Ach, es hätte so schön sein können! Jedenfalls war´s ein schöner Traum: Das deutsche Volk in Massen auf den Straßen, protestierend, fordernd, „Merkel muß weg!“ usw. Eine „Massenbewegung“, hieß es von dort. Daß der Bewegung die Massen fehlten, wußten mit der Materie Vertraute schon längst. In 3-4 Wochen stampft man keine neue Partei mit „100.000 Mitgliedern“ aus dem Boden! Ein Gastbeitrag von Peter Helmes.

Mal ganz sachlich: Wenn man sich vorstellen soll, wie z.B. die „100.000“ Mitgliedsanträge behandelt werden müßten, ist schnell klar, daß hier der gesunde Menschenverstand einen Ausraster hatte. 100.000 Aufnahmeanträge „verifizieren“ – also prüfen, Identitäten nachforschen, evtl. Antragsteller befragen, Stichworte: „U-Boot“, „Rechts- oder Linksradikale“, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer anderen Partei, Bankeinzugsverfahren regeln usw. usf. Arbeit noch und nöcher!

Hat jemand eine Ahnung, wielange ein solcher Aufnahmeprozeß normalerweise dauert? Zumindest muß ein satzungsgemäßes Gremium einberufen werden – meist ist das der Kreisvorstand einer Partei –, das über jeden einzelnen(!) Antrag zu entscheiden hat. Hä, hat da jemand eine Vorstellung, wieviele Monate das Gremium tagen müßte, um alle Anträge ordnungsgemäß zu bearbeiten und(!) zu bescheiden?

Kein Programm und viel Tamtam

Nä, Leute, ich hör jetzt auf, die Scharlatanerie war für mich von Anfang an greifbar. Noch einmal zum langsamen Mitschreiben: „Einhunderttausend“! Und, Verzeihung: Wieviele „Begeisterte“ glaubten den Unfug sofort, liefen auf die Straße und riefen: „Eine neue große Bewegung!“ Oder: „Deutschland im Widerstand!“ Und eine stets auf Effektheischerei getrimmte „geneigte“ Journaille schrieb sich die Finger wund. Sensation ist Umsatz, ist Auflage, ist Geld, ist Einkommen, ist PR.

Und so formierte sich im Netz und auf der Straße nicht nur der mentale Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen der Politik, sondern auch eine – vorgebliche – „Massenbewegung“. Das war das Gründungsklima für „Widerstand 2020“, eine „Organisation“, die es gar nicht gab, (noch) nicht geben konnte, die (noch) kein Programm hatte, (noch) keine rechtlich haltbare Satzung, (noch) keine Mitglieder, (noch) keine Struktur – also (rechtlich) NICHTS! Ein bißchen viel „Noch nicht!“

Doch flugs behaupteten sie auf ihrer mit heißer Nadel gestrickten Webseite – die dementsprechend schnell versagte –, eine „Partei“ mit mehr als 100.000 Mitgliedern zu sein. Das wären mehr Mitglieder als jeweils die FDP, die AfD oder die Linke haben. Und eine „Partei“ im rechtlichen Sinn war der „Widerstand“ nie, weil fast alle im Parteiengesetz geforderten Voraussetzungen fehlten (siehe „Einschub“).

Die „Gründerin“ war die 36-jährige Victoria Hamm, die in der Nähe von Hannover wohnt. Sie habe sich angesichts der Corona-Maßnahmen machtlos gefühlt und „Widerstand leisten wollen“, verkündete die bis dahin Unbekannte. Davor sei sie politisch nicht aktiv gewesen.

Eine Schwindel-Ambulanz und -bilanz

Der Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig stieß auf sie und die beiden schlossen sich zusammen. Auf der Suche nach einem „prominenten Unterstützer“ fand sich ein HNO-Arzt, Dr. Bodo Schiffmann. Der betreibt eine „Sinsheimer Schwindelambulanz“ (nomen est omen) in eben jenem Sinsheim und wurde mit einem YouTube-Video zum Coronavirus bekannt, in dem er behauptet, das Virus sei ungefährlich bzw. genau so gefährlich wie ein Grippe-Erreger. Schiffmann verbreitet schon länger kritische Inhalte zu Gesundheits-Themen in der Corona-Pandemie.

Eine seiner „pfiffigen“ Ideen war es, Mandatsträger in Bund, Ländern und Kommunen zum Übertritt in seine „Partei“ aufzurufen. Wäre ihm das auch nur mit einer einzigen Person gelungen, säße der „Widerstand 2020“ in einem Parlament. So was nennt man nicht nur unsauber, sondern Mandatserschleichung.

Und wo wir schon bei „Vertrauen“ sind: Warum soll ich einer Bewegung vertrauen, die nicht deutsche Interessen im Kopf (und im Programm) hat, sondern sich internationalistisch(?) gibt. Mein langjähriger Leser Ulfried schrieb mir sehr deutlich:

„In einem seiner Statements sagte Schiffmann, er sei kein Nationalist. Okay! Damit hat er sich von mir schon mal verabschiedet. Denn ich bin bekennender Nationalist, Deutschland ist mein Haus, meine Heimat, dafür hab ich mein Leben lang geschuftet und Steuern gezahlt. Wenn der glaubt – und das auch noch sagt –, dass er „ganz Afrika in Baden-Württemberg aufnehmen“ kann, geht mir der Vogel am verlängerten Rücken vorbei. Solche Deppen hatten wir als Piraten Partei und leider immer noch als links-grün.“

Bedenklich schien mir auch das Demokratieverständnis des „Widerstands 2020“ zu sein, das teils offen, teils „zwischen den Zeilen zum Vorschein kommt. Auf der offiziellen Website klingt das so:

Es gebe keine Partei, die „echte Demokratie“ und „Menschlichkeit“ anstrebe

Das „System“ müsse geändert werden. Das „System“ sei falsch; macht- und geldverliebte Eliten regierten uns, alle möglichen Bedrohungen würden auf die Bürger losgelassen, Demokratie und Rechtsstaat seien nur Hohlformeln. Nur man selbst vertrete die Interessen „des Volkes“ und würde diese kennen. So heißt es bei „Widerstand 2020“: „Politiker fernab von der normalen Bevölkerung hatten wir genug. Wir brauchen wieder Menschen, die so sind wie du und ich. Bodenständig und nahbar, nicht über- sondern gleichgestellt.“

Welche Probleme mit welchen Mitteln gelöst werden sollen, ist völlig unklar, wird im Gegenteil überhaupt nicht angesprochen. An die Stelle von tatsächlichen politischen Positionen treten lediglich Slogans aus dem Werbejargon: Man sei „innovativ“ und „modern“.

Machen wir es kurz: Das Übel stinkt von Kopf bis Fuß. Da hilft auch kein HNO-Arzt.

Die Gründerin Hamm schmiß bereits nach wenigen Wochen, der Gründer Schiffmann warf jetzt entnervt das Handtuch. Sie gaben den Widerstand auf. Ende des Schreckens – der keiner war und nicht einmal eine Fußnote wert sein sollte.

Blamiert sind nicht nur die Aktivisten und die Mitläufer, die sich bereits im neuen, Merkel-befreiten Deutschland wähnten – besonders blamiert sind auch die eifrigen Posaunenbläser im Medien-Orchester.

Was bleibt? Ein zerrüttetes Vertrauensverhältnis zwischen Politik und Gesellschaft

Die Corona-Beschränkungen waren gewiß der Anlaß für die Anti-Corona-Proteste. Sie zeigten aber vor allem ein Vertrauensproblem zwischen Teilen der Gesellschaft und der Politik. Das Vertrauensverhältnis zwischen diesen Teilen und der Regierung beziehungsweise der Politik im Allgemeinen ist massiv zerrüttet. Da ist „Corona“ eher eine Art Ventil – statt der Auslöser dafür.

Man glaubt den Versprechungen der Politiker nicht mehr und geht auf die Straße. Da warten Wölfe und Scharlatane, Heilsprediger, Gesundbeter, Verführer und meinethalben auch Verschwörungstheoretiker, denen man glaubt, weil man sonst nichts mehr glauben kann.

Klar, daß bei dem Begriff Verschwörungstheoretiker viele reflexartig an Rechtspopulisten denken. Aber so ganz klar ist die Sache auch nicht. Natürlich gibt´s die auch bei den Linken. Auf beiden Seiten hängt das auch damit zusammen, daß die Wahrnehmung von Corona durch die Demonstrierenden höchst unterschiedlich aussieht. Wir haben es mit Leuten zu tun, die Corona anerkennen, aber sagen, die Maßnahmen der Bundesregierung seien völlig überzogen. Wir haben es aber auch mit Leuten zu tun, die glauben, daß Corona mehr oder weniger eine Erfindung ist oder alles nicht so schlimm.

Und man übersieht, daß von linker Seite insbesondere durch die Medien der Haß gegen rechts geschürt und am Kochen gehalten wird.

Deutlich geworden ist auch der Unterschied zwischen Kritik an der Sache – das gilt zum Beispiel für die berechtigten Sorgen von Gastronomen – und Verachtung für Verantwortungs- und Entscheidungsträger. Wohin also soll man sich mit seiner Kritik wenden – vor allem, wenn man sich zudem auch noch von den Medien mißbraucht oder zumindest mißverstanden fühlt.

Das ist eine von Merkels ganz besonderen Leistungen: Der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhalten soll, ist bröckelig geworden. „Der brave Mann“, „die brave Frau“ fühlen sich verraten und verkauft.

Der Beitrag erschien in erweiterter Form zuerst bei CONSERVO

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