist für mich ein bedenkliches Zeichen. Sie haben es durchaus verdient für Ihre Leistung als Pianist und für Ihr Engagement während des Corona-Lockdowns. Aber ich vermute, dass Ihre „Haltung“ gemeint ist, Ihre ganze Person einschließlich Ihrer die AfD betreffenden Äußerungen…“ schreibt eine der PP-Leserinnen, selbst Musikerin, in einem Brief an Igor Levit. Wir dokumentieren hier das Schreiben.

Sehr geehrter Herr Levit,

im Januar bereits hatte ich einen Brief an Sie verfasst, aber davon abgesehen, ihn Ihnen zukommen zu lassen. Jetzt gibt es Gründe, Ihnen tatsächlich zu schreiben.

Zunächst einmal gratuliere ich Ihnen herzlich zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch den Bundespräsidenten, Herrn Steinmeier. Mit Ihren „Hauskonzerten“ haben Sie während des Lockdowns musikliebenden Menschen viel gegeben. Das war eine gute Idee und Aktion.

Vor kurzem habe ich Sie in einer Radiosendung gehört und war sowohl von Ihrem Spiel als auch Ihren musikalischen Erläuterungen angetan. Ich bin selbst Musikerin, kann mich mit einem Pianisten wie Ihnen natürlich nicht vergleichen, verstehe aber einiges von Musik.

Auf Sie aufmerksam geworden bin ich allerdings nicht über die Musik, sondern über eine Bemerkung, die Sie über AfD´ler gemacht haben:  diese hätten „ihr Menschsein verwirkt“.

Und da haben Sie Recht! AfD´ler und überhaupt alle Rechten sind wirklich keine Menschen mehr. Sie sind Ratten, Pack, Gesindel, giftiger Abschaum, Krebsgeschwür, sie sie fühlen nichts, keine Freude, keinen Schmerz, keine Traurigkeit, sie haben keinen Sinn für die Transzendenz der Musik. Die Welt wäre gut, und es wäre endlich vollkommener Friede, wenn es die Rechten nicht gäbe. Sie sind unwertes Leben und gehören…  bekämpft ohne jedes Tabu (Angela Merkel). Also töten wir sie! Das Böse darf man nicht nur, sondern muss es vernichten, das gehört zum Gutsein dazu.

… Das war eine paradoxe Intervention. Man muss das heutzutage dazu sagen.

Ich weiß nicht, ob die Morddrohungen, die Sie anschließend erhielten, mit diesem Satz zu tun haben. Er geht mir nach, und seit ich ihn und vieles tendenziell Ähnliche im Netz gelesen und darüber nachgedacht habe, komme ich immer wieder zu dem Ergebnis, dass es der furchtbarste Satz ist, den ich in meinem Leben gehört habe.

Ein Fall von „Hate speech“? Nein, es ist mehr als Hass, was daraus spricht, es ist ein Vernichtungs-, ein Auslöschungswunsch. Nein, es ist noch mehr als das:  die Anmaßung eines letzten Urteils, das im christlichen Denken allein Gott im Jüngsten Gericht zusteht. Ich weiß nicht, was für einen Glauben Sie haben. Es ist nicht auszuschließen, dass es Menschen gibt, die ihr Menschsein verwirkt haben – aber wer das ist, das zu entscheiden steht mir und Ihnen nicht zu.

Um zu veranschaulichen, was Sie da eigentlich gesagt haben, mache ich jetzt einen grausamen Vergleich. Stellen Sie sich vor, Sie dürften in Ihrem Leben keine Taste mehr anrühren. Sie wissen und spüren, Musik ist Ihr Leben, Sie haben eine Gabe und müssen sie totstellen für immer, sie wird Ihnen untersagt, nicht, weil sie sie nicht haben, sondern weil Sie ihrer nicht wert sind – und doch ist sie da, lebendig begraben… das ist nicht annähernd so schlimm wie das, was Sie gesagt haben, denn Mensch sein ist mehr als Pianist sein…

Seit dieser furchtbaren Äußerung machen Sie unverdrossen weiter mit Bemerkungen, die für Sie zum Bumerang werden können. „Kein Tasteninstrument hat Entwürdigung verdient“ – mir tut es persönlich weh, dass ein Musiker (nach meinem Vorurteil ein sensibler und flexibler Mensch) so denken und sich äußern kann wie Sie; „Roland Tichy ist ein sehr schlechter Mensch“ – dieser grobe Satz hat etwas Lächerliches.

Ich habe die echte Toleranz aufgebracht, Ihnen im Radio zuzuhören und Sie differenziert zu sehen. Aber Sie pauschalisieren. Nicht jedes AfD-Mitglied ist ein Nazi (manche schon), aber es sind Individuen, nicht wenige mit Zugang zu persönlicher Leiderfahrung (Leyla Bilge zum Beispiel oder die Ehefrau eines Mitglieds, eine kurdische Jesidin); es gibt „Juden in der AfD“, die AfD ist israelfreundlich, lehnt die Hamas, die Hisbollah, den Al-Quds-Tag ab.

Der Bundespräsident, der Ihnen das Bundesverdienstkreuz verleiht, gratuliert dem iranischen Regime zur Revolution, einem Regime, das Israel so hasst, dass es dieses Land, dieses Volk  auslöschen will.

Dass Bundespräsident Steinmeier Ihnen das Bundesverdienstkreuz verleiht, ist für mich ein bedenkliches Zeichen. Sie haben es durchaus verdient für Ihre Leistung als Pianist und für Ihr Engagement während des Corona-Lockdowns. Aber ich vermute, dass Ihre „Haltung“ gemeint ist, Ihre ganze Person einschließlich Ihrer die AfD betreffenden Äußerungen. Damit begünstigt der Bundespräsident die Tendenz der Entmenschlichung bestimmter Menschengruppen, wie wir es aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen, und damit die Entwicklung in Richtung Totalitarismus in Deutschland.

Sie bewegen sich ganz und gar im Mainstream und fühlen sich sicher und geschützt. Was, wenn die Zeiten sich ändern? Was wissen Sie über „Black lives matter“? Wie sicher ist Beethoven – solange er als „black“ gilt, ist er anerkannt, sobald er aber „alter weißer Mann“ ist, sind alle seine Werke – und nicht nur die Beethovens – der Zerstörung anheimgegeben.

Ich selbst empfinde Angst, Schmerz, Trauer und Verzweiflung bei den Aussichten für die Menschen und die Kultur des alten Europa.

Auf diese Email erwarte ich keine Antwort, wünsche Ihnen aber, dass Sie im Laufe Ihres hoffentlich noch langen Lebens zum Nachdenken kommen. Ich bin ungefähr doppelt so alt wie Sie. Dass ich die Email abschicke, fordert mich heraus. Aber Ihre Äußerung macht mir zu schaffen, seit ich sie kenne, und weiß, dass ich nicht eher Ruhe finde, als bis ich Ihnen geschrieben habe – ganz im Sinne des Brecht-Satzes, den Sie sich als Motto zu eigen gemacht haben: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht“.  Man muss Sie auf ein Unrecht aufmerksam machen, das Sie – und nicht nur Sie, sondern der ganze Mainstream – im Begriff sind, sich anzugewöhnen. Und nach der Radiosendung mit Ihnen habe ich nicht den Eindruck, dass Sie ein Mensch sind, mit dem sich nicht reden lässt.

Mit freundlichen Grüßen, *

(Name und Anschrift der Autorin sind PP bekannt).

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