Die Ereignisse überschlagen sich. Notre Dame und München sind die letzten Stichworte, von Sri Lanka „ganz zu schweigen“. Medien und Politik stellen diese Untaten in soziale, psychische oder technische Zusammenhänge. Mögliche Verbindungen zu einem Gewaltpotential des Islam kommen kaum in den Blick, auch nicht an den Universitäten. Ein Gastbeitrag von Lothar Mack

Man sucht dort das gute Miteinander der Religionen, zwischen Islam und Christentum. Im besseren Falle gelangt man zu einem gewissen Grad an Aussöhnung durch Kenntnisnahme und Verständnis. Dieses Vorgehen bringt eine große Bedacht- und Behutsamkeit ins Mit­einander – welcher die eben angedeuteten Ereignisse und die ihnen zugrundeliegende aggressive Geisteshaltung diametral zuwiderlaufen.

Die Gefahr ist groß, dass wir dann beides relativ unverbunden neben­einander hergehen zu lassen. Warum Gefahr? Weil wir uns in so einer akzeptierten Zweiteilung vorsätzlich auf nur einen Teil der Wirklichkeit beschränken würden, den angenehmeren. Emmanuel Mounier schrieb 1943/44 in ähnlichem Zusammenhang sogar von einem drohenden „Ausweichen ins Lieblich-Niedliche“, und das sei „unendlich viel leichter als die tätige Verwirklichung in einer Menschennatur, in ei­ner Umwelt, in einer Zeit, die sich den vielförmigen Phantasien des frommen Traumes nicht ohne weiteres fügen“ (Der Christ stellt sich, Seite 104).

Ungutes Ausweichen

Wie andernorts, soll es auch in Paris gescheite moslemische Theologen geben, die einen liberaleren Kurs verfolgen. Man könnte sie sicher des näheren re­cherchieren und schauen, was genau sie lehren. Aber etwas in mir sträubt sich dagegen. Ähnliches gilt für das Beispiel Ahmad Mansour in Deutschland – der wegen seiner kritischen Äußerungen über den Islam bekanntlich unter Polizeischutz steht.

Auch von ihm sagt man: „Solche Leute gibt ja doch auch!“ In eben dieser Re­deweise liegt mein Zögern begründet. Ja, es gibt sie auch, und sie mögen tatsäch­lich erste Antworten auf bedrängende Fragen der Gegenwart vor-weisen; im allerbesten Fall er­reichen ihre gemäßigten Lehren in der übernächsten Generation sogar eine gewisse Breite. Aber bis dahin soll­ten sie uns vielmehr anspornen zu eigener Tapferkeit; viel mehr, als dass sie uns entla­sten und von den Fragen der Gegenwart ablenken. Und diese Fragen verorte ich unter anderem in der Gewalt, mit der das um sich greift, was in zunehmendem Maße als das normale Gesicht des Islam erscheint: eine Unduldsam­keit, die sich steigert bis zum todbringenden Hass. Und die sich dabei auf „heilige“ Überlieferungen beruft. – Wie begegnet man in der akademischen Diskussion dieser Haltung?

Wie Medien und Politik ihr begegnen, das wird immer offensichtlicher: mit Beschwichtigung. Das Feuer in Notre Dame war noch nicht gelöscht, da wusste man schon, dass die Restaurierung und die Schweißgeräte oder ein Kurzschluss es ausgelöst haben müssen; so gut wie sicher sei es kein Anschlag gewesen. Und wenn „der Narrativ“ einmal steht, werden Gegenargumente vermeint­lichen Verschwörungstheorien zugeschlagen.

Nach und nach dringen aber doch andere Meldun­gen durch: dass die Arbeiten im Dachstuhl noch gar nicht begon­nen hatten, dass es mit 800jährigem Eichenholz so eine Sache sei, dass sich das Feuer entgegen der Windrichtung ausgebreitet hat, dass es an einer anderen Stelle als bei den geplanten Restau­rierungen ausgebrochen war, dass da oben auf dem Dach sich mindestens eine Person aufgehal­ten hatte,  etc.

Die nachträgliche Meldung, dass einzelne Arbeiter geraucht hätten, wirkt geradezu als eine Absolution für die nichtvorhandenen Brandstifter, mindestens aber als ein Alibi für die Hüft­schuss-Diagnostiker. Und eine Woche nach Notre Dame, am 21. April, brannte – von Journalisten nahezu unbemerkt – die Kirche Notre Grace von Eyguières in der Provence nieder.

Die Problematik des Metafaktischen

Aber es geht wohl nicht in erster Linie um die Fakten selber, sondern um etwas Metafaktisches, nämlich um die Frage,

  • ob wir die ungeschminkte Wirklichkeit als eine Grundlage für die Reflexion gelten lassen und
  • was das heißt, wenn jedenfalls Medien und Politik dies nicht machen, und
  • ob wir nicht einen besseren Weg kennen und wagen.

Die „gewaltsame Störung“ des Oster-Gottesdienstes in München war offenbar ein knapp verhinderter Ter­roranschlag von insgesamt drei Moslems – warum wird das kleingeredet? Zu den fünf Kirchen­schändungen in Bamberg vor einem Jahr schreibt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage­schrift (!), man müsse von einer „krankhaften psychotischen Störung“ des Täters ausgehen. Aha …! Bei dem Mann, der am 18. April zwei Benzinkanister in die St.-Patrick’s-Cathedrale in New York schleppen wollte, werde nun ebenfalls geprüft, ob er „psychisch gestört sein könnte“.

Tritt das – horribile dictu – unter (bestimmten) Moslems häufiger auf als bei anderen Menschen?

Der Brand von Notre Dame reiht sich ein in eine unglaubliche Serie von Kirchenschändungen in ganz Frankreich, über 1000 dokumentierte für das vergangene Jahr, 3 pro Tag. In den letzten Wochen des Jahres 2016 wurden allein in Nordrhein-Westfalen über 50 Christusstatuen geköpft. Die deutsche Bischofskonferenz schweigt auch auf Nachfrage zu diesen Vorgängen, und zwar ebenso beredt wie ihre Kollegen in Frankreich. Es sei „die Absicht, die dahintersteckt, die sehr schockierend ist“, wird Ende März ein Pfarrer Pic zitiert. Er gehört zur Pfarrei Notre-Dame. – Was bedeutet dies für die Universität?

Samtfreier Dialog

Es bedeutet, wir müssen dort die Dinge beim Namen nennen und von der Wurzel her darlegen, sie bloßle­gen. Jeder Dialog muss auf Augenhöhe stattfinden; eine falsche gegenseitige Scho­nung verhindert ihn. Üblicherweise wird ein nicht-samtener Dialog entweder gar nicht oder nur abgeschwächt geführt, und zwar, wie ich meine, aus drei Gründen:

1. aus einem herablassenden Paternalismus, der meint, dieses und jenes seinem Gegenüber (noch) nicht zumuten zu können;

2. aus angstvollem Beschwichtigen, durch das man hofft, dass sich das Problem durchs Aussitzen und -schwitzen von selber erledigt, man also Ruhe mit Frieden verwechselt,

3. wegen einer verwirrten Hermeneutik, mit der man „einem anderen Verständnis von Religion, Tradition“, etc. meint entgegenkommen zu müssen.

Ich halte inzwischen das eine für ebenso tödlich wie das andere. – Eine zu harte Rede? „Realismus als Extremismus“ nennt das Emmanuel Mounier (S. 103), und „das eben können die Realisten des Kompromisses nicht zugeben“.

Aufschlussreich ist hier wiederum diese Filmreportage über den Brand von Notre Dame, besonders die 8.-10. Minute. Gegen alle Evidenz und lange vor einer seriösen Abklärung eine Brandstiftung auszuschließen, das bezeichnet der Sprecher als eine „capitulation by waving the white flag that everything will be ok“ – also pure Angst. Der Preis: „Calling this an accident is just inviting more accidents like this.“

Auf eben dieser Linie liegt mir auch das eilfertige Psychologisieren von Messerstechern, Bomben­legern und anderen Kreaturen – also Rückzug als Tugend, um einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Entsprechend groß ist die Versuchung, auf akademischem Niveau ins nur achtungsvolle Kennenlernen und historisierende Nachzeichnen auszuweichen.

Ich will derartige Bemühungen nicht klein­reden; sie kön­nen längerfristig einen gu­ten Boden bereiten. Die Grenze aber wäre erreicht, wenn nicht über­schritten, wenn auf diese Weise das Wahrhafte mit dem Statthaften kompensiert würde.

Denn dann würden wir landen bei der von Mounier karikierten „Einschränkung des Daseins auf ein Schauspiel, das man gibt oder erlebt“ (a.a.O., S. 95). Gewissen-hafte Reflexion aber ist doch ein Zu-Denken, ein Hin- und Für-Denken im Dienste der nächsten Generation. Also muss sie die Gegenwart, die ganze Gegenwart und besonders die die Zukunft gefährdenden Aspekte der Ge­genwart, mindestens einbeziehen. – „Gewiss, wir brauchen Historie, aber wir brauchen sie anders als sie der verwöhnte Müßiggänger im Garten des Wissens braucht, mag derselbe auch vornehm auf unsere derben und anmutlosen Bedürfnisse und Nöte herabsehen. Das heißt, wir brauchen sie zum Leben und zur Tat, nicht … zur Beschönigung des selbstsüchtigen Lebens und der feigen und schlechten Tat.“ – Friedrich Nietzsche im Vorwort zu der Schrift „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“.

Flammenschriften

Wie brüchig das, was man als Religionsfrieden wahrnehmen möchte, tatsächlich ist, das hatte im Jahr 2006 die Rede von Papst Benedikt in Regensburg deutlich gezeigt. Ein einziges islamkritisches Mittelalter-Zitat (von dem er sich innerhalb seiner Rede sogar selber distanzierte!) hatte ausgereicht, um in der halben Welt eine Flammenschrift an Wänden und Gebäuden zu ent­zünden. Und die lodert in unseren Tagen erneut auf. Schauen wir zu, wie sie unsere Grundlagen einäschert, unfähig zu beidem: sie zu lesen und sie löschen?

„Die Suche nach Wahrheit und Erkenntnis lebt vom leidenschaftlichen, heftigen und kontroversen Ringen um Thesen, Fakten, Argumente und Bewei­se“, stellte der Präsident des Deutschen Hochschul­verbandes, Professor Bernhard Kempen, am diesjährigen DHV-Tag in Berlin fest. „Widersprechende Meinungen müssen respektiert und ausgehalten werden. Differenzen zu Andersdenkenden sind im argumentativen Streit auszutragen.“ Ein Schweigen im vorauseilenden Gehorsam gegenüber potentiellen Gewalttätern, welcher Richtung oder Glaubens auch immer, ist tödlich; vielleicht noch nicht für einen selber, aber für andere.

Nicht zu unrecht allerdings beklagte der amerikanische Historiker Niall Ferguson – ver­heiratet mit der streitbaren Ex-Moslemin Ayaan Hirsi Ali – in einem Interview der NZZ vom 20. März d.J. eine bereits eingetretene „Verarmung des intellektuellen Diskurses“, über den „in der Praxis alle Andersdenkenden exkludiert“ werden. „Der Rahmen des Sagbaren im akademischen und öffentlichen Raum hat sich in den letzten Jahren drastisch verengt. (…) Es gewinnt, wer die lautesten Unterstützer hat, und es verliert, wer um seine Reputation fürchten muss.“

Diese Lähmung macht nicht nur zunehmend unbeweglich; sie schlägt offenbar auch auf die Augen und verhindert, dass wir das flammende Menetekel wahrnehmen als ein wahrhaftes Zeichen; ein Zeichen, das uns zurückruft zum Ethos der freien Forschung und Rede und das uns auffordert zu einem beherzten Glauben.

Kurz gesagt: Wie viel Freiheit verträgt die Universität? Wie viel wagt sie? Wie viel wagen wir?

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Der Beitrag ist zuerst erschienenen auf Lichtung.life

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