Spannungsverhältnis zwischen religiöser Einheit und Vielfalt von der Antike bis zur Moderne. Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

Vorbemerkung: Ich veröffentliche hier einen Gastbeitrag von Herwig Schafberg, obwohl ich in vielen Punkten anderer Ansicht bin, viele Thesen zu Leben und Lehre Jesu für wissenschaftlich veraltet halte. Ich halte die Leser von PP aber für so mundig, dass sie sich eine eigene Meinung bilden können. (David Berger)

 Das Wirken des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth war für die Weltgeschichte von ähnlich großer Bedeutung wie die Werke jener fünf Philosophen, Religionsstifter und Propheten, die in der von Karl Jaspers so genannten Achsenzeit rund ein halbes Jahrtausend zuvor aufgetreten waren: Pythagoras steht für den Beginn der Philosophie im antiken Griechenland und wirkte ungefähr zur gleichen Zeit wie Siddhattha Gotama, auf den der Buddhismus zurückgeht, sowie Konfuzius, der die nach ihm benannte Ethik lehrte. Zarathustra war wohl der älteste unter den fünf weltbewegenden Weisen der Achsenzeit und beeinflußte mit der von ihm gestifteten Religion auch das Judentum, in dem sich bald darauf der Deutero-Jesaja mit seiner eindeutig monotheistischen Lehre durchsetzte und demgemäß das Buch des Jesaja ergänzt wurde.

Im Unterschied zu den Lehren der vier Erstgenannten war es kaum etwas grundlegend Neues, was Jesus lehrte, sondern  basierte wie Deutero-Jesajas Lehre auf jüdischen Überlieferungen, die er allerdings teilweise anders deutete als die Schriftgelehrten und Priester seiner Zeit.

Aus seinen Predigten heben seine Anhänger bis heute gerne das Gebot der Nächstenliebe als eine Besonderheit der jesuanischen Lehre hervor und halten es der altjüdischen Sühnejustiz entgegen („Auge um Auge, Zahn um Zahn“); doch daß der Mensch seinen Nächsten lieben sollte wie sich selbst, war eine Mahnung, mit der Jesus sich auf ein bereits im Alten Testament dokumentiertes Gebot Gottes bezog (3. Buch Mose, Levitikus 19, 18) .  Und das ist ein Gebot, dessen Einhaltung den Juden der alten Schule bs heute ebenso schwer gefallen ist wie den Anhängern Jesu Christi.

Neu und weltbewegend war vor allem das göttliche Erscheinungsbild Jesu, das sich – vom Apostel Paulus maßgeblich beeinflußt – in den Vorstellungen seiner wachsenden Gemeinde verbreitete.

Wer zu Lebzeiten für seine Jünger allenfalls der von Juden seit langem erwartete Messias (Christus) gewesen, bildete sich insbesondere mit der Legende von der Auferstehung der Glaube heraus, er sei eines Wesens mit Gott, wäre in menschlicher Gestalt zur Welt gekommen, um die Menschen von ihrer Schuld zu erlösen, und nicht etwa am Kreuz verendet, sondern am dritten Tag nach seiner Kreuzigung auferstanden. Wäre Christus aber nicht auferstanden, lehrte Paulus die christliche Gemeinde, „so ist euer ganzer Glaube vergeblich. Eure Schuld ist dann nicht von euch genommen…“ (1. Korinther 15, 17-18)

Inwieweit ein Mensch durch Anbetung von Christus als göttliches Wesen das Seelenheil erlangen beziehungsweise durch gottgefälliges Handeln dazu beitragen könnte, ist von der Wirkungsära des Apostels bis über die Zeit der Reformation hinaus in der Christenheit  umstritten gewesen. Doch daß die Römer Jesus auf Betreiben jüdischer Priester am Kreuz hingerichtet hatten, galt aus christlicher Sicht lange Zeit unumstritten als „Gottesmord“, der den Juden in toto erst dann verziehen werden sollte, wenn sie Jesus Christus als ihren Herrn anerkennen und anbeten würden.

Aus der Sicht orthodoxer Juden dagegen war Jesus ein unruhestiftender „Gotteslästerer“, der die herrschende Ordnung herauszufordern und nicht bloß die Wahrung jüdischer Eigenarten, sondern sogar die Existenz des Judentums unter der römischen Fremdherrschaft zu bedrohen schien.

Daß Juden an dem, was Gott ihnen angeblich geboten hatte, sowie in Verbindung damit an all den Kulten festgehalten haben, die zu Wesensmerkmalen jüdischer Identität gehören, hat  ihnen zwar vom Altertum bis heute im Verhältnis zu fremden Herrschern und Andersgläubigen schwer zu schaffen gemacht, ihnen zugleich aber das Überleben als Kultusgemeinschaft erleichtert. Und wie manche von ihnen mit solchen Widrigkeiten fertig wurden, zeigt das Beispiel, das Eva Sandler nach der Ermordung ihres Mannes und ihrer Kinder durch einen islamistischen Triebtäter gab, der es zur Befriedigung seiner Mordlust explizit auf Juden abgesehen hatte. Dieser Mord geschah in Toulouse 2012  kurz vor dem Pessachfest, das in diesem Jahr mit Karfreitag und insofern mit dem Tag beginnt, an dem Christen in aller Welt der Kreuzigung Jesu Christi gedenken:

„Bald kommen die Tage des Pessachfestes“, schrieb Eva Sandler auf einem Internetforum: „Bitte ladet Andere zu euch nach Hause ein, damit jeder einen Platz bei einem Seder findet, um den Feiertag unserer Freiheit zu feiern. Zusammen mit unseren schmerzhaften Erinnerungen an unsere Prüfungen in Ägypten vor so vielen Jahren sprechen wir immer noch davon, ´wie sie Generation für Generation gegen uns gestanden haben, um uns zu zerstören.` Wir alle werden mit lauter und klarer Stimme verkünden: ´G*tt rettet uns vor ihren Händen.` Der Geist des jüdischen Volkes kann niemals ausgelöscht werden; seine Bindung zur Torah und ihren Vorschriften können nie zerstört werden…“

Am Pessachfest wird daran erinnert, wie der Legende nach durch göttliches Einwirken der Pharao das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei  entlassen und in das Land ziehen lassen mußte, das der Gott Israels seinem Volk verheißen hatte.

Allerdings war im kanaaitischen Zielgebiet das Volk Israel und im besonderen der jüdische Stamm dieses Volkes auch nicht vor Fremdherrschaft sicher, wie sich beispielsweise während der Jahrzehnte langen babylonischen Gefangenschaft zeigte. Aus der wurden sie zwar durch persische Eroberungen Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. befreit, stießen jedoch bei den Eroberern ebenfalls auf Vorbehalte – in erster Linie bei einem Berater, der den persischen Großkönig Xerxes vor den Juden gewarnt haben soll: „Es gibt ein Volk in deinem Reich, das… sich von den anderen Völkern absondert. Seine Bräuche sind anders als die aller anderen Völker und die königlichen Gesetze befolgt es nicht. Das kann sich der König nicht bieten lassen. Wenn der König einverstanden ist, soll der Befehl erlassen werden, sie zu töten…“ (Buch Ester 3, 8-9).

Das Schicksal, das die Juden durch das Regime der deutschen Nationalsozialisten erlitten, blieb ihnen allerdings unter dem persischen Großkönig Xerxes genauso erspart wie später unter König Antiochus im seleukidischen Nachfolgereich Alexanders des Großen.

Antiochus hatte zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. Jerusalem erobert, verzichtete aber auf die Ausrottung der Juden, zu der ihm – nach einem Bericht des altgriechischen Historikers Diodor – Gefolgsleute mit der Begründung geraten hatten, daß die Juden sich nicht mit anderen Völkern vermischen wollten und mit ihrem Eigenleben den Zusammenhalt des Reiches bedrohen würden.

Zum ersten historisch belegten Genozid an den Juden kam es im 2. Jahrhundert n. Chr. unter der Herrschaft des römischen Kaisers Hadrian nach einem Aufstand jüdischer Glaubenseiferer gegen die Römer. Um das Judentum  gewissermaßen zu entwurzeln, wurden die Stadt Jerusalem und mit ihr der Tempel – das einzige jüdische Heiligtum – zerstört, die Juden großenteils ausgerottet oder vertrieben und Judäa in Palästina umbenannt.

Während die Juden in der Diaspora ihren Gottesglauben in alter Facon bewahrten und für sich blieben, lösten die Christen sich vom Judentum und schufen aus der Botschaft Jesu Christi – dem Evangelium – eine missionarische Religion, die alle Völker lehren sollte, das Heil im Glauben an Christus zu suchen.

Da die „Pax Romana“ mit der „Pax deorum“ gleichgesetzt wurde, wurden die Christen mit ihrem Monotheismus ebenso wie die Juden als potenzielle Gefahr für den inneren Frieden des multikulturell entwickelten Imperium Romanum angesehen und zeitweise verfolgt. Der Grund für die Verfolgungen war aber nicht ihr Glaube an den Gott, den sie mit den Juden teilten. Dieser Glaube wurde ihnen wie den Juden nur zum Verhängnis, wenn sie sich weigerten, auch den Bildern der offiziell anerkannten Götter sowie des Kaisers mit Opfergaben die – für sämtliche Bewohner des Reiches – obligatorische Ehrerbietung und sich insoweit als loyale Untertanen zu erweisen.

Beendet waren die Christenverfolgungen erst unter Kaiser Konstantin, der Anfang des 4. Jahrhunderts n. Chr. das Christentum offiziell anerkannte, die „Pax deorum“ durch die „Pax Christiana“ ersetzen und den universalen Geltungsanspruch des Christentums für Roms imperiale Pläne nutzen wollte.

Hatte Jesus das nahe „Reich Gottes“ verheißen, kam nun die Kirche und mit ihr die Fiktion, daß mit Konstantins Herrschaft „das Königreich Jesu“ errichtet wäre, in dem seit Kaiser Theodosius Andersgläubige allenfalls geduldet wurden, soweit man sie nicht blutig verfolgte.

Dabei blieb es auch in den christlichen Nachfolgereichen des alten Rom sowie darüber hinaus bis zur Neuzeit. Zu den Verfolgungsopfern gehörten Juden und andere nichtchristliche „Gottesfrevler“, aber auchHäretiker beziehungsweise Ketzer aus den eigenen Reihen. Kam beispielsweise die Bekämpfung der Albigenser im mittelalterlichen Frankreich einem Genozid gleich, hatten die  niederländischen Protestanten mehr Glück: Sie waren zwar durch das „Heilige Officium“ der Römischen Kirche 1568 mit ihren Familien für vogelfrei erklärt worden und sollten demgemäß auf Befehl des spanischen Königs Philipp II., zu dessen Erbe die Niederlande gehörten, restlos ausgerottet wurden; die protestantischen Rebellen im nördlichen Landesteil wehrten sich jedoch mit Erfolg gegen den geplanten Völkermord, indem sie unter anderem ihre Gebiete durch Öffnung der Deiche unter Wasser setzten und so die Landnahme durch die spanischen Henkersknechte verhinderten.

In jener Zeit der Religionskriege wurden Kirchenlieder zur religiösen Erziehung sowie zur Propaganda eingesetzt. Angeprangert wurden vermeintliche Gewalttaten der Gegner, die durch regelmäßiges Besingen im kollektiven Gedächtnis der „Rechtgläubigen“ fest gehalten wurden. Ein protestantisches Lied heißt „Erhalt’ uns, Herr, bei deinem Wort“, in dem Gott gebeten wird: „Und steure deiner Feinde Mord“. Daß es Gottes Wille sein soll, Andersgläubige zu töten, kennt man also nicht nur von Islamisten der heutigen, sondern auch von Christen der damaligen Zeit.

Nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatten die Fürsten im religiös gespaltenen „Heiligen Römischen Reich deutscher Nation“ jeweils einen Anspruch darauf, die Konfession ihrer Untertanen zu bestimmen („cuius regio, eius religio“).

Das war ein Recht, daß auch Herrscher in anderen katholischen sowie protestantischen Ländern für sich beanspruchten. Hatte Heinrich VIII. zu Anfang des 16. Jahrhunderts die englische Kirche der päpstlichen Suprematie entzogen und sich selbst zum Oberhaupt der Landeskirche bestimmt, wurden unter der Herrschaft seiner Tochter Maria Nichtkatholiken so blutig verfolgt, daß sie in die Geschichte als „Bloody Mary“ einging. Doch unter ihren Nachfolgern aus dem schottischen Hause Stuart wurde jeder Anspruch eines dieser katholischen Könige auf die absolute Herrschaft im Vereinigten Königreich vom protestantisch dominierten Parlament zum Scheitern gebracht und festgelegt, daß jeder König an oberster Stelle für die Unabhängigkeit der englischen beziehungsweise Anglikanischen Kirche vom Papsttum einstehen sollte.

So ist auch die heutige Königin Elisabeth Oberhaupt der Anglikanischen Kirche und hat als solche den Titel „Defendor of the Faith“.

Prince Charles, ihr potenzieller Nachfolger, hat allerdings vorgeschlagen, den bestimmten Artikel in diesem Titel zu streichen und damit deutlich zu machen, daß der Monarch sich zum Schutz aller Glaubensrichtungen verpflichtet sieht. Er geht anscheinend davon aus, daß die Abwehr katholischer Hegemoniebestrebungen – wie ursprünglich mit dieser Titelbezeichnung gedacht – nicht mehr nötig und es in Anbetracht der multikulturellen Entwicklung im Lande sinnvoll sei, alle religiösen Gruppen des Vereinigten Königreichs gewissermaßen unter königlichen Schutz zu stellen. Er pries in diesem Sinne bei einer Feier  zum sechzigjährigen Thronjubiläum  der Königin 2012 diese – unter dem Jubel von Zehntausenden – als Verkörperung von „unity in diversity“.

Die große Mehrheit der Briten steht zwar in Treue fest zu Ihrer Majestät. Doch wir wissen nicht, wie es weitergehen wird nach dem Tod der Königin, die in diesem Jahr zeitgleich mit Ostern ihren 93. Geburtstag hat.

Es gibt ja im Lande nicht bloß Republikaner wie den Labour-Chef Jeremy Corbyn, der möglicherweise bald als Premierminister in die Fußstapfen der beim Brexit ins Straucheln geratenen Teresa May tritt, sondern auch einen großen Populationsanteil von Menschen fremder Nationen, Religionen sowie Traditionen. Hatten die ersten Einwanderer aus den Kolonien des British Empire sich noch zumeist mit dem begnügt, was von der üppig gedeckten Tafel ihrer Kolonialherren abgefallen war, haben ihre Nachkommen inzwischen Platz am Tisch des britischen Wirtsvolkes genommen und wollen nun auch mitbestimmen, was angerichtet wird. Unter den Fordernden ausländischer Herkunft rührt sich auch eine wachsende Schar von Muslimen, die – laut Umfragen – an der Spitze des Staates gerne einen Imam an Stelle der Königin hätten.

„Long may she reign“, heißt es in der britischen Nationalhymne voller Hoffnung an die Adresse der uralten Königin. Als stände diese nicht über jedem politischem Streit, singen die Briten unbeirrt weiter: „May she defend our laws and gives us ever cause to sing with heart and voice: GOD save the Queen.“

Zu ihrer Nachfolge vorgesehen ist an erster Stelle Prince Charles, danach sein Sohn William und als dritter wäre dessen Sohn George an der Reihe. Doch bei meinen Besuchen im Tower of London ist mir immer wieder mit Bedauern aufgefallen, daß in der Reihe jener Holztafeln, auf denen die Namen der englischen beziehungsweise britischen Könige geschrieben stehen, nur noch Platz für zwei Monarchen ist. Das ist kein gutes Zeichen für den Fortbestand der Monarchie, die wie ein Zeugenberg aus einer durch Demokratisierungs-, Egalisierungs-, Vulgarisierungs- und auch Islamisierungsbewegungen zunehmend verschütteten anglikanisch-aristokratischen Gesellschaftsschicht herausragt.

„GOD save Elisabeth, our Queen, and the other members of the Royal Family“, lautet eine Gebetsformel, die zu den Ritualen der Anglikanischen Kirche gehört. Dabei möge es noch lange bleiben!