Warum es für Gaulands Äußerung keine Entschuldigung gibt, auch wenn er kein Antisemit oder Verharmloser der NS-Verbrechen sein will. Ein Gastbeitrag von Josef Hueber

Das öffentliche Entsetzen in Deutschland, in den Medien und unter den immer schon für den Schutz von Juden und Israel eintretenden, altparteilichen Politikern, war verständlicherweise  absehbar. Die Barbarei Hitlers und seiner Schergen, nicht mehr entflechtbar mit der Nazizeit und dem Holocaust, eignet sich, verdammt nochmal, niemals zum Vergleichsobjekt, denn die Einmaligkeit dieser Phase deutscher Geschichte innerhalb der europäischen Kultur lässt keine Relativierung zu, wie sie mit jedem Holocaust-Vergleich einhergeht.

Dies betrifft gerade auch die Möglichkeit bewusst instrumentalisierten, sprachlichen Missverständnisses, wie sie in Gaulands Äußerung, trotz seiner Klarstellung, wohl vorliegt. Das Schreckgespenst des deutschen Journalismus kann ein Lied davon singen. Als es seinen Gegnern sarkastisch unterstellte, sie würden es am liebsten um die Ecke bringen, doch leider seien die KZs abgeschafft, unterstellte man ihm, es würde die Wiedereinführung von KZs herbeiwünschen. So geht demokratische Gesinnung und Meinungsfreiheit unter Heuchlern im Fach Journalismus.

Dennoch ist der Verdacht bewusster politischer Provokation in Gaulands Äußerung nicht von der Hand zu weisen. Ein Politiker mit lebenslanger Erfahrung wie er kann sich sprachlich nicht zufällig öffentlich so vergreifen, als hätte er noch nie etwas von politischen Gegnern in Lauerstellung gehört, die nur darauf warten, seine Äußerung gegen ihn zu richten und auszuschlachten.

Doch Unvorsichtigkeit gegenüber seinen eigenen Interessen kann nicht der einzige Vorwurf gegen den vermutlichen Schöpfer des nächsten Unworts des Jahres sein. Bei allem Unwillen eines kritischen Verstandes, die ständigen verbalen Anwürfe gegen die einzige wirkliche Opposition im Bundestag in ihrer Pauschalität (Rassismus, Nationalismus et et et) ernst zu nehmen, bleibt der Verdacht, dass Gauland, auch wenn er kein Antisemit ist, die wirklichen Antisemiten außerhalb der AfD als Wähler einem Anziehungsmagnetismus aussetzen wollte. Arithmetisch gesprochen: die wegen der 5% Klausel verlorenen Stimmen am tatsächlich rechten Rand in den grundsätzlich konservativen Bereich der AfD hereinzuholen. Einfach, um deren Stimmen bei den nächsten Wahlen, wegen der besagten Klausel, nicht im Papierkorb landen zu lassen.

Das wäre nicht anständig. Selbst wenn es die in der Öffentlichkeit akzeptierte Anstandslosigkeit im politischen Geschäft gibt, die neo- oder altkommunistischen Stimmen, letztere herübergezogen aus der DDR, der Nachfolgepartei der Vertreter des von keinem Ochs oder Esel aufzuhaltenden Sozialismus – unter dem Etikett „demokratisch“- einzuverleiben.

Wie reagierten diejenigen, die vor allen anderen das Recht dazu haben, ihrer Empörung über Gaulands Äußerung Luft zu verschaffen? Die Eingabe einiger relevanter Stichwörter (*bird- shit- gauland- comment- reaction- israel- media* )  ergab bei Google an vorrangiger Stelle Treffer von Times of Israel, Jerusalem Post und Haaretz. (Die Ergebnisse werden übersetzt zitiert)

The Times of Israel ist erstaunlich sachlich in ihrer Berichterstattung, die keine Stellungnahme zu Gaulands Äußerung enthält, sondern lediglich die Fakten. Haaretz, das linke Blatt, vergleichbar mit der SZ, bringt unter „Opinion“ (Meinung) den Artikel: „ Die wirkliche Geschichte, wie die Nazis in den Bundestag zurückgekehrt sind.“

Die Jerusalem Post , die bekannteste konservative Qualitätszeitung, titelt: „AFD-CHEF WEGEN VERHARMLOSUNG VON NAZIS IN DER DEUTSCHEN GESCHICHTE GETADELT“.  Es folgt eine rein sachliche Wiedergabe der Äußerungen der Vertreter der Altparteien im Bundestag sowie der AfD.

Die Eingabe von Netanyahu-Gauland ergab keine Ergebnisse auf Google. Merkel-Gauland verzeichnet eines Artikel der FAZ: „Merkel wirft AfD Rassismus vor“.

Eine zufällig entdeckte, zwar nicht tagesaktuelle Meinungsäußerung, verdient dennoch Beachtung.

Rafael Eitan, ehemaliger Mossad-Offizier, der für die Festnahme von Adolf Eichmann in Argentinien erfolgreich verantwortlich war,  wurde heftig kritisiert, nachdem er die AfD bei einer Veranstaltung zum Internationalen Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag öffentlich gelobt hatte. Hier seine Stellungnahme:

„Die AfD ist eine große Hoffnung für viele Menschen, nicht nur in Deutschland, sondern auch für uns in Israel und in vielen westlichen Ländern.“

Darf man dem Eichmann-Jäger unterstellen, dass er eine gut entwickelte Spürnase hat und echten von politisch motiviertem, unterstelltem Antisemitismus unterscheiden kann?

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Marilyn
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Marilyn
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Jägerlatein und Shoa gehören einfach nicht zusammen.

Alles! nur nicht das was uns nicht passt!
Gast
Alles! nur nicht das was uns nicht passt!

Die Frage ist doch nur, ob der Vogelschiss von der Meinungsfreiheit gedeckt ist oder nicht.

Was meinen all die Meinungsfreien dazu? In diesem Einzelfall drauf geschissen, nehm ich mal ganz stark an.

maru
Gast
maru

Oha, rechnen kann er also auch nicht. Wegen 5% ganz rechter Stimmen 10-15% der bürgerlichen Mitte durch Abschreckung zu riskieren ist waghalsig und dumm.

Er bzw. die AfD muß sich schon entscheiden: entweder die 5% oder die konservative Mitte, die bis zur 25-30% Marke reichen kann.
Wir haben am WE mit 8 Freunden drüber geredet und wählen die AfD solange nicht (mehr) wie G. Vorsitzender ist.

Jürg Rückert
Gast
Jürg Rückert

Unser Glaubensbekenntnis enthält den Punkt „Wir sind Vogelschiss!“ Wer sich dessen verweigert wird ausgestoßen.

Andokides
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Andokides

Trotz alle Parteitaktik, hier hört sie auf und muss sie aufhören, vor allem in Deutschland, immer. Dieser Teil der deutschen Geschichte ist der schändlichste, den sich ein Land auf der Welt vorstellen mag und da kann es keinerlei Kompromisse geben. Da geht es um s sogen. Eingemachte einer Gesellschaft und um die Achtung vor den Opfern.

twsan
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twsan

Bitte nicht vergessen,dass man von Deutschland aus auch ausländische Reaktionen steuern kann. Wer „haltet den Dieb“schreit – und dabei auf den Zivilpolizisten zeigt,der wird zunächst erreichen,dass der Dieb entkommen kann und der Zivilpolizist festgehalten wird. Auf Gauland und die AfD bezogen hat man damit zumindest schon mal eine negative Stimmung, wenn nicht sogar eine Vorverurteilung erreicht.

Peter Seidler
Gast
Peter Seidler

selbstverständlich hat Gauland mit dem „Vogelschiss“ bewusst politisch provoziert. Allerdings nicht, um Antisemiten als Wähler zu gewinnen, sondern um Grenzen zu verschieben, die überhaupt dazu geführt haben, dass die Deutschen diese selbstzerstörerische Masseneinwanderung kritiklos hingenommen haben. Ohne die obsessive NS-Focussierung und das Einhämmern der Schuld wäre das nicht möglich gewesen.

Freespeech
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Freespeech
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„die wegen der 5% Klausel verlorenen Stimmen am tatsächlich rechten Rand in den grundsätzlich konservativen Bereich der AfD hereinzuholen.“
Sicher nicht. Dann wären ich, und so wie ich sie kenne, auch viele andere raus aus der Partei. Wir sind Schwulen – Ausländer – und Israelfreundlich, aber wir haben grundsätzlich etws gegen den Islam!

Hans Schafranek
Gast
Hans Schafranek

Jedem sein jüdischer Kronzeuge. Den linken Antisemiten Tom Segev, den rechten Philosemiten Rafael Eitan. Nur für Gauland wird es eng. Vielleicht käme Moishe Friedman (von der ultraorthodoxen, reaktionären Sekte Neturei Karta) in Betracht, der 2006 seinen Dreck bei der Teheraner Holocaust-Konferenz abladen durfte…..

Ein Leser
Gast
Ein Leser

Apropos: War Johanna Feldman eigentlich Jüdin und, wenn ja, welche Rolle spielte das bei ihrer Ermordung? Was wissen / sagen die entsprechenden Interessenvertreter?

Hans Adler
Gast
Hans Adler

Man kann sich mächtig angeilen an Gaulands Vogelschiss und manchem Zeitgenossen „kommts“ warmwohlig dabei. Währenddessen können Musels auf Juden losgehen, Empörung gleich Null. Was für ein Killefit, die Naziwelle schwappt durch’s linksgrüne Sozi-Ländle, seit 2015 weitaus mehr als alle Jahre zuvor.
Scheinbar hat die Entnazifizierung nicht funktioniert, die Integration allerding ebenso wenig.

Dwarsdryver
Gast
Dwarsdryver

Oh ja, wir Deutschen sind die grössten, schönsten, kompetentesten – am Deutschen Wesen soll die Welt genesen. Dies gibt dann zwangsläufig auch für die dunklen Kapitel in der deutschen Geschichte, Superlative müssen her, ein Vogelschiss geht dann schon mal gar nicht. Ich freue mich zu hören, dass die Israelis, die JUDEN, kann man sowas noch sagen?, dem Ganzen gelassener entgegen stehen.

Edgar
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Edgar
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Deutschland scheint angesichts zahlreicher Messer – und Verbrechensopfer seitens der Merkel-Gäste keine anderen Probleme zu haben als sich an solch einem Wort hoch zu ziehen.
Mal ist auch gut. Selbst das er sich entschuldigte will man nicht wahr haben , hackt immer weiter auf ihm herum und terrorisiert ihn.
Das in Deutschland massiv Gesetze gebrochen und Gefährder auf uns los gelassen wurden.

Marilyn
Gast
Marilyn

Ich habe keine Motivation mehr, vor meinen Freunden immer wieder die angemessenen Inhalte zu verteidigen oder sein Jägerlatein zu rechtfertigen. Diese Partei sollte langfristig denken. Der Stimmenanteil von rechts ist ja gesichert. Viel wichtiger ist es, die Mitte zu erreichen. Und dazu gehört eine angemessene Sprache. Ich verstehe nicht, warum man ihn nicht kritisieren darf,er ist kein Gott.

Andreas Donath
Gast
Andreas Donath

Gauland, und ich kenne ihn von früher einigermaßen, ist ein anständiger, redlicher Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tun würde. Ganz im Gegensatz zu den bösartigen Fanatikern, die nicht einmal um ein bestialisch ermordetes 14-jähriges Mädchen zu trauern bereit sind, „weil es den Falschen nützen könnte“. Merkel, Roth und Co. sind unsere Gegner – und die besitzen nicht den Anstand eines Gauland.

mareli
Gast
mareli

Man kann alles solange drehen und wenden bis ein Schuh daraus wird, Tatsache ist, unsere derzeitige
Kanzlerin wird weder als Fliegen noch Vogelschiss, sondern als Elefantenschiss in die Geschichte
Deutschlands und Europa eingehen.

Axel Görke
Gast

Auch in diesem Beitrag wird wieder davon gesprochen, dass die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland etwas Einzigartiges sei (…die Einmaligkeit dieser Phase deutscher Geschichte…).
Das stimmt. Es gibt den (schönen?) Satz, daß sich Geschichte niemals wiederhole. Insofern ist jedes geschichtliche Ereignis enmalig und einzigartig.

Andreas Donath
Gast
Andreas Donath

Für mich ist das Thema durch. Gauland hat sich entschuldigt – und das soll es auch gewesen sein. Es war nicht mehr als eine unglückliche, bei bösem Willen gegenüber der AfD – und davon wimmelt es nur so im politisch-medialen Mainstream – missverständliche Formulierung. Ich halte es für heillos überinterpretiert, hier den Vorsatz hineinzudichten, dass er ultrarechte Kreise damit habe ködern wollen.

SaBaWe
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SaBaWe
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Die Aussage wurde genauso falsch zurechtgelegt wie die zurµck liegende Aussage der Frau Frauke Petry.

Es wird sich alles zurechtgelegt wie es sich für üble Denunzianten gebührt.

Und was Israel dazu meint interessiert nicht.

Die sollen besser vor eigener Türe kehren!

Ich sage da nur Barbara Lerner Spectre!
Die Ehrenbürgerin Israels!

Ceterum
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Die Fliegenschiss-Aussage von Gauland ist ein Fliegenschiss.

marion hartmannsweier
Gast
marion hartmannsweier

Vogelschiss: ist doch ein nettes und verständliches Wort, im Gegensatz zu „Rattenfänger“, das von den etablierten Parteien verwendet wird, um AfD Wähler – also Menschen- zu diffamieren! Natürlich war es eine Provokation von Gauland, aber er hat wenigstens klargestellt, wie es gemeint war.