Wie in jedem gab es auch in diesem Jahr weltweit CSD-Paraden mit ihrem Ursprung in der New Yorker Christopher Street, wo 1969 Homo- sowie Transsexuelle gegen Festnahmen durch die Polizei aufstanden. Am letzten Wochenende war es auch in Berlin wieder soweit, daß Homo-, Bi- und Transsexuelle sowie diverse andere Menschen zu Hunderttausenden bunt oder spärlich bekleidet durch die City zogen. Eine Nachlese zu den CSD-Paraden von Herwig Schafberg

Damals waren es Menschen mit derartigen sexuellen Orientierungen in New York wie fast überall in der Welt nicht bloß verboten, sich anders als heterosexuell im Bett zu vergnügen, sondern sie sollten sich auch zumindest in der Öffentlichkeit heteronormiert bekleiden und benehmen. Von Razzien und Festnahmen waren – nebenbei bemerkt – kaum Clubs betroffen, in denen die „feine Gesellschaft“ ungeniert feierte, sondern hauptsächlich Lokale, in denen vorwiegend Schwarze, Latinos und andere „Underdogs“ verkehrten – wie etwa im „Stonewall“, wo der Aufstand begann und damit gewissermaßen die „gay liberation front“ ihren Urstand hatte.

Am letzten Wochenende war es auch in Berlin wieder soweit, daß Homo-, Bi- und Transsexuelle sowie diverse andere Menschen zu Hunderttausenden bunt oder spärlich bekleidet durch die City zogen.

„Die wahre Loveparade“ titelte dazu passend der Berliner Tagesspiegel, fügte aber im Untertitel hinzu: „Auch eine politische Botschaft kann man feiern“, damit nicht völlig in Vergessenheit gerät, daß „die LSBTTIQ*-Community in Berlin in einer riesigen, bunten Party die Rechte und Freiheiten, die inzwischen erkämpft wurden“, feierte, es aber „auch eine politische Demonstration“ wäre. Und dabei ging es offensichtlich nicht bloß um Forderungen nach voller Gleichberechtigung, sondern auch um Statements, die nur am Rande die Community tangieren.

Im Fernsehen entging es mir beispielsweise nicht, daß der Berliner Kultursenator Lederer anscheinend zum „Kampf gegen rechts“ eine neuartige Variante beisteuern wollte, denn er war mit (oder neben) einem Plakat zu erblicken, auf dem geschrieben stand: „Haarspray & Stöckelschuhe statt Nazikacke“. Und ein anderer hatte ein Plakat dabei, auf dem ein Gegensatz zwischen CSD-Feiern und Apartheid in Israel konstruiert wurde, statt darauf hinzuweisen, daß viele homo- sowie transsexuelle Palästinenser nach Tel Aviv flüchten und dort untertauchen, weil sie sich daheim vor die Alternative gestellt sehen, entweder zu heiraten und insofern nach heterosexuellen Normen zu leben oder umgebracht zu werden. (Foto: Kanaldeckel in Berlin Schöneberg nach dem CSD)

 Ich gehöre einer Generation an, in der Jungen mehr als heute mit der Perspektive aufgezogen wurden, eines Tages mit einer Frau verheiratet zu sein und mit ihr Kinder zu haben.

Ich weiß daher aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis, wie schwierig es für Jungen wurde, wenn sie in der Pubertät entdeckten, daß sie sich nicht zu Mädchen, sondern zu Männern hingezogen fühlten. Viele von ihnen ließen sich zum Schein auf Beziehungen mit Mädchen ein. Während mancher sogar heiratete und von Zeit zu Zeit außerehelich seinen verborgenen Neigungen frönte, entzog sich manch ein anderer der sozialen Kontrolle seiner Dorfgemeinschaft und suchte sein Heil in der Anonymität einer Großstadt, um möglichst unbeobachtet und ebenso ungeniert von heterosexuellen Normen abweichend leben zu können. Aber auch und besonders ihnen blieb ja nicht der tiefe Bruch erspart, der durch die zumeist schmerzhaft empfundene Einsicht entstand, daß sie in einem gesellschaftlich erwünschten Leben nach heterosexuellen Normen nicht glücklich werden könnten, am „anderen Ufer“ jedoch riskierten, gesellschaftlich geächtet leben zu müssen.

Da für viele Homosexuelle beim Eingeständnis ihrer „anormalen“ Neigungen eine Welt zusammen bricht und neu zusammengesetzt werden muss, schreiben Psychologen ihnen eine höhere soziale Intelligenz und mehr Elastizität zu als Heterosexuellen, die von der Wiege bis zur Bahre normgerecht leben.

Daß Homosexualität inzwischen gesellschaftlich nicht mehr so geächtet ist, hat allerdings kaum etwas daran geändert, daß an vielen Schulen Homosexuelle von Mitschülern mancher Herkunft und Religion weiter übel behandelt werden. Die Lehrergewerkschaft GEW fand heraus, daß „schwule Sau“ die häufigste Beleidigung ist, die man auf Schulhöfen – und vermutlich nicht nur dort – zu hören bekommt. Ungefähr zwei Drittel der befragten homosexuellen Schüler fanden, dass sie es wegen ihrer sexuellen Orientierung schwerer als Heterosexuelle hätten – und über die Hälfte von ihnen gab an, dass sie oft verspottet würden. So ist es kein Wunder, dass junge Homosexuelle ein vier Mal höheres Suizidrisiko als heterosexuelle Jugendliche haben.

Wenn der Modemacher Michael Michalsky vor einem Schaufenster steht und dabei hört, daß modisch gestylte Teenager abfällige Bemerkungen über „Schwule“ machen, dann denkt er: „Ihr Idioten, es sind doch Schwule, die euren Geschmack definieren. Schwule, die dafür sorgen, dass ihr gut riecht. Schwule, die eure Sonnenbrillen entwerfen, eure Jeans, eure Turnschuhe.“

Man braucht ja bloß durch eine deutsche Stadt zu gehen, dann sieht man an vielen Ecken, wie weit der Lebensstil homosexueller Trendsetter vorgedrungen ist.

„Gays haben auch eine Trendsetter-Funktion“, meint Jeff Wahl. „Sie sind Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossen. Sie sind neugierig, probieren Neues gern aus.“ Infolgedessen gibt es Parfümerien mit Kosmetikartikeln nicht bloß für Frauen, sondern auch für Männer, Tattoo- sowie Piercing-Läden und Friseure, die jungen Männern Haarschnitte nach dem Vorbild von David Beckham oder anderen Metrosexuellen verpassen. Und mit dem Rasieren der Beine sowie der Entfernung von Haaren an anderen Körperstellen und ihrem sonstigen Modestil sind sie up to date.

Der amerikanische Communigayte-Mitgründer hat ebenfalls ein Beispiel parat: Abercrombie & Fitch. Die Mode dieses US-Herstellers galt lange Zeit vor allem bei Homosexuellen – unter anderem wegen der Werbung mit sportlich-schlanken, blonden jungen Männern – als hip. Mittlerweile erfreut die Casual-Wear-Marke sich auch bei jungen Heterosexuellen – mit entsprechend dickem Geldbeutel – wachsender Beliebtheit. Und das Berliner Berghain, welches als schwuler Szenetreff begann, ist inzwischen weltweit bekannt als Technoclub und hat homo- ebenso wie heterosexuelle Gäste, die es anscheinend nicht stört und es vielleicht sogar genießen, dort auf Männer zu treffen, die keinen Hehl aus ihren „anormalen“ sexuellen Neigungen machen.

Doch was ist heutzutage sexuell „normal“ oder umgekehrt „anormal“ und was soll daran „natürlich“ oder im Umkehrschluß „unnatürlich“ sein?

Es gibt Menschen, die sich voreinander genieren und es nur im Dunkeln treiben, doch die meisten brauchen optische Reize zur Erfüllung ihrer sexuellen Wünsche und sind nackt, wenn sie miteinander ins Bett gehen, auch wenn der eine oder andere Mann unschicklich die Socken an-, aber das Gummi leichtsinnigerweise weg läßt. Mancher treibt es gerne von Zeit zu Zeit mit mehreren Frauen zugleich und hat auch nichts dagegen, wenn ein Kumpel ihm dabei aktiv Gesellschaft leistet. Ein Mann bevorzugt Blondinen, ein anderer hat lieber Rothaarige, ein Dritter schätzt fleischige Frauen mit großem Busen sowie ausladendem Hinterteil, ein Vierter hingegen gibt Mädchen oder Frauen mit knabenhafter Figur den Vorzug und ein Fünfter steigt lieber gleich zu einem Knaben oder Mann ins Bett, um mit dem „Unzucht“ zu treiben, wie es früher hieß.

Es sind die Zeiten vorbei, in denen ein Mann in der Regel die sogenannte Missionarsstellung beim „christlichen“ Beischlaf einnahm, der mit der Zeugung eines Kindes gesegnet sein sollte.

Es soll aber Leute geben, die es gern haben, wenn während des Beischlafes die Kirchenglocken läuten, als ob sie an den traditionell  „christlichen“ Zweck des Geschlechtsaktes erinnert werden wollen. Und es soll Muslime geben, die am liebsten mit einem Stoßgebet kommen und laut „Allahu akbar“ schreien, wenn sie ihren Orgasmus haben.

Die meisten Christen und Muslime nehmen es allerdings mit den Regeln ihrer Religionen nicht so genau, wenn der Sexualtrieb sie übermannt, und haben nicht nur Vaginal-, sondern auch Oral- sowie Analverkehr, der vor allem im islamischen Kulturkreis beim vorehelichen Geschlechtsverkehr beliebt ist; denn das Hymen einer Frau soll bis zur Eheschließung unversehrt bleiben, damit sie nicht ihre „Ehre“ verliert.

Homosexueller ist ebenso wie außerehelicher Geschlechtsverkehr zwischen Heterosexuellen nach christlichem und islamischem Verständnis von Gott verboten, dieses Verbot wurde aber im islamischen Orient zumeist nicht so streng gedeutet wie einst im christlichen Occident.

Homosexueller Geschlechtsverkehr kann zwar in den allermeisten Ländern des islamischen Kulturkreises mit Gefängnis und in einigen Ländern sogar mit dem Tode bestraft werden; doch zwischen Afghanistan und Marokko hat man es im Hinblick auf „Knabenliebe“ mit den religiös legitimierten Verboten oft nicht  so genau genommen: In Afghanistan sind es bis heute die „Tanzjungen“, die von vornehmen Herren nicht bloß gehalten werden, um den Gästen vorgeführt zu werden, sondern auch zur sexuellen Befriedigung des Gastgebers. (Foto r. (c) Franco Folini [CC BY-SA 2.0])

Und in Marokko hat man nach alter Tradition lange darüber hinweg gesehen, wenn Jünglinge sich näher gekommen sind, von ihnen aber erwartet, daß sie davon ablassen, wenn sie heiraten. Sogar unter dem offiziell streng religiösen Regime der Saudi hat man Verständnis, wenn ein Mann sich beispielsweise während der Schwangerschaft seiner Frau einen „Lustknaben“ hält.

Kaum einer von diesen Männern hält sich für homosexuell; denn sie treiben es mit Knaben ja nur, um ihre „Notgeilheit“ zu befriedigen, weil Mädchen schwer zu haben sind, und übernehmen beim Geschlechtsverkehr die Rolle des Aktiven. Sie benehmen sich insofern, wie es sich traditionell für einen Mann gehört, und brauchen sich auch nicht zu sorgen, daß sie nicht mehr geachtet werden, wenn herauskommt, mit wem sie es getrieben haben. Die Knaben oder noch mehr die Männer, die sich bei Geschlechtsakt passiv verhalten, benehmen sich dagegen nach dem Dominanzverständnis solcher Männer wie eine Frau, verlieren damit ihre „Ehre“ als Mann und werden insofern nicht nur verachtet, sondern riskieren auch, streng bestraft zu werden, wenn ihr Verhalten bekannt wird.

Unter diesen Gesichtspunkten ist die negative Einschätzung von Homosexualität im Grunde nichts anderes ein Symptom für die Verachtung von Frauen.