Zwischen rechts und links zermürbt, aber nicht zerbrochen. Ein Gastbeitrag von Herwig Schafberg

Ich habe dieser Tage Abschied von einem Freund genommen. Nein, gestorben ist er nicht, geht aber gewissermaßen ins Exil; denn zu den Gründen, aus denen er Berlin verläßt, gehört, daß er nicht mehr in einer Umgebung leben mag, in der er beim Verlassen des Hauses besorgt sein muß, draußen überfallen zu werden, nachdem im Netz Mordaufrufe mit Bildern von seinem hiesigen Wohnhaus aufgetaucht sind – und daß er lieber an einem Ort wohnen möchte, an dem hoffentlich nicht immer wieder Menschen ungebeten an seiner Tür klingeln.

Bisher wollte keiner dieser ungebetenen Gästen ihn ermorden, sondern lediglich mit ihm streiten. Teilweise sind es Menschen aus einem Milieu, das ihn vor Jahren feierte, nachdem er sich als homosexuell geoutet, daraufhin seine Lehrbefugnis in der Katholischen Kirche verloren und sich in einem seiner Bücher kritisch mit der Heuchelei der Kirche auseinandergesetzt hatte (David Berger: „Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“).

Für die Kirchenkritik gefeiert, wegen Islamkritik verteufelt

Doch mit dem Feiern war es vorbei, als er sich nicht mit Kritik an seiner Kirche begnügen mochte, sondern auch den Islam ins Visier nahm und damit eine Grenze überschritt, an der für „rechtgläubige“ Muslime, aber auch für religionskritische Linke das beginnt, was für sie – getreu den Worten des Ajatollah Chomeini – Islamophobie ist.

Für solche Einfaltspinsel bin ich vermutlich ebenfalls islamophob, obwohl meine Religionskritik – in alter liberaler Tradition – sich nicht bloß gegen den Islam richtet, sondern gegen sämtliche abrahamtischen Religionen; denn ich halte sie alle drei tendenziell 1. für totalitär mit ihrem jeweiligen Anspruch auf Besitz der absoluten Wahrheit, 2. für sexistisch im allgemeinen und homophob im besonderen, 3. für (kultur-) rassistisch mit ihren Unterscheidungen zwischen Jude und Goj, Christ und Heide, „rechtgläubigem“ Moslem und Ungläubigem.

Dialog und freundschaftliche Kontroverse

In Hinsicht auf die Beurteilung der Religionen habe ich zweifellos genauso Diskrepanzen mit David Berger wie in der Einschätzung der „achtundsechziger“ Bewegung, deren Errungenschaften er teilweise ablehnt, während ich sie in großen Zügen bewahrt wissen möchte und mich mit Ablehnenden gleich welcher Herkunft, Religion oder Weltanschauung kritisch, aber nicht feindlich anlege.

Unsere Diskrepanzen haben Berger allerdings fast nie daran gehindert, auf seinem Blog („Philosophia perennis“) auch Beiträge von mir zu veröffentlichen, mit deren Inhalten er nicht übereinstimmte; denn er weiß Andersdenkende zu respektieren und hat über ideologische Gräben hinweg stets den Mitmenschen im Blick.

Ich mag mich zwar ebenso wenig wie er für die gleichgeschlechtliche Ehe erwärmen, aber aus anderen Motiven als Berger, für den die Ehe wohl ein Sakrament ist, das ausschließlich für Mann und Frau in Frage kommt. Das war wohl auch der Grund, aus dem er von Gegnern im homosexuellen Milieu von einer Berliner Aktivistengruppe zum „Mister Homophobia“ gewählt und demgemäß denunziert wurde.

Er ist nun mal ein gläubiger Katholik und verleugnet es auch dann nicht, wenn er sich mit seiner Kirche sowie etlichen seiner „Brüder in Christo“ kritisch auseinandersetzt. Und zu seinen Verdiensten gehört, daß er entscheidend dazu beitrug, das katholische „kreuz.net“ als rechtsradikal zu entlarven.

Veranstaltungen nur unter Polizeischutz

Schon das führte dazu, daß er von extrem rechter Seite Morddrohungen erhielt und zeitweilig Veranstaltungen von ihm nur unter Polizeischutz stattfinden konnten, während er von Linken damals noch bejubelt wurde. Mit dem Jubel war es zwar aus den oben genannten Gründen bald vorbei; doch von links drohte man ihm lediglich Prügel an. Und das ist leichter zu ertragen als die Morddrohungen, die er neuerdings wieder erhält, seitdem er auf seinem Blog Front gegen den „Flügel“ der AfD sowie gegen Identitäre und deren Zusammengehen mit Islamofaschisten bei der Bekämpfung des Judentums macht.

In jenen Kreisen hält man ihn seitdem anscheinend für einen Verräter, obwohl er nie einen Hehl daraus gemacht hat, daß er nicht rechtsradikal, sondern allenfalls rechtsliberal ist. Und seitdem er in einem Streitgespräch mit einer Rechtsextremistin gesagt hat, daß er als Christ auch in der jüdischen Tradition und insofern dem Judentum nahe stehe, wird er dort als „Jude“ geschmäht und sogar verdächtigt, ein Agent des Zionismus zu sein.

Debatten nicht den Intoleranten von rechts bis links überlassen

Nicht nur, aber auch deswegen werde ich weiter solidarisch an seiner Seite stehen, trotz mancher Diskrepanzen zwischen meinen Positionen und denen, die dort teilweise vertreten werden, Beiträge auf seinem Blog veröffentlichen und Debatten nicht den Intoleranten von rechts bis links überlassen.

Dazu könnte ich noch eine Menge sagen, verzichte aber an dieser Stelle darauf und übergebe das Wort Matthias Iken, der im folgenden Essay schon alles gesagt hat, was ich dazu sagen könnte: Wer Intoleranten die Debatten überlässt, verliert alles.

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