Zur Tagung junger konservativer Intellektueller in Rom. Ein Gastbeitrag von Dr. Wulf D. Wagner

Ein sonniger Samstagnachmittag in Rom. Der Besucher aus Deutschland staunt. Keine grölende Antifa. Und das, obwohl sich im eleganten – auch etwas kitischigen – Kongreßzentrum der Via Cavour meist jüngere Konservative oder Rechte – beide Begriffe werden ohne Scheu gebraucht –, überwiegend in Hemd und Krawatte einfanden. Zur Veranstaltung am 13. Oktober 2018 lud die im Frühjahr 2017 ins Leben gerufene Bewegung Nazione Futura unter ihrem 26-jährigen Vorsitzenden Francesco Giubilei.

Generalversammlung zur Kultur der Rechten

Der Tagungstitel „Stati generali della cultura di destra“ – übersetzen wir ihn mit „Generalversammlung zur Kultur der Rechten“ – klingt etwas hochtrabend. Doch der junge Giubilei darf mit Selbstvertrauen auftreten, ist er doch der anerkannt jüngste Verleger in Italien mit Historica und Giubilei Regnani. Neben zwei Buchhandlungen hat er die Internetseite cultora.it eingerichtet, und außer kleineren Schriften zwei auf ihre Übersetzung wartende Werke geschrieben: eine Geschichte der Kultur der Rechten in Italien (2018) und eine zum konservativen Gedanken (2016), in der er sich unter vielen anderen mit Thomas Mann, Arthur Moeller van den Bruck oder Caspar von Schrenck-Notzing beschäftigt. Auf Giubilei geht die Gründung des think-tank – er gebraucht den Anglizismus selbst – Nazione futura mit bereits ersten Freundeskreisen in verschiedenen Regionen Italiens, mit Internetseite und kleiner Zeitschrift zurück; rechtzeitig zur Tagung erschien die Herbstnummer „Rilanciare la cultura in Italia – idee e proposte“.

Zu diesem Ziel trafen sich rund 200 Personen und lauschten – oft zu „Silenzio!“ ermahnt – den über zwanzig vorwiegend jungen Sprechern kultur-politischer Projekte von Nord- bis Süditalien, die sich in je drei Minuten zum Thema „Kultur von rechts“ mit Ideen und Vorschlägen äußerten.

Die Frage der Kultur als politische Aufgabe

Auch hier staunt der Deutsche. Warum stellt sich diesen Jungen in einem Land, in dem man auf Schritt und Tritt von Kunst und gelebten Traditionen umgeben ist, die Frage der Kultur als politische Aufgabe. Doch schnell wird klar, kaum anders als in Deutschland überließen auch in Italien Konservative und Rechte 1968 fast kampflos die Kultur der Linken, die seither alle Bereiche und Posten im Kulturbetrieb, die Hegemonie in den Medien und die Ideologisierung der Schul- und Universitätspolitik im Griff hält. Hier setzte die Tagung an. Man war sich einig, „es gibt keine gute Politik ohne eine kräftige Verbindung zur Kultur“ (Giubilei).

Doch wie müßte eine neue Kulturpolitik auszusehen? Wie kann die Rechte ihre einst gerade auch geistig-kulturelle Stellung zurückgewinnen? Gilt der Begriff „rechts“ überhaupt noch? Giubilei möchte nicht darauf verzichten, denn er „beinhaltet eine Geschichte, eine Welt, ein Pantheon an Werten, die es auch heute wert sind, gekannt und vertieft zu werden.“

Dieser Vertiefung diente die Zusammenkunft, zunächst indem sie ein besseres Kennenlernen der Gruppen und Personen ermöglichte. Dass einzelne Überlegungen der Kurzauftritte und im Tagungsheft nicht ganz ausgereift wirken, ist jugendlichem Überschwang geschuldet, und Veranstalter wie Herausgeber durchaus bewußt. Nicht von ungefähr forderte Daniele Dell’Orco, ein weiterer Tausendsassa von Nazione Futura, bereits im Eröffnungsvortrag dazu auf, sich ständig zu verbessern.

Eine Schulstunde pro Woche zur „Italienischen Identität und Kultur“

Um es daher nicht bei vagen Reden zu belassen, unterzeichneten die Repräsentaten einen Aufruf an die Regierung: 1. Steuerfreiheit in den ersten zwei Jahren für kulturelle Projekte, die von unter 35-Jährigen gegründet werden, 2. Reduzierung der Steuern für Kulturschaffende, und 3. wenigstens eine Schulstunde pro Woche zur „Italienischen Identität und Kultur“. Keine umstürzenden Ideen, sondern ein Anfang auf der Suche nach gemeinsamen Nennern der vielleicht bei anderen Themen auseinandergehenden Haltungen.

Im zweiten Teil des Nachmittags vertieften acht Professoren und Politikern die zuvor gestellten Fragen. Die meisten sind bei uns unbekannt, so Daniele Capezzone, Fabrizio Tatarella oder Marcello De Angelis. Es wird Zeit, dass wir uns mit ihren Ideen beschäftigen. Etwa mit dem auch im italienischen Fernsehen bekannten jungen Philosophen Diego Fusaro, der Marx und Gramsci genauso rezipiert wie Fichte oder Gentile. Dass er auch für die mit CasaPound verbundene Internetseite und Monatsschrift „Il primato nazionale“ schreibt, würde in Deutschland zu seinem Ausschluß aus dem öffentlichen Diskurs führen, in Italien hingegen finden sich seine Werke in wirklich jeder Buchhandlung.

Haben Konservative – neben dem Widerstand gegen die Moderne – eigene Visionen?

Für diesen freien Denker sind die Rechten heute nicht nur geistig offener sondern gar „linker“ als die Linke, weil diese auf der Seite der Globalisierer stehe. Hier setzte der Zeithistoriker Marco Gervasoni an, der die Begriffe rechts und links verwarf und stattdessen zwischen Globalisten, die die Natur des Menschen umkonstruieren wollen, indem sie ihn aus allen Beziehungen herauslösen, und Konservativen unterschied, die den Menschen mit seinen naturgegebenen Mängeln akzeptieren, seine Vielfalt zu bewahren hoffen.

Der Politikwissenschaftler Giovanni Orsina fragte daher kritisch, ob die Konservativen die Entwicklungen der Moderne nur verlangsamen bzw. umkehren wollen oder ob sie neben Widerstand eigene Visionen anzubieten haben. Hierin sah er die entscheidende Herausforderung und bestätigte somit den Grundgedanken der Tagung.

An dieser Stelle merkte man erneut, wie gut das Programm durchdacht war, denn der dritte Teil am Abend leitete von den Ideen zum konkreten politischen Handeln über. Drei statt der angekündigt sechs Politiker berichteten aus ihrem politischen Leben und Alltag, darunter der ehemalige Minister für Kommunikation Maurizio Gasparri von Forza Italia. Sie sprachen den Anwesenden nicht nur Mut zu.

Roberto Menia, Präsident des Movimento Nazionale per la Sovranità, äußerte deutliche Selbstkritik an seiner politischen Vergangenheit und damit an jener der Rechten und Konservativen überhaupt. Das war sympatisch ehrlich, und zeigte, wie lehrreich der Austausch zwischen den Generationen sein kann.

Intellektuelle Front von rechts

Der letzte Redner, der Parlamentarier Andrea Delmastro von Fratelli d’Italia, weckte das Publikum nochmals kräftig auf und forderte von den Jungen, eine intellektuelle Front von rechts gegenüber der neuen Regierung zu bilden, deren Idee etwa eines bedingungslosen Grundeinkommens er – wie Redner zuvor – als sozialistisch ablehnte.

Bedauerlicherweise war das Programm so dicht, dass keine Diskussion stattfand. Doch nach diesem gelungenen Auftakt hofft Giubilei, dass sich die Veranstaltung zu einem jährlichen Treffen und damit Austausch entwickelt.

Gegenüber dem Autor äußerte er sein Interesse, einmal eine Tagung zum Konservativismus und den Verbindungen zwischen den Rechten beider Länder in Berlin zu organisieren. Ob man in Deutschland schon soweit ist? Dabei könnten wir lernen, wie frei in Italien untereinander und mit Begriffen und Denkrichtungen umgegangen wird, wie man das gesamte Erbe – auch des Faschismus und Kommunismus – befragt, ohne sich geistig einzuschränken.

Unser Blick nach Italien, an dessen Spitze eine junge Regierung steht, wird wichtiger. Beginnen wir, junge Denker des Landes kennenzulernen und erst zu nehmen.

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Zum Autor: Dr. Wulf Dietrich Wagner (* 10. Mai 1969 in Mannheim) ist ein deutscher Architekturhistoriker. Er publizierte vor allem zur Bau- und Kulturgeschichte Ostpreußens. Besondere Beachtung fanden seine Veröffentlichungen zur Geschichte des Königsberger Schlosses (Wikipedia).

(Foto: Wulf D. Wagner links außen, neben Vera Lengsfeld und Adam Baron von Syburg auf der Geburtstagsfeier von PP)

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Nachtrag: Der Text erscheint verspätet nun dankbarerweise auf philosophia-perennis, da er am eigentlich vorgesehenen Erscheinungsort ohne Erklärung nach längerem Schweigen abgelehnt wurde.

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