(Herwig Schafberg) Am 1. September 1939 – also heute vor 80 Jahren – ließ Adolf Hitler, der „Führer“ des nationalsozialistischen Deutschlands, unbeirrt von britischen und französischen Drohungen die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschieren. Zwei Tage später machten die Briten – kurz nach ihnen auch die Franzosen – ihre Drohungen wahr und erklärten dem Deutschen Reich den Krieg, falls die deutschen Truppen sich nicht zurückzögen.

Reichsmarschall Hermann Göring mahnte den „Führer“, sich nicht auf ein Vabanque-Spiel einzulassen. Doch Hitler entgegnete: „Ich habe in meinem Leben immer Vabanque gespielt!“

Das hatte er zumindest ab seiner Machtübernahme als Reichskanzler im Januar 1933 gezeigt und dabei seine Fähigkeit zur Täuschung von Menschen im In- und Ausland bewiesen. In seinem Buch „Mein Kampf“, das er nach der Machtübernahme in millionenfacher Auflage drucken sowie verteilen ließ, waren seine politischen Zielen deutlich formuliert: Denenzufolge hätte die „nationalsozialistische Bewegung… unser Volk und seine Kraft zu sammeln zum Vormarsch auf jener Straße, die aus der heutigen Beengtheit des Lebensraumes hinausführt zu neuem Grund und Boden…“ und insofern „den Blick nach dem Land im Osten“ zu richten. Dort standen ihm aber der polnische Staat und darüber hinaus der sowjetrussische „Bolschewismus“ im Wege, hinter dem er ebenso wie hinter dem Finanzkapital von London und New York das Judentum als treibende Kraft wähnte.

Daß er seine Ziele nicht ohne Krieg erreichen könnte, dürfte jedem klar geworden sein, der dieses Buch gelesen hatte. Doch im Mai 1933 verkündete Hitler im Reichstag, daß Krieg ein untaugliches Mittel wäre, um „an die Stelle des Schlechten von Heute das Bessere von Morgen zu setzen“; denn ein Krieg würde „das europäische Gleichgewicht noch tiefer erschüttern und noch mehr Keime des Unfriedens und Hasses säen“, möglicherweise sogar zu einem „kommunistischen Chaos“ führen. Die Abgeordneten, zu denen damals noch Sozialdemokraten gehörten, vernahmen es mit Freude und stimmten einer inhaltlich darauf basierenden Resolution zu.

Im Ausland nahm man Hitlers Rede und die Resolution mit Erleichterung zur Kenntnis. Daß insbesondere der französische Ministerpräsident von Hitlers vermeintlichem Friedenswillen beeindruckt war, fand der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels verwunderlich:

„1933 hätte ein französischer Ministerpräsident sagen müssen (und wäre ich französischer Ministerpräsident gewesen, ich hätte es gesagt): Der Mann ist Reichskanzler geworden, der das Buch ´Mein Kampf` geschrieben hat… Der Mann kann nicht in unserer Nachbarschaft geduldet werden. Entweder er verschwindet, oder wir marschieren,“ notierte Goebbels zu Beginn des Zweiten Weltkrieges: „Man hat darauf verzichtet. Man hat uns gelassen, man hat uns durch die Risikozone ungehindert durchgehen lassen, und wir konnten alle gefährlichen Klippen umschiffen, und als wir fertig waren, fingen sie den Krieg an.“

Ja, Frankreich und Großbritannien hatten es „ungehindert durchgehen lassen“, daß Adolf Hitler entgegen den Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles mit der Aufrüstung der deutschen Streitkräfte begann, und sich durch den  Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Polen täuschen lassen (1934), als ob Hitler mit diesem Pakt seinen Plänen zur Unterwerfung Osteuropas abgeschworen hätte. Und sie schritten auch nicht gegen die vertragswidrige Besetzung des Rheinlands (1936) sowie Österreichs (1938) ein.

Sie stimmten sogar dem Anschluß sudetendeutscher Gebiete der Tschechoslowakei an das Deutsche Reich zu (1938), um den Krieg zu vermeiden, auf den Hitler planmäßig hinwirkte und seine Anfänger unter Vortäuschung der Urheberschaft offen vorbereitete (Januar 1939): „Wenn es dem internationalen Judentum… gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“

Erst als dieser Vabanque-Spieler nach den Sudeten- auch die restlichen Gebiete der Tschechei okkupieren ließ (1939), sah der britische Premierminister Neville Chamberlain ein, daß er mit Zugeständnissen Hitler nicht zum Maßhalten bewegen könnte und insofern mit seiner „Appeasement“-Politik gescheitert wäre.

Zu den leitenden Maximen der britischen Außenpolitik gehörte es seit dem Ende des 17. Jahrhunderts, für eine „Balance of Power“ in Europa zu sorgen, damit keine europäische Großmacht stark genug wäre, um es mit den Briten und deren Weltreich aufnehmen zu können.

Nachdem es lange Zeit Frankreich gewesen war, gegen das Großbritannien in wechselnden Bündnissen mit Österreich, Preußen sowie anderen deutschen Fürstentümern gekämpft hatte, war es nach der Gründung des Deutschen Reiches zunächst das wilhelminische und mittlerweile das nationalsozialistische Deutschland, dem die Briten im Bund mit Frankreich und anderen den Weg zur Hegemonialmacht in Europa versperren wollten.

Die politische Elite in London hatte zwar Hitler lange Zeit gewähren lassen, weil sie das nationalsozialistische Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus und dessen Leitungszentrale in der sowjetrussischen Hauptstadt Moskau schätzten; doch als der deutsche „Führer“ seine Hand nach Polen ausstreckte (1939), nahmen Briten und Franzosen Verhandlungen mit der kommunistisch geführten Sowjetunion auf, um diese für ein Zusammenwirken gegen das expandierende Deutschland zu gewinnen und Polen vor dem deutschen Zugriff zu bewahren.

Während die Westmächte noch mit den Sowjets verhandelten, verständigte sich Hitler mit der von ihm als „Bolschewisten“ geschmähten Führungsclique der Sowjetunion auf einen Nichtangriffspakt  und insgeheim auf die Aufteilung Ostmitteleuropas zwischen den beiden (August 1939).

Da Deutschland der Sowjetunion weit entgegen gekommen war, die sowjetische Führung vermutlich aber Hitlers Vision vom „Lebensraum“ im Osten kannte, argwöhnte der sowjetische Diktator Josef Stalin, daß der deutsche „Führer“ ihm Ostpolen und das Baltikum nur überlassen hätte, um es der Sowjetunion wegzunehmen, wenn er den Konflikt mit den beiden Westmächten überstanden hätte. Stalin behielt sich vor, präventiv in diesen Konflikt einzugreifen, wenn es ihm günstig erschien, während Adolf Hitler der Hoffnung war, durch den Nichtangriffspakt die Westmächte vom Kriegseintritt zugunsten Polens abhalten zu können.

Neben Völkermord und anderen Kriegsverbrechen gehörte es zu den größten Fehlern des Vabanque-Spielers Hitler, daß er die Briten falsch einschätzte.

Er hätte die Briten eigentlich lieber als Verbündete denn als Kriegsgegner gehabt, wenn sie seine Ansprüche auf „Lebensraum“ im Osten sowie auf Kolonien in Afrika akzeptiert hätten, und war böse überrascht, als diese – gefolgt von den Franzosen – Deutschland den Krieg erklärten, nachdem die deutsche Wehrmacht in Polen einmarschiert war. Die Reaktion der Westmächte bewahrte Polen allerdings nicht vor der Besetzung durch deutsche und später – im Osten des Landes – auch durch sowjetische Truppen; denn die britischen sowie französischen Streitkräfte beließen es in Westeuropa bei der Befestigung von Stellungen, die jedoch nicht standhielten, als die Wehrmacht im Frühjahr 1940 angriff, Holland, Belgien sowie Frankreich überrannte und die Truppen der Westmächte bis an den Ärmelkanal drängte, von wo nur wenige Truppenteile auf die britischen Inseln entkommen konnten.

War Hitler davon ausgegangen, daß die Briten nach der Besetzung Frankreichs durch die Wehrmacht um Frieden bitten würden, hatte er sich getäuscht.  „The Battle of France is over, the Battle of Britain has begun,” verkündete der neue britische Premierminister Winston Churchill. Er schwor seine Landsleute darauf ein, zu Lande, zu Wasser sowie in der Luft weiter zu kämpfen, und beteuerte: „We shall never surrender!“ Wollten die Deutschen auf den britischen Inseln landen, um die Briten zu bezwingen, müßten sie erst einmal die Lufthoheit gewinnen und die Royal Airforce überwinden; doch die wehrte sich gegen die deutsche Luftwaffe „with growing confidence“ – so Churchill – und konterte die Bombardierungen englischer Städte mit Bombenangriffen auf deutsche Städte, die im Laufe des Krieges immer verheerender wurden.

„Hitler knows that he must break us or he will fall“, mutmaßte Churchill in seiner „Finest hour“-speech.  Doch der wollte sich nicht länger auf Kämpfe im Westen fokussieren, sondern drängte auf Krieg gegen die Sowjetunion, um endlich seine Vision vom „Lebensraum im Osten“ zu verwirklichen.

Da sein italienischer Bündnispartner Benito Mussolini mit seinen Invasionen auf dem Balkan und in Nordafrika in Bedrängnis geraten war, kam Hitler ihm auf jenen Kriegsschauplätzen im Frühjahr 1941 zu Hilfe und verschob den Feldzug gegen die Sowjetunion auf den Sommer in der Erwartung, daß die Wehrmacht die sowjetische  „Rote Armee“ vernichtet hätte, bevor es Winter würde und Kämpfe im verschneiten Rußland unmöglich wären. Zwar wurden in den Kesselschlachten zu Beginn des Feldzuges Millionen sowjetischer Soldaten aus dem Feld geschlagen und die „Rote Armee“ immer weiter zurückgedrängt; sie wurde aber nicht vernichtet – und als der Winter anbrach, kamen die deutschen Offensiven vor den Toren Moskaus und Leningrads zum Stehen. Das hielt den „Führer“ allerdings nicht davon ab, vorwitzig zu verkünden, daß „dieser Feind… besiegt“ wäre und „nicht wieder aufstehen“ würde.

Obwohl die Deutschen im Sommer 1941 die Sowjets angegriffen hatten, ohne Frieden mit den Briten zu haben, traten sie Ende 1941 auch noch an der Seite Japans in den Krieg gegen die USA ein, ohne die Sowjets überwunden zu haben. 

Hitler hoffte, daß die Briten klein beigeben würden, wenn er die Sowjetunion unterworfen hätte, und rechnete nun auch noch damit, daß er dieses geschafft hätte, bevor die USA kriegsbereit wären. Aber der Vabanque-Spieler täuschte sich: Der deutschen Wehrmacht gelangen zwar 1942 noch weitere Vorstöße im Osten, die Sowjetunion ging jedoch nicht unter. Im gleichen Jahr brachten die USA die japanische Expansion im Pazifischen Raum bei den Midway-Inseln zum Stillstand und begannen,Truppen sowie Material zur Unterstützung ihrer britischen und sowjetischen Kriegsverbündeten über den Atlantik zu schaffen. Nachdem die Amerikaner und Briten 1943 ihre deutschen und italienischen Gegner aus Afrika vertrieben hatten und dann in Italien gelandet waren, wurde  Mussolini von seinen Gefolgsleuten gestürzt und Italien daraufhin von der Wehrmacht besetzt, soweit das Land noch nicht von den Alliierten eingenommen war. Die westlichen Alliierten rückten allerdings weiter vor und drängten die deutschen Truppen – nach der Landung in der Normandie im Sommer 1944 – auch in Frankreich immer weiter zurück.

Der Vormarsch der Alliierten wurde begleitet von Bombenangriffen, von denen viele deutsche Städte in Schutt und Asche gelegt wurden. „Unsere Städte bauen wir wieder auf,“ ließ Hitler 1944 aus seinem Luftschutzbunker wissen, während Tausende seiner Landsleute unter Trümmern begraben waren: „Mögen sie zerstören, so viel sie wollen!“

Als die nationalsozialistische Propaganda viele Deutsche noch auf den „Endsieg“ hoffen ließ, war die Wehrmacht sowohl im Westen als auch im Osten längst auf dem Rückzug. Mit der deutschen Niederlage in Stalingrad (Januar 1943) hatte sich das Kriegsglück gewendet und die Panzerschlacht im Kursker Bogen (Juli 1943) zeigte, daß die sowjetischen Streitkräfte ihren deutschen Gegnern mittlerweile überlegen waren. Hatten Hitler und seine willigen Helfer den Eroberungskrieg im Osten zur Unterdrückung der mehrheitlich slawischen Bevölkerung und zur Vernichtung der Juden geführt, hinterließen die Deutschen nun „verbrannte Erde“, als sie vor den Russen Schlacht für Schlacht zurückweichen mußten.

Allen Rückschlägen zum Trotz dachte Hitler nicht daran, den Kampf aufzugeben. Als die westlichen Alliierten am Rhein und die „Rote Armee“ an der Oder standen, schickte er ältere Männer und halbwüchsige Knaben in den Kampf, weil die Zahl der getöteten Soldaten nicht mehr durch Männer im wehrfähigen Alter ausgeglichen werden konnten, und erklärte: Wenn das deutsche Volk nicht stark und opferbereit genug wäre, um für seine Existenz bis zum Sieg zu kämpfen, dann hätte es verdient, von einer stärkeren Macht vernichtet zu werden. Er dagegen wollte nicht von der Hand seiner siegreichen Gegner sterben, sondern erschoß sich am 30. April 1945 während der Kämpfe um Berlin und überließ es den Generälen, die ihrem „Führer“ bis zuletzt blind und treu gefolgt waren, am 8. sowie 9. Mai 1945 vor den Alliierten bedingungslos zu kapitulieren.

Hatte Hitler sich nach den Anfangserfolgen im Krieg als „größter Feldherr aller Zeiten“ feiern lassen, war der Vabanque-Spieler am Ende wohl eher der größte Verlierer aller Zeiten.

Liest man die Liste an Medikamenten, von denen Hitler im Laufe des Krieges immer mehr zu sich nahm, drängt sich die Frage auf, inwieweit er zurechnungsfähig war, wenn er Entscheidungen fällte und so tat, als hätte er Trümpfe in der Hand, die er noch ausspielen könnte. Das könnte man auch in Bezug auf seine Gefolgsleute fragen, von denen es nicht bloß der morphiumsüchtige Hermann Göring war, der bis kurz vor dem Ende des nationalsozialistischen Regimes den Eindruck erweckte, als wäre von Hitler Heil zu erwarten. Und sie waren nicht alle Junkies.

Demgegenüber war Hitlers großer Gegenspieler Churchill zwar Alkoholiker, schien aber im Großen und Ganzen Herr seiner Sinne zu sein, auch wenn er sich vielleicht realitätsferne Illusionen über die weitere Bedeutung des Königreiches machte, als er seinen Landsleuten in Aussicht stellte, daß man von ihnen in Erinnerung an ihre erfolgreichen Kampf um Britannien gegen die deutsche Übermacht eines Tages sagen würde: „This was your finest hour!“

Nachdem das „Großdeutsche Reich“ vernichtet war, gab es in Europa wieder ein Gleichgewicht der Kräfte, bei dem die Briten allerdings nicht mehr das Zünglein an der Waage waren, sondern lediglich Juniorpartner der westlichen Führungsmacht USA gegenüber dem sowjetisch dominierten Ostblock.